Nazis kritisieren und beleidigen – ohne anderen Menschen zu schaden

Begonnen hat alles mit einem Twitterthread und gehört eigentlich zu einer ganz konkreten Unterhaltung, aber … wenn ich mir schon die Finger wundtippe und Dinge erkläre, dann … nun ja, so viel wie ich da getippt habe, kann ich daraus auch gleich einen Blogpost machen und das Ganze noch erweitern und mit Quellen aufhübschen.

Wichtiger Disclaimer: Die Erklärungstweets habe ich ursprünglich an einen ganz konkreten User geschrieben. Teile unserer Interaktion auf Twitter entstanden durch Missverständnisse, die darauf beruhen, dass man auch in 280 Zeichen nicht erschöpfend diskutieren kann. Diese Missverständnisse haben wir im Privaten inzwischen geklärt. Dieser Blogpost dient also NICHT dazu, einen konkreten User auf Twitter zu diffamieren, zu „dissen“ oder was auch immer. Aber ich habe nun einmal mein Wissen zum Thema „Marginalisierung“ und „Diskriminierungsmechaniken“ in diese Tweets gelegt und vermutlich ist es einer der Ausdrücke meiner Neurodiversität, dass ich gerne Dinge sammle. Darum will ich meine Erklärungen, möglichst losgelöst vom konkreten Gespräch, sammeln und anderen zeitlos zur Verfügung stellen.

Außerdem bin ich faul. Ich möchte die Möglichkeit haben, bei Diskussionen, die irgendwann in Zukunft stattfinden, einfach auf diesen Post verweisen zu können. So nach dem Motto „Da. Da habe ich es ganz lang, ausführlich und belegt erklärt. Lies das.“

Der Ausgangstweet

Angefangen hat alles damit – CN für reproduzierte homofeindliche und slutshamende Slurs:

Daraufhin war ein User verwundert, was denn an dem Wort „Schlampe“ das Problem sei und was folgt, ist jetzt zum Teil ein Copy-Paste meiner Erklärungen aus dem Twitterthread, zum Teil aber zusätzliche Erklärungen und Anmerkungen.

Bitte beachtet den Disclaimer oben. Teile der Unterhaltung beruhen auf einem Missverständnis und ich möchte ausdrücklich nicht, dass ihr dem User in die Mentions oder DMs slidet und ihn beleidigt. Es ist geklärt. Im Guten.

Außerdem poste ich hier Quellenbelege zum weiteren Nachlesen und überhaupt und sowieso. Wie gesagt, das dient jetzt nicht dazu, jemanden vorzuführen, ich will lediglich meine Ausführungen, die mir wichtig sind, nicht im unendlichen Twitterversum verlieren und außerdem um Aspekte erweitern, die im Twitterformat aufgrund der Zeichengrenze untergehen.

Was ist nun das Problem mit dem Wort?

Stark verkürzt: Es ist sexworker*innen-feindlich – und schadet somit Sexarbeiter*innen, während es Alice Weidel vermutlich sehr egal ist. Falls sie es denn überhaupt mitbekommt. (Falls sie es mitbekommt, ist es ihr vermutlich immer noch sehr egal, aber sie könnte euch verklagen. Ob damit jemandem geholfen ist? Weiß ich nicht.)

Das Wort, wenn es nicht auf Sexarbeiter*innen bezogen ist, hat außerdem eine zutiefst patriarchale Wurzel: Frauen, die (ob real oder angeblich) häufig wechselnde Sexualpartner*innen haben, werden stigmatisiert. Abgewertet. Bei Männern wird ein solches Verhalten dagegen gesellschaftlich gesehen entweder belohnt oder zumindest wesentlich weniger hart abgestraft. (Einen Barney Stinson finden viele Menschen lustig. Aber stellt euch vor, es gäbe eine ähnliche Figur – aber in weiblich. Was wäre das für ein Aufschrei in den Medien?)

Das Verhalten von Männern und Frauen wird nach wie vor unterschiedlich bewertet. Von nichtbinären Personen ganz zu schweigen, die im Mainstream derzeit nach wie vor nur unzureichend wahrgenommen werden.

(Ergänzung: Slutshaming ist darüber hinaus ein noch weitaus größeres und komplexeres Feld. Auch wenn dies bei heterosexuellen cis Männern nach wie vor seltener verurteilt wird, sind davon nach wie vor zahlreiche Menschen aller Geschlechter betroffen. Das fängt oft vor allem bei weiblich gelesenen Menschen an, die sich anhören dürfen, ihre zu knappe Kleidung würde andere, männlich gelesene Jugendliche ablenken und geht bei Menschen, die nicht dya cis hetero männlich sind, nicht selten nahtlos in Victimblaming über. Ist dir schon aufgefallen, dass bei Kleiderordnungen an Schulen es überproportional mehr Vorschriften für weiblich Gelesene gibt?
Auch Menschen, die Beziehungen eingehen, die nicht zwingend ins Klischeebild von „Mann+Frau daten, um zu schauen, ob dabei eine Ehe und Kinder rauskommen“, werden tendenziell öfter Opfer davon. Sei es, weil sie genderqueer sind, sei es, weil sie mehrere Partner*innen haben oder sich gar keine romantische Beziehung wünschen, sondern Freundschaft+ oder Sexdates vorziehen. Menschen, die nicht ins binäre, christlich geprägte Bild passen, bekommen überproportional viel Feindlichkeit ab. Und unter anderem auch Slutshaming.)

Darum ist es beispielsweise auch ein Problem, Witze über Trumps Gewicht zu machen. Trump tut ein solcher Witz nicht weh – falls er ihn überhaupt mitbekommen sollte. Aber Menschen, die ohnehin aufgrund ihres Gewichts strukturell diskriminiert werden, leiden darunter (eine gute Erklärung zu Fatmisia findet sich in diesem Blogpost , auf Englisch)– ich weiß leider nicht, ob die eingebetteten Bilder Alt-Text für Screenreader haben, aber wenn nicht, sagt mir bitte bescheid und ich füge welche am Ende des Blogposts ein, ein Post zum Thema „fett und trans“ findet sich hier, ebenfalls auf Englisch).

Das fällt in die gleiche Kategorie, wäre hier aber Fallbeispiel B. (Fallbeispiel A ist immer noch Alice Weidel).

Aber ich habe doch gar nichts gegen …

Stopp! Das können wildfremde Leute, die über deinen Tweet (oder deinen Post in sonsteinem sozialen Netzwerk, deiner Kolumne in einer Zeitung, deinem Leserbrief … was auch immer) stolpern, nicht wissen.

Deine Persönlichkeit, deine Haltung gegenüber Marginalisierten, dein Verhalten im Alltag ist ihnen unbekannt. (Und je nach Medium gibt es keine Möglichkeit, dass sich das ändert). Die Menschen sehen nur: Du hast den Slur verwendet.

Deine eigene Einstellung gegenüber Sexworker*innen und Menschen, die häufig wechselnde Partner*innen haben, bleibt unsichtbar. Was sichtbar wird, ist: Du reproduzierst den Slur und damit schadest du den Menschen, die du doch eigentlich gar nicht mitmeinen wolltest.

Denn das haben Slurs so an sich – auch wenn sie für eine konkrete Person verwendet werden, haben sie eine Signalwirkung über diese Person hinaus. Diese funktioniert auf zwei Wegen:

Weg 1: Gegenüber den Betroffenen. Ihnen wird signalisiert:

„Ich bin hier nicht erwünscht. Diese Person beschimpft zwar einen gemeinsamen Feind, aber sie signalisiert mir damit trotzdem, dass auch ich nicht willkommen bin, obwohl ich ebenfalls ein potentielles Opfer von Faschismus bin.“

Weg 2: Gegenüber der Gesellschaft. Ihr wird signalisiert:

„Das Stigma, das auf der marginalisierten Gruppe liegt, hat seine Berechtigung und wenn unangenehme Naziperson ebenfalls dieses Stigma teilt, dann ist das ein weiterer Grund, diese Gruppe zu hassen und zu verachten.“

Beides hat langfristige Wirkung – der Ton in der Gesellschaft wird rauer, die Grenzen dessen, was gesagt werden darf, verschieben sich. Zu dem Thema empfehle ich einen Artikel, der sich zwar konkret auf Antirassismus spezialisiert, aber dessen Botschaften man auf jede Form von Diskriminierung und Marginalisierung anwenden kann: „Der Antirassismus-Knigge“.

Ich zitiere Lann Hornscheidt:

Die Gewöhnung an Gewalt ist subtil, findet in langsamen Steigerungen statt, auch durch eine Gewöhnung an bestimmte Argumentationen und Begriffe. Viele Äußerungen waren vor zehn Jahren in Bezug auf muslimische Menschen und Menschen, die nach Deutschland flüchten mussten, in der deutschsprachigen Öffentlichkeit undenkbar. Heute werden sie von MinisterInnen und Parteien ausgesprochen, ohne dass dies allgemeines Entsetzen auslösen würde.

Mit diesem Wissen im Hintergrund: Nazis mit Slurs zu beleidigen, schadet Nazis nicht. Aber es hilft ihnen, denn indem du dich ihrer Rhetorik bedienst (selbst wenn es dazu dient, sie zu kritisieren), verschiebst auch du die Grenzen des Sagbaren un eine gefährliche Richtung.

Wichtig ist, wenn Menschen zurecht kritisiert werden, dabei keine absolut unbeteiligten Marginalisierten mit unter den Bus zu werfen. Auch Sprache ist Handlung (und kann somit Gewalt sein).
Dazu gehört für mich beispielsweise auch: Wenn aus irgendeinem Grunde eine trans Person faschistisch sein sollte, habe ich gefälligst trotzdem nicht deren Deadname zu verwenden, denn damit zeige ich auch trans Personen, die absolut in Ordnung sind, dass ich nur auf ihrer Seite bin, solange sie „brav“ sind. Das ist das falsche Signal. (Siehe dazu z.B. diesen Artikel).

Mit anderen Worten: Wenn ich eine marginalisierte Person kritisiere (in unserem konkreten Fall eine Frau), dann habe ich dabei keine Ismen zu verwenden. Denn damit reproduziere ich genau die Rhetorik, gegen die ich kämpfen will.

In Kurzform: Kritisiert Nazis dafür, dass sie Nazis sind. Unterlasst dabei jedoch Kommentare zu ihrem Gewicht, ihrem geistigen Zustand, ihrer Sexualität, ihrem Geschlecht … etc. etc. etc. Unterlasst Dinge, die Marginalisierten schaden können.

Margie… was? Kann man das essen?

Viele Menschen, die mit dem Begriff „Marginalisierung“ nichts anfangen können, sind nicht davon betroffen. Denn wer von Marginalisierung betroffen ist, kommt gar nicht darum herum, sich damit zu beschäftigen. Warum? Weil Microagressionen alltäglich sind. Benachteiligungen sind alltäglich.

Wenn ich zu einem Bewerbungsgespräch gehe dann weiß ich schon im Voraus, dass ich aufgrund meines ausländischen Klarnamens trotz meiner Studienabschlüsse und meiner Biografie mit der unsäglichen Phrase „Sie sprechen aber gut Deutsch“ arrangieren muss, beispielsweise. Stur lächeln und winken – denn die andere Person sitzt am längeren Hebel und hat hier mehr Macht über mich als ich über sie. Also habe ich, wenn ich einen Job möchte, in dieser Situation keine andere Wahl, als die Diskriminierung aufgrund meiner Herkunft auszuhalten und freundlich zu sein. Professionell.

Mich aufregen, heulen oder schimpfen kann ich dann auf Twitter und daheim. Andere Beispiele für Menschen, denen es ähnlich wie mir geht, gibt es in diesem Artikel.

Und aufgrund meiner Behinderungen komme ich nicht drum herum, meine Tage/Wochen teilweise akribisch um meine Kraftreserven herumzuplanen (und auch einzuplanen, dass durch einen plötzlichen Schmerzschub o.ä. sich alles verschieben könnte). Ein Faktor, der mir Teilhabe erschwert.

Nehmen wir als Beispiel konkret die letzte Woche: Meine Partnerperson hatte eine Woche frei, wir wollten Dinge unternehmen – die meisten beinhalteten, an Orten mit (vielen) anderen Menschen zu sein, eine der Unternehmungen bedeutete, dass ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren musste. Also habe ich sehr konkret Dinge geplant: Wie beispielsweise, an welchen Tagen wir zusammen welches Essen kochen, damit hinterher noch genug Löffel für Unternehmungen da sind.

An einem Tag, an dem ich weiß, dass ich zu einem Bewerbungsgespräch fahren muss, passiert in der Regel nicht mehr viel, wenn ich wieder daheim bin. Also: Habe ich noch Resteessen vom Vortag, das ich mir aufwärmen kann? Oder genug Zeug vorrätig, um mir

  • eine Pizza
  • eine Tütensuppe
  • ein beliebiges anderes Schnellgericht zuzubereiten?

Habe ich für den Fall eines akuten Tremorschubs, der bei mir oft mit Übelkeit verbunden ist, genug Lebensmittel, die ich zubereiten kann, ohne dabei etwas schneiden oder die Treppen in den Keller steigen zu müssen? Ich muss bei jedem einzelnen Wocheneinkauf meine Behinderungen und die Pläne für die Woche mit-denken. Sonst habe ich ein Problem.

Das zieht Kraft.

Wer sagt: „Ich kann mit dem Konzept nichts anfangen, weil ich selbst nicht diskriminiere“, übersieht  einen sehr großen Teil des Problems. Die, die von Marginalisierung betroffen sind, können die Dinge nämlich nicht beiseiteschieben. Sie leben damit. Tagtäglich. Es beeinflusst Entscheidungen und das tägliche Leben, weil ich nun einmal nicht einfach ignorieren kann, dass ich manchmal ohne Grund so stark bebe, dass mir davon schlecht wird. Oder dass Leute meinen Namen sehen und mich sofort in eine Schublade stecken.

Es ist ähnlich wie „Ich sehe keine Farben, das sind alles Menschen“ die Probleme von BI_PoCs unsichtbar macht.

(Es sei denn natürlich, die Formulierung ist unglücklich gewählt und ihr meint damit das aktive und bewusste Vorleben einer antirassistischen Haltung im Alltag. Das halte ich für lobenswert und wertvoll. Aber ohne Kontext suggeriert die Formulierung einen sehr unglücklichen Take und ich habe die Formuliering in der von mir oben erklärten Bedeutung schon so oft gesehen, dass ich es gar nicht zählen kann.)

Ich zitiere dazu eine WoC:

Gute Gedanken finden sich auch in diesem Artikel von 2015, in dem unter anderem Beispiele dafür gesammelt werden, die längst in Deutschland lebende PoC für Geflüchtete gehalten wurden – ein Zeichen von „Othering„. Ein langer, aber wichtiger und interessanter Artikel über die Geschichte von BI_PoC in Deutschland findet sich hier.

Aber ich bin doch nett …

Dass du persönlich allen Menschen mit Respekt begegnest, sollte dich niemals blind dafür machen, dass strukturelle Diskriminierung existiert. Du bist ein wunderbarer Mensch, weil du so handelst. Aber es ist wichtig, dass die Probleme, Sorgen und Nöte trotzdem gesehen werden. Und es ist wichtig, diese zwei Dinge zu unterscheiden.

Nur weil du freundlich bist, ist die Welt es noch lange nicht. Die Strukturen der deutschen und österreichischen Gesellschaft sind in ihrem Kern voller Probleme. Voller Ismen. Persönliches Verhalten trägt zweifelsohne dazu bei, den Druck auf Betroffene zu lindern. Es ist ein wichtiger Schritt, Mikroaktivismus gegen Einzelne. Es ist auch okay, wenn dir die Zeit, die Löffel oder die Ressourcen dafür fehlen, mehr zu tun.

Aber es ist wichtig, nicht aus den Augen zu lassen, dass die Gesellschaft als solche ungerecht ist, selbst wenn du dich bemühst, es nicht zu sein.

Außerdem: „Ich bin nett“ ist eine Aussage, die du über dich selbst triffst. Eine Behauptung. Du sprichst damit allerdings denen, die dich kritisieren, damit ihre eigene Urteilskraft ab. Erstens liegt darin eine unterschwellige Aufforderung, die anderen Gesprächsteilnehmer*innen sollen dich ebenfalls gefälligst nett finden (das ist vermessen). Zweitens unterstellst du ihnen damit mangelndes Urteilsvermögen. (Siehst du denn nicht von selbst, dass ich nett bin? Warum muss ich das extra sagen?)

Und vor allem: Nur weil du der Meinung bist, nett zu sein, müssen andere diese Meinung nicht teilen. Auch Menschen, die sich selbst als nett, als „die Guten“ definieren, machen Fehler und können in konkreten Situationen Aggressor*innen sein.

Im Prinzip ist dieser Satz eine Art Totschlagargument – mit der Betonung der eigenen moralischen Überlegenheit / Freundlichkeit soll den Kritiker*innen (bewusst oder unbewusst) der Boden unter den Füßen weggerissen werden. Denn kann man wirklich das Verhalten eines Menschen kritisieren, der gerade so lieb ist, ohne sich selbst furchtbar zu fühlen, weil die andere Person doch so nett ist?

Die Grenze zu Gaslighting ist … subtil.

Was hat das mit Slurs zu tun?

Eine ganze Menge. Im Prinzip geht es ja um die Frage, was „gutes Verhalten“ ist, was gute Unterstützung für marginalisierte Gruppen.

Und ein für alle, die in den sozialen Netzwerken unterwegs sind, vergleichsweise niedrigschwelliges Tool hierfür ist die achtsame Sprache, die ja, das haben wir weiter oben gelernt, bereits in sich ein Widerstandsinstrument ist.

Nur weil du einen Slur nicht als solchen siehst (was dir, wenn du nicht davon betroffen bist, ohnehin nicht zusteht), wird das Wort nicht automatisch gut und okay.

Ich habe im Netz sehr oft diesen Satz gelesen: „Aber ich bin mit Person C aus Personengruppe XY befreundet und wenn ich Person C [slur] nenne, sagt sie nichts und lacht.“

Vielleicht hat die Person Angst. Angst vor Othering. Angst vor körperlicher Gewalt, vor Ausgrenzung. Vor was auch immer. Ich lächle ja auch, wenn man mich für mein Deutsch lobt oder mir sagt, ich müsse als „Russin“ aufpassen, nicht so resolut zu sein, das würde sensible Kinder verängstigen, weil … man hätte mal vor zehn Jahren oder so zwei Russinnen beschäftigt, die sind seitdem in Rente, die waren immer so barsch, ne? Auch wenn ich innerlich schreie.

Es ist Angst. Ausgeliefertsein, weil in manchen Fällen von Gewalt das Opfer aufgrund der Zugehörigkeitsgruppe mit geringerer Wahrscheinlichkeit Hilfe bekommt, beispielsweise.

Es ist was anderes, wenn die Leute sich selbst so bezeichnen. „Ich bin eine geile Schlampe und stolz darauf“? Kein Problem. Aber nur weil eine Person ein Wort reclaimt und es für sich verwendet, heißt das nie, niemals, wirklich nie, dass ihr das auch dürft. Zumindest solltet ihr vorher fragen.

Ich bezeichne mich beispielsweise selbst oft als queer. Dieses Wort wurde jedoch früher als Beschimpfung verwendet. Einige Leute sagen explizit, dass sie nicht von anderen so genannt werden wollen – auch wenn sie den Begriff ab und zu für sich selbst nutzen. Kompliziert wird es dadurch, dass das Wort im deutschsprachigen Raum erst viel später ankam und die Verwendung als Slur nie stattgefunden hat – trotzdem ist das Wort historisch vorbelastet.

tl;dr: Wenn Marginalisierte für sich ein Wort zurückerobern und positiv neu besetzen, ist das kein Freifahrtschein für alle, es einfach wieder zu verwenden.

Aber ich bin doch selbst marginalisiert, ich kann gar nicht diskriminieren

Nope. Nopey. Nopedynopenope.

Ich war mir als Jugendliche sicher, ich könnte als Ausländerin niemals rassistisch sein. Oder als Frau niemals sexistisch – ich habe mich zu Beginn meiner Studienzeit geweigert, zu gendern. „Ich bin eine Frau, ich kann mich nicht selbst ausschließen, das geht ja gar nicht!“ Das stimmt aber schlicht und ergreifend nicht.

Überraschung.

Wir leben in einer so sehr von Ismen durchwachsenen Gesellschaft, dass es schlicht nicht möglich ist, nichts davon unbewusst doch irgendwie mit aufzusaugen. Dazu kommen noch die ganzen internalisierten Geschichten. Hier beispielsweise ein Artikel zum Thema „internalized misogyny„, der außerdem das Thema Slut-Shaming aufgreift, womit hier alles angefangen hat. (Der Artikel ist nicht perfekt, aber liefert eine Erklärung und eine Diskussionsgrundlage. Ich selbst sehe vor allem das „Nicht wie andere Frauen“ deutlich differenzierter, aber das verdient irgendwann einen eigenen Blogpost.)

Wichtig ist: Die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen und aufzubrechen ist harte Arbeit und tut gerade dann weh, wenn man sich selbst als „eine*n von den Guten“ sieht. Aber es lohnt sich. Immer. Für sich. Für die Mitmenschen.

Sollten wir nicht lieber den Faschismus bekämpfen, statt uns über sowas zu streiten?

Jein.

Wie ich oben bereits dargelegt habe, stärkt faschistisches Verhalten (wozu auch das Reproduzieren von Slurs gehört) den Faschismus. Wenn also eine linke Person eine andere linke Person darauf aufmerksam macht, dass ein Wort ein Slur ist und bitte nicht verwendet werden soll, um über Nazis zu sprechen, ist das das genaue Gegenteil davon.

Mit anderen Worten: Wenn eine linke Person eine andere darum bittet, keine Slurs zu verwenden, ist das eine antifaschistische Handlung. Es dient dazu, zu verhindern, dass linke Personen faschistische Rhetorik verwenden und damit die eigenen Ziele aushöhlen.

Und weil ich vermutlich immer noch unnötig kompliziert formuliere, noch mal so, dass ich auch in zwei Wochen noch verstehe, was ich gemeint habe:

Linke Person 1: Nutzt Slur.
Linke Person 2: Tu das nicht, das ist ein faschistisches Wort, du tust damit Gruppe x weh.
Linke Person 1, im Idealfall: Oh, tut mir leid, kommt nicht wieder vor!
Linke Person 1 hat gelernt, dass das Nutzen des Slurs die eigenen Ziele zunichte macht und Unbeteiligte verletzt.

Stattdessen passiert oft das:
Linke Person 1: Nutzt Slur.
Linke Person 2: Tu das nicht, das ist ein faschistisches Wort, du tust damit Gruppe x weh.
Linke Person 1: Du spaltest die Linke, du Widerling! Lass mich in Ruhe! *Blockgeräusch*

Und das ist viel problematischer.

tl;dr: Das Aufzeigen problematischer Verhaltensweisen auch innerhalb von Menschen, die gegen Faschismus sind, ist keine Spaltung, sondern bewirkt auf lange Sicht eine Verbesserung. Antifaschistische Positionen werden gestärkt und es wird aktiv gezeigt, dass alle Gruppen, die unter Faschismus leiden würden, mit-gedacht werden.

Wie du ganz persönlich zu Personengruppe y stehst, macht die strukturelle Diskriminierung, der diese Gruppe ausgesetzt ist, nicht ungeschehen. Als Unterstützer dieser Gruppe wäre es daher wünschenswert, wenn auch du den Slur nicht reproduzierst.

Gerade weil wir im selben Boot sitzen, ist es wichtig, diese Dinge zu verstehen und das strukturelle Problem dahinter nicht zu ignorieren. Darum geht es hier die ganze Zeit. Dass Unschuldige, die genauso gegen Faschismus sind, die genauso darunter leiden, nicht unter den Bus geworfen werden, wenn Faschist*innen beleidigt werden.

Dass Stigmata nicht verschärft werden (siehe oben die „Auswirkungen auf die Gesellschaft“).

Wo wir gerade beim Thema sind, ist es im Übrigen auch problematisch, Faschist*innen als „d*mm“ zu bezeichnen. Siehe hierzu dieser Artikel, der sich ebenfalls mit achtsamer Sprache beschäftigt und die Probleme gut aufzeigt. Ebenfalls mit vielen Erklärungen, Quellen, Belegen und Ressourcen zum weiterlesen.

Vom konkreten Fall losgelöst und in einer Formel dargestellt …

… weil mir solche Scripts helfen und unter denen, die das hier lesen, vielleicht auch andere Menschen sind, denen Scripts in solchen Situationen gut weiterhelfen:

Wie du ganz persönlich zu Personengruppe y stehst, macht die strukturelle Diskriminierung, der diese Gruppe ausgesetzt ist, nicht ungeschehen. Als Unterstützer dieser Gruppe wäre es daher wünschenswert, wenn auch du den Slur z nicht reproduzierst.

Äh, du bist Autorin pornografischer Literatur, warum dieser Blogpost?

Hey, hast du da gerade das Vorurteil reproduziert, dass ich als Autorin von Erotik keine tiefgreifenden Gedanken zu ernsten Themen haben kann? 😉

Ups.

Jetzt hätte ich aber beinahe das Wichtigste vergessen: Wie mache ich es richtig?

Zwei Varianten:

Variante eins: Nicht beleidigen, sondern konkret benennen. „Diese Person ist ein*e Nazi-Person und handelt faschistisch. Und zwar in Instanz a, b, c und d. Außerdem tätigt diese Person Äußerungen, aus denen e und f gefolgert werden können, was ebenfalls faschistischer Ideologie entspricht. Darüber hinaus hat die Person mit Verhalten g bewiesen, dass […]“

Variante zwei: Wenn ihr nun unbedingt beleidigen müsst – und manchmal ist da einfach Zorn, der raus muss und wo es nicht anders geht – nutzt keine Slurs. Verwendet beispielsweise Pilznamen: „Person ist eine erbärmliche Binsenkeule und eine furchtbare Braunkappe!“ Oder erfindet gleich eigene. „Nazis sind Tümpeltröten und müssen bekämpft werden!“

Achte darauf, keine ableistischen, saneistischen oder anderweitig problematischen Begriffe zu verwenden – damit wirfst du die Betroffenen mit unter den Bus und das willst du dezidiert nicht tun.

Noch einmal alle Quellen übersichtlich sortiert:

Fatmisia:

Basiserklärung: https://crankyautistic.wordpress.com/2017/06/28/what-is-fatphobiafatmisia/
Intersektionalität (Fett und trans): https://medium.com/@kivabay/the-intersection-of-fatmisia-and-transmisia-78fb10f90551 

Rassismus:

„Der Antirassisumus-Knigge“ – ein hervorragender Artikel dazu, warum achtsame Sprache ein Element des antifaschistischen Widerstands ist: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2020/01/diskriminierung-antirassismus-adolph-freiherr-knigge-update/komplettansicht
MeTwo – Menschen sprechen über Rassismus: https://www.sueddeutsche.de/medien/metwo-sie-sprechen-aber-gut-deutsch-1.4072671
Integration – Rassismus – Flüchtlingshilfe: https://www.zeit.de/kultur/2015-10/integration-rassismus-fluechtlingshilfe-10nach8/komplettansicht
Identitäten – Farbe bekennen: https://www.deutschlandfunk.de/identitaeten-6-7-farbe-bekennen.1184.de.html?dram:article_id=467255

Transfeindlichkeit:

Ein Artikel darüber, dass Deadnaming Gewalt ist: https://www.huffpost.com/entry/deadnaming-a-trans-person-is-violenceso-why-does_b_58cc58cce4b0e0d348b3434b

Queermisia allgemein:

Queer als slur: http://queergrace.com/queer/

Sexismus

Internalized Misogyny: https://innenansicht-magazin.de/2017/11/18/internalized-misogyny/
Victim Blaming: https://www.monda-magazin.de/leben/was-ist-victim-blaming

Ableismus

Warum Nazis nicht dumm sind: https://hirngefickt.wordpress.com/2016/01/24/warum-nazis-nicht-dumm-sind/

Allgemein / Sonstiges:

Was ist Othering? https://www.diversity-arts-culture.berlin/woerterbuch/othering
Pilznamen für kreative Beleidigungen: https://www.pilzfinder.de/pilze.html

Erweiterte Lektüre, die nicht im Blogpost vorkam, die aber einfach gut ist und die Themen aufgreift:

Hängt mit internalisierter Misogynie zusammen: Abwertung der Romantik als „Frauengenre“ (das ist der beste Blogpost, den ich je zu diesem Thema gelesen habe).

Gastbeitrag von Ellie auf dem Blog von Persephone: Über öffentliche trans Stimmen.

Persephone selbst schreibt hier über Schönheitsideale und Kolonialismus.

Autor: June T. Michael

June Thalia lebt mit ihrer Partnerperson und leider ohne eigene Katze irgendwo in Österreich und macht beruflich was mit Texten. Und Bildern. Daher macht sie auch ihre Bücher und die Grafiken dazu alle selbst.

2 Kommentare zu „Nazis kritisieren und beleidigen – ohne anderen Menschen zu schaden“

  1. Hallo June,
    Bis jetzt war ich ein stiller Leser von dir, aber jetzt möchte ich gerne mich bei dir bedanken, das du die Mühe auf dich nimmst und solche Sachen erklärst. Während ich das gelesen habe, stellte ich fest das manches auch mir passiert. Sagt man doch manchmal jemand ist so oder so, ohne zu bedenken wie es auf andere wirkt. Du hast mir wieder viel Stoff zum Nachdenken gegeben, ich freue mich schon auf deinen nächsten Post.
    Deine Athar

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Athar,
      Sehr gerne – ich lerne selbst täglich dazu und ich versuche, es so gut wie ich kann auch weiterzugeben.
      Und es ist harte Arbeit – auf die eigene Sprache achten und bewusst Gewohnheiten zu brechen. Es ist auch durchaus mühsam und anstrengend. Aber das ist okay (und wird von Mal zu Mal leichter).

      Liebe Grüße,
      June

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