Natürlich habe ich eine Schere im Kopf – aber sie ist nicht dort, wo einige sie vermuten würden

Besonders der Kondom-Vergleich ist für mich als frischgebackene Erotik-Autorin, die sich durchaus in der Verantwortung sieht, Safer Sex in ihren Romanen zeigen, ein Schlag ins Gesicht.

Content Notice:

Erwähnung von Rassismus und Untergruppierungen, Ableismus, Saneismus, Queerfeindlichkeit, Transfeindlichkeit. Erwähnung von Slurs zu Definitionszwecken. Erwähnung von BDSM.

Wer mir auf Twitter folgt, wird gesehen haben, dass einige meiner Tweets der letzten Zeit sich auf einen Blogpost beziehen, den ich hier bewusst nicht verlinken möchte. Man muss manchen Gedanken nicht auch noch zusätzlich Reichweite verschaffen, selbst als kleiner Mini-Blog mit genau 0 Abonnent*innen nicht. Kurz und knapp: In diesem Blogpost wurde das Schreiben von Geschichten mit diversen Figuren, das Nutzen von Angeboten wie dem Sensitivity Reading, achtsames Verhalten gegenüber anderen – wie das Setzen von Trigger-Warnungen herabgewürdigt.

Unter anderem, indem es mit „Sex mit Kondom“ verglichen wurde, das ja angeblich auch „nicht so gut wie das richtige Ding“ sein soll. Oder mit einer Schere im Kopf, die angeblich die Leute daran hindert, die Geschichten zu schreiben, die sie wollen.

Besonders der Kondom-Vergleich ist für mich als frischgebackene Erotik-Autorin, die sich durchaus in der Verantwortung sieht, Safer Sex in ihren Romanen zeigen, ein Schlag ins Gesicht. Unter dem Artikel suhlten sich dann etliche Menschen – nicht nur cis Männer – in ihrer Ewiggestrigkeit. „Ich habe vor x Jahren einen diskriminierenden, fatshamenden Text geschrieben und wurde jahrzehntelang dafür abgefeiert, aber jetzt geht das nicht mehr“ ist die Paraphrase eines der Kommentare. Glückwunsch, werte Kommentierperson – du hast dich soeben in aller Öffentlichkeit als … sagen wir, nicht besonders guter Mensch geoutet ;-).

Ein kleines Problemglossar

Leute, die schreien „Das wird man wohl noch sagen müssen“, verteidigen dabei in der Regel Ismen.

  • Rassismus im Allgemeinen(„Ich darf die Süßigkeit ja wohl noch als N-Kuss bezeichnen!“ – Nein. War damals schon nicht okay, 2019 sind wir fortschrittlich genug, um flächendeckend zu erkennen, dass es sich dabei um ein Schmerzenswort handelt und verwenden es daher nicht mehr.)
  • Antisemitismus, Antiziganismus*, Islamfeindlichkeit, Antislawismus im Besonderen. (Ich weiß gar nicht, wie viele unnötige Klischeedarstellungen aller vier Gruppen ich schon gesehen und gelesen habe, die alle nicht zustande gekommen wären, wenn auch nur mit einer Handvoll von Betroffenen geredet worden wäre.)
  • Queerfeindlichkeit im Allgemeinen,(„In meinen alten Texten durfte ich auch über Schwule schreiben, die sehr tu…“ – Nein. Das war nie okay, solche Stereotypen schaden betroffenen Menschen. Es ist gut, dass sowas inzwischen nicht mehr einfach stehen gelassen wird)
  • Transfeindlichkeit im Besonderen,(Da fallen mir gerade keine knackigen Beispiele ein, aber es soll ein ziemlich furchtbares Buch verfilmt werden, bei dem ein Mensch vorgibt, trans zu sein, um lesbische Frauen abzuschleppen. Das … ist sowas von nicht okay und schadet realen trans Personen)
  • Ableismus (Ich erinnere mich aus meiner Kindheit an Bücher mit „Quoten-Rollifahrer*innen“, deren ganze Persönlichkeit genau das war – Quoten-Rollimensch zu sein) und daraus abgeleitet Saneismus (Es schadet realen Menschen mit psychischen Erkrankungen, wenn diese in der Literatur falsch dargestellt werden oder beispielsweise Faschist*innen als „dumm“ / „geistig krank“ bezeichnet werden).

    * Das Wort ist umstritten – Betroffene schlagen als Ersatz Gadje-Rassismus (Rassismus durch Nicht-Roma gegenüber Betroffenen) und Antiromaismus vor, aber die Begriffe umfassen nicht alle betroffenen Gruppen. Meine Recherchen ergaben bisher auch keinen besseren Begriff, der wirklich alle Betroffenen umfasst. Wenn ihr was wisst – schreibt mir eine Mail oder einen Kommentar, ich editiere den Artikel!

Schließlich habe man „früher“ noch alles schreiben dürfen, aber jetzt kommen die ganzen „SJW“ und wollen im Namen der „Politischen Korrektheit“ die Literatur kaputt-feminismisieren. Oder irgendwie so.

Okay. SJW – Social Justice Warrior – ist ein rechter Kampfbegriff und soll Menschen diskreditieren, die sich für genau eins einsetzen – dass man sich nicht konsequenzenlos wie die Axt im Walde gegenüber marginalisierten Personen verhalten darf. Vergleichbar mit dem deutschsprachigen „Gutmensch“. „Politische Korrektheit“ ist ebenfalls ein rechter Kampfbegriff – und soll genau das diskreditieren, was für mich unter schlichtem menschlichen Anstand fällt. Man benutzt keine Schmerzenswörter, man setzt Triggerwarnungen und wenn man über eine Gruppe schreibt, von der man keine Ahnung hat, bittet man jemanden aus der Gruppe, drüberzulesen.

Das ist keine „Korrektheit“, das ist schlicht und ergreifend menschlicher Anstand.

Nachdem wir die Begriffe geklärt hätten … präsentiere ich euch …

Die heilige Schere des Patriarchats

Klingt überzogen? Mag sein.

Was ich damit meine, wird hoffentlich gleich deutlich werden. Einer meiner ersten Tweets auf meinem frischen Account lautete:

Ich habe mit Fenia eine Protagonistin erschaffen, die für sich einsteht. Sie weiß genau, was sie will – und was sie nicht will. Letzteres setzt sie stets durch und sagt auch laut und deutlich, wenn etwas für sie nicht in Ordnung ist. Wenn sie nicht möchte, dass man sie anfasst oder ohne Absprache etwas mit ihrem Körper tut.

Eigentlich vollkommen normal.

Aber auf einmal war da diese Frage: „Ist Fenia zickig? Darf ich eigentlich eine Frau so schreiben?“

Mir stellte sich nie die Frage, ob ich über Fenias BDSM-Fantasien mit einer Zöllnerin schreiben darf. Mir stellte sich auch nie die Frage, ob es in Ordnung ist, dass sie im Laufe des Buches mehrere Frauen daten darf. Sie war von Anfang an, schon als sie auf einem Plotbunny in meinen Kopf gehoppelt ist, das, was man als „divers“ bezeichnen würde. Nicht, weil man „heutzutage zwingend divers schreiben muss, sonst wird man auf Twitter in der Luft zerrissen“, sondern … sie war einfach da und sie war einfach so und das war von Anfang an für mich selbstverständlich.

Ich habe ihr weder ihre Kinks, noch ihre Sexualität noch sonstwas gegeben, weil „man das heutzutage so macht“, sondern weil sie sich mir so präsentiert hat und ich mich dem Diktat einer Figur stets beuge.

Aber ich hatte lähmende Zweifel, ob ich das Recht habe, eine selbstbestimmte Frau zu schreiben, die aktiv über ihre Sexualität bestimmt, statt die Dinge passiv und duldend über sich ergehen zu lassen. Die Unsicherheit, ob sie dann noch sympathisch ist, liebenswert, ob man ihr Abenteuer noch weiterverfolgen will, wenn sie „nicht brav“ ist.

Mehrere Tage in Folge musste ich mich zwingen, weiterzuschreiben. Immer wenige Wörter pro Tag, meist knapp über hundert. Ich kannte die Geschichte, aber ich hatte Angst, dass das niemand lesen will. Weil Fenia kein jungfräuliches graues Mäuschen ist, das sich dem erstbesten Mann unterwirft, der sie mit einem düsteren Gesichtsausdruck und einem alles überschattenden Geheimnis in seine Fänge lockt und dessen Allüren sie wortlos über sich ergehen lassen muss, um eine würdige Protagonistin zu sein.

Dann las ich auf Twitter den Manuskriptaufruf von „Littera Magia“:

Unter anderem steht auf der verlinkten Seite klipp und klar:

Bei erotischen Geschichten lege ich einen sehr hohen Wert auf Freiwilligkeit. (Fast) Vergewaltigungen haben in unseren Büchern keinen Platz.

aus https://www.litteramagia.eu/manuskripte/

Und ich las immer mehr Tweets, in denen die Leute darum baten, nicht immer nur vom grauen Mäuschen zu lesen und auch mal Frauen zu sehen, die aktiv sind. Die handeln. Weg vom Klischee. Frauen, die sich – wenn sie sich denn nun unterwerfen – dies bewusst tun, ohne damit ihre Agenda aufzugeben. Die, wenn sie etwas mit jemand anderem anfangen, nicht automatisch ihren Verstand an der Garderobe abgeben und ihr ganzes Leben nur noch dem „Significant Other“ widmen.

Frauen wie Fenia.

Und dann wusste ich – ich schreibe nicht nur für mich. Und ich werde weitermachen. Weil ich daran arbeiten muss, die Schere namens „Internalisierte Misogynie“ aus meinem Kopf zu bekommen. Und vielleicht können meine Geschichten dazu beitragen, diese Scheren auch aus den Köpfen anderer Menschen zu beseitigen.

Diversität und Anstand sind keine Scheren.

Internalisierte Ismen schon. Und wir alle können an uns arbeiten und dafür sorgen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.