Eigentlich geht es mich nichts an, aber uneigentlich dann doch – oder: PAN e.V. vs die #Moralapostel_in (en)

Ich bin ein recht kleines und recht neues Licht und ich habe, wie schon bei meinem ersten Meinungsposting, das Gefühl, ins Leere zu schreiben. Trotzdem kann ich nicht anders, weil die Dinge nun auch einmal gesagt werden müssen, die mir durch den Kopf gehen. Nicht nur im flüchtigen Format eines Twitterthreads, den ich hinterher nie mehr wiederfinden werde, um mich daran zu erinnern, was da los war, sondern hier. Stets leicht durch die Stichwörter herauszusuchen und so. Zumindest für mich. Vielleicht auch für andere, die bei der ganzen Diskussion ein diffuses Unbehagen spüren, aber nicht in Worte fassen können. (So wie es mir früher oft ging, ehe ich mich mit Problematiken beschäftigt habe und anfing, Worte für meine Fragen zu finden. Leider hat das selten Antworten gebracht.)

Was genau ist eigentlich passiert?

Der Verein „Phantastik-Autoren-Netzwerk E.V.“, kurz „PAN“, veranstaltet dieses Jahr zum fünften Mal ein Branchentreffen. So weit, so normal. Wie jedes Jahr kommen dabei unterschiedliche Menschen bei Vorträgen, Interviews und Panels zu Wort. Auch da ist noch nichts verwerflich. Allerdings hat der Verein dieses Jahr einen Gast geladen, dessen Vortrag dem widerspricht, was der Verein in den letzten Jahren aufgebaut hat:

Screenshot:

13.45
Rettet die Kunst vor den Moralaposteln!
* Peter Kees, Konzeptkünstler
Screenshot: Programm des 5. Brachentreffens

Dieser Autor ist allerdings kein Unbekannter in der Literaturszene. In einem gleichnamigen Artikel / Podcast bei „Deutschlandfunk Kultur“ macht er einen Rundumschlag à la „alter weißer dya cis Mann“: Achtsamkeit in der Literatur und das Übernehmen von Verantwortung gegenüber den Leser*innen in Form beispielsweise von Sensitivity Reading und Triggerwarnungen ist in seinen Augen das Ergebnis der Taten einer „Kulturpolizei“ und die einfache Aufforderung, auch in der Kunst einfach mal kein Arschloch zu sein, wird von ihm mit dem Begriff der „politischen Korrektheit“ umschrieben. Nur um sich anschließend in der Opferrolle zu suhlen.
Leser*innen wollen Bücher von Menschen nicht mehr lesen, die ihnen ihre Existenz absprechen und sagen, dass sie auf ihre Bedürfnisse pfeifen? Oh, wie können die Leser*innen nur, da muss man sofort das Nazi-Label auspacken und sich selbst auf die Stirn kleben.

Uff.

Der Artikel liest sich wie ein Bullshitbingo voller rechter Kampfbegriffe (siehe der ganz oben verlinkte Blogpost, da erläutere ich das ein wenig näher). Und nun bekommt dieser Mensch 45 Minuten, um unwidersprochen sein Gedankengift auf die Anwesenden zu träufeln.

Andere Autor*innen sind berechtigt empört, darunter auch etliche Mitglieder des Vereins und mindestens eine der Vortragenden (die ich sehr schätze).

Problematische Reaktion des Vereins

Mehrere Tweets, darunter einer von Susanne Kasper, kritisierten den Programmpunkt berechtigt. Die Antwort darauf fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrupe:

Screenshots zweier unsignierter Tweets von PAN e.V.:

Gerade kontroverse Themen, die zur Diskussion und zum Meinungsaustausch führen, sollten dieser Tage eine Plattform bekommen. Es kann nicht im Sinne der Kunstschaffenden sein, sich innerhalb ihrer Filterblasen gegenseitig die Schultern zu klopfen und sich zu vergewissern, dass schon alles schön ist, wenn man nur unter sich bleibt. Unterschiedliche Standpunkte führen zu Reibung und gerade die macht Diskussionen interessant.
Ein Screenshot der Tweets von PAN e.V. – unsigniert. (Quelle)

Und? Müsst ihr schon „Bingo!!!“ schreien?

Das Problem ist: Das Ganze wirkt sehr fadenscheinig.

Die Form des Programmpunktes – ein Vortrag, bei dem der Vortragende ungestört und unwidersprochen seine reaktionären Ideen eines Diskurses vortragen darf – ist für eine Diskussion ungeeignet (wie auch schon auf Twitter kommuniziert wurde), wodurch sich der Verein wiederum reaktionär und diversitätsfeindlich positioniert.
Selbst wenn man anschließend eine Diskussion laufen lässt: Zunächst einmal haben diese reaktionären Ansichten freie Bühne. Menschen, die sich für die Repräsentation marginalisierter Gruppe in der Literatur stark machen, für Achtsamkeit und Sensitivity Reading, für einen Fortschritt in der Fantastik, werden 45 Minuten lang beschimpft – und sollen danach höflich und freundlich mit dem Beschimpfenden über ihr Recht auf die eigene Kunst und über ihre eigene Daseinsberechtigung diskutieren? Dabei beide Seiten sehen?

Ich verlinke Judiths Tweet, unter dem ich mich geäußert habe:

Ich will es eigentlich diplomatischer formulieren, aber: WTF?!

So oder so – die Marginalisierten haben verloren. Es gibt keinen Weg für uns, einen so gestalteten Diskurs zu gewinnen. Das tut weh. (Im Übrigen auch eine Form, wie sich Marginalisierung äußert – dadurch, dass die privilegierte Seite den Diskurs so formt, dass marginalisierte Stimmen gar keine Möglichkeit haben, für sich einzustehen. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Wut u. a. bei Frauen und insbesondere bei WoC nach wie vor oft mit dem Entzug der Glaubwürdigkeit bestraft wird. Siehe dazu dieser Artikel imSZ-Magazin (CN: Cis-Sexismus) und dieser englischsprachige Wikipedia-Artikel. Ich bin mir sicher, dass es entsprechende Artikel auch im Bereich Ableismus und über queere Menschen gibt, zumindest im Bereich Ableismus erinnere ich mich an entsprechende Tweets vom Rollifräulein und Anastasia Umrik. Die ideale „Non abled“-Person hat gefälligst dankbar und demütig zu sein, sonst leidet die Glaubwürdigkeit und es wird keine Hilfe erteilt, so die Erfahrung von ihnen und zahlreichen weiteren Aktivist*innen und Betroffenen.)

Der Schaden ist bereits angerichtet, auch wenn der Verein nun zurückrudern möchte und versucht, eine Podiumsdiskussion in Anschluss an den Vortrag zu organisieren (Quelle).

Mit der Argumentation, man solle doch „beide Seiten“ hören und „auch die andere Seite hat ihre guten Punkte“ wird die Hufeisentheorie, die schon in der Politik zu einem Rechtsruck geführt hat und erwiesenermaßen mistig ist (eine Erklärung des Konzeptes gibt es hier, auch wenn meiner Meinung nach die Kritik in diesem Artikel zu kurz kommt) in die Welt der Literatur eingeführt. Das ist problematisch, ich schreibe weiter unten, warum.

Die Glaubwürdigkeit eigener Aktionen leidet darunter

Der gleiche Verein, der unter anderem daran beteiligt war, das Projekt „Think Ursula“ und das Nachfolgeprojekt „Dream Ursula“ zu initiieren oder mit der Phantastik-Bestenliste eine Genre-Instanz geschaffen hat*, die dazu dienen soll, die Vielfalt qualitativ hochwertiger Publikationen aus dem Genre aufzuzeigen, lädt nun einen Redner ein, der gegen all das ist, was der Verein geschaffen hat. Zumindest sieht es so für mich von außen aus. Und auch wenn ich viele Mitglieder persönlich sehr gerne mag und als Autor*innen und Expert*innen schätze, leidet für mich damit der Ruf des Vereins an sich.

Whataboutism, Augenhöhe und andere Probleme

Wie weiter oben bereits erwähnt, findet hier keine Diskussion auf Augenhöhe statt. Eine privilegierte Person (und als weißer dya cis Mann hat der Redner nun einmal Privilegien) redet darüber, dass die eigene Kunstfreiheit eingeschränkt ist, wenn man

  1. Marginalisierte nicht mehr einfach aus der Kunst raushalten darf
  2. nicht in der eigenen Kunst unreflektiert scheiße gegenüber Marginalisierten sein darf

Das ist eins zu eins wieder die „Schreiben mit Kondom„-Geschichte, nur halt mit Gemecker von einem anderen Privilegierten, der sich darüber echauffiert, dass er heutzutage nicht mehr von seinem hohen Ross herab Leute beleidigen darf, ohne dass die Beleidigten darüber schimpfen und sich wehren.

Susanne Pavlovic bringt es auf den Punkt:

Es sollte schlicht und ergreifend nicht zur Diskussion stehen. Es sollte im Jahr 2020 Konsens sein, dass es nicht normal ist, wenn Menschen (in diesem Fall: ich) vor Freude und Rührung wie ein Schlosshund losheulen, weil sie erfahren, dass in EINEM Buch mal eine Figur vorkommt, die die gleiche sexuelle Orientierung hat.

Jede*r verdient es, sich selbst in mehr als einem Buch wiederzufinden und nach diesen Büchern nicht unbedingt in der Nische suchen zu müssen, sondern überall fündig werden zu können.

Wenn alte, weiße dya cis Männer nur noch Literatur für andere weiße dya cis Männer schreiben und an alle anderen kein müdes Heftchen mehr verkaufen, weil es endlich mehr und Besseres gibt, sollten sie sich an die eigene Nase fassen müssen, statt noch ein Podium für ihr „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und ihr „Ja früher, da durften wir beleidigende Dinge über [hier marginalisierte Gruppe einfügen] schreiben und die Leute haben uns zugejubelt und uns mit Geldscheinen beworfen. Das haben die pööösen Social-Justice-Warriors und Moralapostel_innen nun alles zerstört!“ zu bieten.

Das will doch niemand mehr hören oder lesen. Wir haben es satt. So satt.

Oder, um es kurz zu sagen:

Das ist eine Ecke, in die ihr nicht gestellt werden wollt. In die niemand unfreiwillig gestellt werden will.

Und ehe ich das Ganze noch mehr ausufern lasse, poste ich diesen Beitrag jetzt endlich.

* Korrektur: Die Idee zur Phantastik-Bestenliste kam zwar ursprünglich vom Verein, dieser hat die Idee jedoch nicht selbst umgesetzt und seit ihrem Bestehen ist die Liste in den Händen von „Literaturschock“ / Susanne Kasper (Quelle)


Äußerungen auf anderen Blogs:

„Alles ist politisch“ von Amalia Zeichnerin

Autor: June T. Michael

June Thalia lebt mit rheir Partnerperson und leider ohne eigene Katze irgendwo in Österreich und macht beruflich was mit Texten. Und Bildern. Daher macht rhei auch rheir Bücher und die Grafiken dazu alle selbst.

Ein Gedanke zu „Eigentlich geht es mich nichts an, aber uneigentlich dann doch – oder: PAN e.V. vs die #Moralapostel_in (en)“

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