Update in der Sache „PAN und die #Moralapostel_in (nen)“

Eigentlich wollte ich gar keinen neuen Blogpost dazu schreiben. Ich dachte, ich aktualisiere Blogpost eins und gasut ist. Zumindest war das mein Gedanke, als ich das Statement des Vereins auf Twitter gesehen und mir selbst per Mail zugeschickt habe, um es heute auch ja nicht zu vergessen.

Dann habe ich es noch mal gelesen und festgestellt, dass die Textmenge, die ich da zu verlieren habe, allein aufgrund der Übersichtlichkeit doch in einen eigenen Blogpost gehört. Aber seht selbst:

Ein Schritt vor – zwei zurück: Tone Policing

Zunächst einmal: Ja, es ist wirklich gut, dass der Redner wieder ausgeladen wurde. Kees ist kein Phantast, weiß nichts von den Diskussionen, Besonderheiten, Kämpfen im Genre und bekommt so keine Gelegenheit, 45 Minuten lang das eigene Publikum (sofern jemand hingegangen wäre) zu beschimpfen.

Auch dass offen zugegeben wurde, dass man vielleicht nicht alle Seiten der Diskussion mitbekommen hat und vielleicht das eine oder andere überlesen hat, ist okay. Und absolut verständlich. Ich bin nur auf Twitter unterwegs, aber meine Bubble ist vergleichsweise klein (und besteht nicht nur aus Fantastik / Büchermenschen, sondern auch z.B. teilweise aus Leuten der BDSM-Bubble, die mit der ganzen Geschichte nur dann was am Hut haben, wenn sie zufällig ebenfalls in irgendeiner Weise Fantastik rezipieren oder selbst verfassen.) Was auf Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken gesagt wurde (und wie), weiß ich nicht.

„Bei einigen der Posts hat uns der herrschende Tonfall unangenehm überrascht, den wir als aggressiv und unangebracht empfanden“

Dieser Satz ist problematisch. In höchstem Maße problematisch. Im Grunde genommen sagt er aus: Wir lassen uns gerne von euch kritisieren und hören uns eure Kritik auch an – aber seid dabei gefälligst freundlich und höflich!

Im Blogpost vom 06.02. schrieb ich bereits, dass der Take, vor allem marginalisierten Personen nur dann eine Meinung zuzugestehen, wenn sie die in einem bestimmten Ton vortragen, sehr problematisch ist. Marginalisierte haben ein Recht auf ihre Wut. Und sie haben auch ein Recht darauf, ihre Wut zu zeigen und in ihrer Wut gehört zu werden.

Punkt.

Da gibt es keine Diskussion.

Mit anderen Worten: Statt einer Entschuldigung gibt es einen klassischen Fall von „Ja, schon gut, wir laden ihn ja schon aus, aber bisserl freundlicher hättet ihr das schon sagen können, gell?“

Auf Twitter hat jemand dazu diesen Artikel mit Comic (bitte ein Stück zum Comicteil scrollen, der kommt nach dem Textteil) verlinkt, der das Problem aufzeigt. Kritik wird nicht weniger valide, wenn sie wütend und emotional vorgetragen wird. Statt sich mit dem Inhalt der Kritik auseinanderzusetzen („Ihr habt einen Redner eingeladen, der nicht nur branchenfremd ist, sondern auch die Bemühungen vieler Kunstschaffenden um Diversität mit Füßen tritt und den Marginalisierten unter den Mitgliedern und interessierten das Gefühl gebt, nicht willkommen zu sein“), wird sich am Tonfall abgearbeitet.

Emotionen sind jedoch ein Kernbestandteil des Problems und untrennbar damit verbunden. Ich war enttäuscht (weil ich den Verband vor allem durch das Ausrichten von Aktionen wie „Think/Dream Ursula“ anders eingeschätzt habe und durch das Einladen von Herrn Kees eine sehr andere Positionierung vorgenommen wurde). Andere fühlten sich verraten, verletzt, übersehen, ins Gesicht geschlagen ... Und das darf dann auch gesagt werden. Durchaus auch mal schärfer.

(Nein, ich meine damit keine Beleidigungen ad hominem etc. – aber mir ist aufgefallen, dass Reaktionen, die bei privilegierten Menschen als „durchsetzungsstark“, „mutig“ etc. eingestuft werden, bei Marginalisierten als „übertrieben“, „zickig“ etc. gelesen werden. Und auf das will ich hinaus.)

Ich nehme an, dass allen bewusst ist, dass der Vorstand nicht sofort antworten kann. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die sogenannten „Pistole auf der Brust“-Tweets zum größten Teil gar keine Aufforderungen an den Vorstand enthielten, sondern Ich-Botschaften sendeten. „Weil x passiert ist, überlege ich, auszutreten“ und „Weil x passiert ist, hat der Verein für mich an Glaubwürdigkeit eingebüßt“. In meinem Fall: Aufgrund dieses Ereignisses sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemals beitreten werde.
Hier wird also nicht einmal zwingend (oder zumindest nicht unbedingt intendiert) der Verein in irgendeine Pflicht genommen.

Innerhalb der Fantastik-Szene hat der Verein inzwischen nun einmal eine Reichweitenverantwortung und auch wenn sehr viele Fantastik-Autor*innen keine Mitglieder sind, will der Verein auf lange Sicht auch sie vertreten, will der Verein auf lange Sicht die gesamte Szene verändern.

Dazu ist es jedoch auch notwendig, dass sich alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Hintergründen, Interessen und auch etwaigen Privilegien und Marginalisierungen (weder das eine noch das andere sind Einbahnstraßen) vertreten fühlen können. Und wenn ein Fehler gemacht wird, der einen Teil der Fantastik-Szene komplett vom Verein entfremdet, hat man sich dafür zu entschuldigen. Aufrichtig zu entschuldigen. Und nicht … was auch immer das Statement sein soll.

Wer neutral sein will, stellt sich immer auf die Seite der Unterdrücker*innen

Oder, um Elie Wiesel zu zitieren:

„Man muss immer Partei ergreifen.
Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer.
Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten.“ (Quelle)

Das ist etwas, das die Mitglieder des Vorstandes noch verinnerlichen müssen. Man kann nicht neutral sein, wenn etwas gewaltig schief läuft. Man kann nicht sagen „Aber man muss beide Seiten sehen“, wenn eine der Seiten fordert, alle Stimmen, die ihr nicht passen, wieder zum Verstummen zu bringen.

Wer sich weigert, sich zwischen Richtig und Falsch zu entscheiden, wählt automatisch das Falsche, das Unterdrückende. Wird Mitläufer*in. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Politik. Im Leben. Überall.

Wer nicht explizit sagt, dass marginalisierte Stimmen willkommen sind und „dass man auch die kritischen Stimmen hören müsse“, schließt marginalisierte Stimmen bereits aus.

Ein kleines Schlusswort

Ich wünsche dem Verein alles Gute und hoffe, dass die verbliebenen progressiven Kräfte daran arbeiten, ihn wieder in eine Richtung zu rücken, die ihn auch wirklich dazu befähigt, für einen großen Teil der Szene zu sprechen.

Und ich wünsche vom Herzen, dass Lehren aus dieser Situation gezogen werden, die über ein „Die Marginalisierten waren böse zu uns und wollen nicht mehr mit uns spielen“ hinausgehen.

Autor: June T. Michael

June Thalia lebt mit rheir Partnerperson und leider ohne eigene Katze irgendwo in Österreich und macht beruflich was mit Texten. Und Bildern. Daher macht rhei auch rheir Bücher und die Grafiken dazu alle selbst.

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