Der #kinktober 2020 auf „Fantasy und Fantasien“

Oder: Für euch soll es auch 2020 wieder den Oktober über Drabbles und Kürzestgeschichten regnen.

Content Notes: Sex, BDSM (für diesen Post und wohl für jeden Text – einzelne CN zu den jeweiligen Geschichten stehen wieder bei den Texten in den Tags)

Ich finde leider keinen Blogpost, der beleuchtet, wie genau es eigentlich zum #kinktober gekommen ist, aber anscheinend stammt das Event ursprünglich aus der Fanfiction- und Fanartszene, wo man im Oktober als Abwandlung des „Inktobers“ (täglich eine Zeichnung mit Kugelschreiber oder anderen „Tintenmedien“) dann eben etwas Erotisches geschaffen hat.

Nachdem im letzten Jahr es einen Riesenärger gab, weil die Person, die den ursprünglichen Hashtag geschaffen hat, das Ganze markenrechtlich schützen ließ und in der Folge eine Menge Leute Abmahnungen bekommen haben, wenn sie ihre eigenen Zeichnungen verkaufen wollten (und es daraufhin ein ziemliches Kuddelmuddel gab, einen englischen Blogpost dazu gibt es hier), stand das Ursprungsevent auf der Kippe. Das Ganze beeinflusste natürlich auch den Kinktober als „abgeleitetes“ Event – siehe Kittens Gedanken:

Es hat am Ende beschlossen, dieses Jahr wieder an den Start zu gehen – und ich habe beschlossen, wieder mitzumachen. Es hat bisher jedes Mal Spaß gemacht!

Auch dieses Jahr gilt: Hier wird es erytanische Geschichten geben (was bedeutete, dass ich mir mal wieder mit viel Aufwand und Mühe meine Promptliste selbst zusammengebastelt habe, mit Hilfe einer guten Freundin).

Zumindest bei Geschichten im Arl-Sere-Universum möchte ich beispielsweise komplett auf Sexszenen mit cis Männern verzichten. Außerdem stehen mir in der erytanischen Fantasywelt zwar prinzipiell verzauberte Toys und Hilfsmittel jeglicher Art zur Verfügung, aber manche passen nun einmal schlicht nicht wirklich rein oder beißen sich mit der Ästhetik, die ich in meinem Kopfkino habe.

Auch dieses Mal habe ich vor lauter Angst, zu wenige Prompts zu haben, am Ende zu viele gehabt – genauer 61. Gebraucht wurden 36 (Kann das sein? Letztes Jahr waren es 42, ich fürchte fast, irgendwo einen Denkfehler zu haben. Aber nun gut, falls mir Prompts ausgehen, muss ich mir was einfallen lassen.)

Das Eliminierspiel ging so: Nacheinander nannten wir ein Stichwort, das wir auf ALLE Fälle umgesetzt wollen und eins, das wir kicken. Bis am Ende die Zahl der fixen „Ja-Prompts“ und die Zahl des Promptpools addiert genau 36 ergeben haben. Das war lustig 😀

Ansonsten sind die Spielregeln, wie letztes Mal:

Jeden Samstag ziehe ich einfach zwei und dann schreibe ich Samstags eben 200 statt 100 Wörter.

Die einzelnen Geschichten lade ich als Blogpost hoch, hier werde ich posten, zu welchem Prompt – und das Passwort, denn damit wirklich niemand aus Versehen und unwissend in eine Erotikgeschichte stolpert, werden die Posts passwortgeschützt sein.

Die Passwörter stehen hier auf dem Blog – plus auf Twitter. Man kriegt sie also. Aber es soll einfach niemand den Blog aufrufen und direkt eine Sexszene lesen.

Am 01.10. geht es los.

Ihr dürft meine Prompts nutzen, wenn ihr möchtet. Es steht euch frei, meine Liste für euch zu kopieren (wenn ihr sie postet, wäre ein Link auf diesen Post hier fein), sie mit anderen Listen zu kombinieren, sie zu ergänzen und zu bearbeiten. Wenn ihr etwas von meiner Liste nutzt, wäre es einfach cool, wenn ihr es mich wissen lasst. Warum? Weil ich natürlich darauf brenne, im Oktober kinky Geschichten zu lesen und mich einfach total freue, zu sehen, wie andere meine Prompts umsetzen!

Wichtig: Die Content Notes für die Geschichten stehen in den Tags. Die Tags stehen neben dem Posting. Wer keine benötigt, kann sie in Ruhe ignorieren. Wer sie braucht, kann sie bequem lesen und sich dann entscheiden, das Passwort einzugeben oder nicht :).

Wie jedes Jahr gilt außerdem: Sobald ich einen Prompt verwendet habe, lösche ich ihn aus der Promptliste raus und packe ihn ins Inhaltsverzeichnis. Am Ende steht also nur noch das Inhaltsverzeichnis mit allen Passwörtern.

Inhaltsverzeichnis

#Kinktober – Tag 1 – „Glasklar“
Passwort: Reinlich
Prompt: Figging / Tunnelspiele

Kinktober – Tag 2 – Modisches Missgeschick
Passwort: Anpassung
Prompt: Nipple Play

Kinktober – Tag 3 – Ein neuer Anfang
Passwort: Rhaise
Prompts: Hochzeit + Praise Kink

Kinktober – Tag 4 – Verwöhnt
Passwort: Apfel
Prompt: Narben

#Kinktober – Tag 5 – Perfekt so
Passwort: Licht
Prompt:Verwandlng

#Kinktober – Tag 06 – Erytanischer Flirt
Passwort: Kuss
Prompt: Wette

Kinktober – Tag 07 – Angespannte Lage
Passwort: Klimmzug
Prompt: Flexibel

Kinktober – Tag 08 – Eine Auskunft
Passwort: Buchtipp
Prompt: Dirty Talk

Kinktober – Tag 09 – Zu nett
Passwort: Huch!
Prompt: Flogging

Kinktober – Tag 10 – rhei, sie es.
Passwort: Käfig
Prompts: An den Haaren ziehen + Kuckuck

Kinktober – Tag 11 – Vorurteile
Passwort: Ja und?
Prompt: Sexarbeit

Kinktober – Tag 12 – Übungen
Passwort: gegenseitig
Prompt: 69

Kinktober – Tag 13 – Geleitet
Passwort: Vertrauen
Prompt: Marionette

Kinktober – Tag 14 – Geheimnisse
Passwort: Wer?
Prompt: Spreizstange

Kinktober – Tag 15 – Beine auseinander
Passwort: Hintern
Prompt: Messer

Kinktober – Tag 16 – Eine Rose für dich
Passwort: Dorne
Prompt: Temperaturspielchen

Kinktober – Tag 17 – ungewöhnliche Heilmittel
Psswort: Frechheit
Prompts: Kaligrafie und Überstimulation

Kinktober – Tag 18 – Die Kronprinzessin
Passwort: Flammen
Prompt: Königin

Kinktober – Tag 19 – Vorfreude?
Passwort: Mhm?!
Prompt: Oral fixiert

Kinktober – Tag 20 – Meta-Manipulationen
Passwort: Meiko
Prompt: Mind Control

Kinktober – Tag 21 – Dankesgeste
Passwort: Lemon
Prompt: Aphrodisiakum

Kinktober – Tag 22 – kleine Gemeinheiten gehören gestraft
Passwort: bratty
Prompt: Im Büro

Kinktober – Tag 23 – Die Tücken der Technik
Passwort: sauber
Prompt: Sex unter der Dusche

Kinktober – Tag 24 – Ein glorreicher Wettkampf
Passwort: Handwerk
Prompts: Glory Hole/Sex durch eine Wand und Extrem

Kinktober – Tag 25 – Notlösungen
Passwort: Baumwolle
Prompt: Schenkelverkehr

Kinktober – Tag 26 – Au!
Passwort: ungeuebt
Prompt: Lap dance/Strip

Kinktober – Tag 27 – Einfach so
Passwort: Trauer
Prompt: Vanilla

Kinktober – Tag 28 – bewusste Verführung
Passwort: Cliffhanger
Prompt: Heimlich zusehen

Kinktober – Tag 29 – Kindheitsfunde
Passwort: Eurynome
Prompt: Historisch

Kinktober – Tag 30 – Reimt sich auf „Parade“
Passwort: Scharade
Prompt: Edging

Kinktober – Tag 31 – Selbstwertgefühle
Passwort: Schleifen
Prompts: Strümpfe und Korsett / Reizwäsche

Du kannst nicht genug von kinky Geschichten bekommen?

Weitere Geschichten gibt es auf dem Blog von Kitten: https://kinktober.wordpress.com/

Außerdem macht auch Victoria Galaxia wieder mit: https://galaxiasplanet.wordpress.com/category/kinktober/

Zusätzlich lädt Alex Prum siere BDSM-Fluff-Geschichte anlässlich des Kinktobers hoch – hier der Link zum Tweet mit dem Anfang und zwei Links zu Plattformen.

Warum Kunst und Künstler*in untrennbar zusammengehören – und ein Versuch, zu rekonstruieren, woher diese Idee überhaupt kommt



CN:Ich verlinke auf einen Twitterthread von mir, in dessen Verlauf Cis-Sexismus, Schwangerschaft, Schwangerschaftsabbruch, Tod, Biologismus, Vergewaltigung als CN gelistet werden. Dieser Thread wird dann referenziert, wobei die CN Tod, Biologismus zum Tragen kommen. Außerdem definiere ich entsprechende Begriffe in den Fußnoten. Ich verlinke einen Twitter-Thread über eine medizinische Notsituation, in der Queermisia zu Tragen kam und setze vor diesen Twitter-Thread zusätzliche spezifische CN. Ich erwähne außerdem Bedrohungsszenarien auf Twitter. Erwähnung von Sippenhaft.

Im Zuge der Äußerungen einer sehr konkreten Person kochte nicht nur auf Twitter immer wieder die Diskussion hoch, ob man nicht das Werk von den Autor*innen trennen könne. Das hat mehrere Gründe – so würden einige gerne weiterhin die entsprechenden Werke rezipieren und genießen, ohne jedoch mit der Person dahinter und deren Ansichten zusammengebracht zu werden. Andere wiederum sind grundsätzlich der Ansicht, dass die Persönlichkeit des Menschen hinter dem Werk komplett irrelevant sei und bei der Lektüre weder berücksichtigt werden müsse noch sich im Werk spiegeln würde.

Tatsächlich habe ich großes Verständnis für die erste Position. Die Person und die Werke, um die es geht, haben mein Leben nicht nur seit der Kindheit begleitet, sondern sind zum Teil so essentiell mit meiner Biografie verknüpft, dass ein komplettes Ausschließen sich anfühlt, als würde ich mir ein Stück Seele rausreißen. Als mehrfach von den Äußerungen betroffene Person (ich bin jüdisch und nicht-binär mit Uterus) ist jedoch gleichzeitig das Ganze mit so viel Schmerz behaftet, dass ich gleichzeitig nicht anders kann, als mich zu lösen, um mich selbst zu schützen. What has been seen … nun, da ich beispielsweise über die problematische Darstellung einer Gruppe als wandelndes antisemitisches Klischee weiß und da ich weiß, dass mich diese Person gewaltvoll bei der falschen Gruppe einordnen würde, kann ich gleichzeitig nicht anders. Es ist kompliziert. Dennoch verstehe ich alle, die sagen „Ich kann zumindest das Werk nicht aus meinem Leben streichen und möchte es weiterhin rezipieren/reclaimen“. Ich kann das nicht und Werk von Verfasser*in nicht trennen.

Und ich weiß, dass ziemlich viele Leute, die jetzt zwischen … sagen wir, 20 und 40 sind, sehr ähnliche Probleme haben (ich könnte mir vorstellen, dass Jüngere, die jetzt erst die Bücher und Begleitmedien entdecken, darin nicht so stark verwurzelt sind und dass Leute, die wesentlich älter waren, als der Hype angefangen hat, diese Jahre des Hypes nicht als dermaßen prägend wahrnahmen, wie das bei genau der Generation dazwischen der Fall ist. Ich mag mich aber auch irren).

Die zweite Position … mit der befasst sich der folgende und sehr lange Aufsatz darüber, warum „der Tod der schreibenden Person“ zwar zur Entstehungszeit ein revolutionäres Konzept war, für die aktuelle Problematik jedoch zu kurz greift und in dieser Form bei aktuellen Diskursen nicht mehr haltbar ist. Ich sehe es als eine Position an, die die erste argumentativ stützen soll („Ich kann es nicht über mich bringen, die Medien zu verwerfen, also verwerfe ich nur die Person dahinter und genieße weiterhin das Medium, denn die Urheberschaft ist sowieso irrelevant.“)

Woher kommt der Gedanke?

Das Konzept „Der Tod des Autors“ stammt vom französischen Poststrukturalisten1 und Semiotiker2 Roland Barthes, der französische Aufsatz mit dem gleichen Namen wurde 1968 veröffentlicht, eine englische Übersetzung bereits ein Jahr früher. Gemeint war damit ein Konzept, das aussagt, dass der Sinn eines Textes ganz allein von Leser*innen beim Lesen erzeugt wird, also Lesen ein aktiver, schöpferischer Vorgang ist, bei dem durchaus auch etwas herauskommen kann, was so nie intendiert war.

Das ist – und das ist an dieser Stelle sehr wichtig – absolut nicht falsch. Barthes sagt in seinem Aufsatz unter anderem auch, dass ein Text nicht „originell“ sein kann, in dem Sinne, dass kein Text im luftleeren Raum ohne Versatzstücke, Zitate, Eindrücke aus anderen Medien entsteht und dekonstruiert damit unter anderem das deutsche Konzept des Geniegedankens3, der sich vor allem auf die (vermutlich dya cis männlichen) Autoren der Weimarer Klassik4 bezieht.

Allerdings muss dieser Aufsatz im Bild der Entstehungszeit betrachtet werden. Zum einen entstand er als Reaktion auf die damalige Tendenz, Texte vorwiegend auf die Intention der Autor*innen hin zu lesen (das leidige „Was hat Schreibperson damit gemeint?“, das nach wie vor unter anderem im Schulunterricht zum Einsatz kommt) und Dinge autobiografisch-psychologisierend zu lesen („Schreibperson schrieb, dass die Blumen gelb sind, weil Schreibperson ein Problem mit der Elterfigur im eigenen Leben hatte, die immer ein gelbes Kleid trug und die Sumpfdotterblume in ihrer Zweideutigkeit als gleichzeitig schöne und giftige Pflanze ist ein Ausdruck davon“ – das Beispiel ist fiktiv, aber ich habe ähnliche Formulierungen tatsächlich in Sekundärliteratur vorgefunden). Außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses habe ich diese Form der Interpretation außerdem auch in den 2010er Jahren noch beispielsweise in Foren gesehen: Da wird von einer kommentierenden Person schon mal auf einen Thrillertext über eine Auftragsmörderin mit „Oh du armes Herzchen, was muss dir in deinem Leben angetan worden sein, dass du solch einen brutalen Text schreibst?“ reagiert (aus der Erinnerung paraphrasiert). Zum anderen gab es sowohl während der Entstehungszeit des Aufsatzes als auch später in den 80ern und 90er Jahren Gegenstimmen: Unter anderem wurde in den 80ern angefangen, Schreibpersonen in einer der marxistischen Lesart verwandten Interpratationsform auch daraufhin zu prüfen, inwiefern Privilegien (beispielsweise durch das Aufwachsen in einer seit Generationen mit Literatur und dem Verlagswesen verbundenen Familie oder das Aufwachsen in einer Familie, die literarisches Ausprobieren ohne Sorge um den Lebensunterhalt zentriert) sich im Werk spiegeln.

Ein Ansatz also, der ausschließlich auf Barthes beruht, blendet den Diskurs aus, der seit den späten 60ern in der Literaturwissenschaft geführt wird. Wenn außerdem mit Barthes begründet wird, man solle den Text von den Verfassenden trennen, wird das Pferd von der falschen Seite aufgezäumt. Barthes geht es in seinem Ansatz ausschließlich um Interpretationen – nicht jedoch um den Diskurs „Sickern problematische Ansichten von Verfassenden auch in ihr Werk“ oder „Wie gehe ich damit um, eine Person monetär unterstützt zu haben, deren Ansichten ich inzwischen verurteilenswert finde?“

Um diesen Diskurs zu führen, ist ein Ansatz, der sich ausschließlich auf Textinterpretationen bezieht, nicht geeignet, da der Diskurs über bloße Textanalyse weit hinausgeht – und ins Moralische führt. „Kann ich es vor mir selbst vertreten, mein Wissen über [verfassende Person] auszublenden und das Werk weiterhin rezipieren, weiterempfehlen und genießen, nachdem ich von problematischen Ansichten und Inhalten weiß?“ Es ist also eine Frage der Moral, nicht der Literaturwissenschaft.

Außerdem stammt der Diskurs natürlich aus einer Zeit, in der schreibende Personen medial im Vergleich zur heutigen Zeit weitaus weniger präsent waren. Heutzutage kann ich jederzeit nachlesen, was beispielsweise Schreibpersonen vor zehn Jahren in einem Interview gesagt haben und dies zusätzlich an meine (derzeit noch spärlichen) Followis weiterverteilen. Die es wiederum weiterverbreiten können. Informationen können also viel leichter und weiter verbreitet werden, als dies in den 60er Jahren der Fall war. (Ich kann somit auch erkennen, ob eine Person ursprünglich beispielsweise rassistisch war und diesen Standpunkt überwunden hat oder im Gegenteil immer mehr in eine Ecke abgerutscht ist, die für mich das Lesen von Büchern verunmöglicht. Entwicklungen werden nachverfolgbar.)

In der Gegenwart, in der zunehmend die Persönlichkeit der Schreibpersonen besonders für Selbstverlegende, Kleinverlagsautor*innen und weitere Literaturschaffende, die vorher durch Gatekeepingprozesse keine Bühne hatten, zu einem Teil ihrer Marke geworden ist, gehört ohnehin auch die Selbstdarstellung und etwaige politische Einstellungen ins Zentrum des literarischen Diskurses.

Wichtiger Faktor: „Wer liest diese Bücher und wer bejubelt die Postings in Social Media? Will ich mit diesen Menschen auf einer Seite stehen?“

Ich sage offen, dass ich inzwischen nach Möglichkeit darauf schaue, ob die Person, die ich mit meinem spärlichen Geld unterstütze, aus meiner Sicht ethisch integre Sichtweisen vertritt. Außerdem bezweifle ich, dass mir mit meinem aktuellen Kenntnisstand beispielsweise Bücher aus der Feder von rassistischen Personen Spaß machen würden, da ihre Weltanschauung zwangsläufig in ihr Werk sickern und es für mich somit verderben würde. Und ich gebe kein Geld für Bücher aus, die ich vor Wut gegen die Wand werfen will.

Warum erwarten die, die beispielsweise rassistische Menschen verteidigen, ebendies?

Der literaturwissenschaftliche Aspekt – oder „Beim Interpretieren vollkommen Persönlichkeit und Lebensumstände von Schreibenden außer Acht zu lassen, verfälscht das Ergebnis“

Das sollte eigentlich selbsterklärend sein. Aber genauso, wie es Tatsache ist, dass bei einer ausschließlich personenbezogenen Interpretation eines Textes nichts entstehen kann, das auch nur ansatzweise hilfreich ist (siehe das obige Beispiel mit dem Thrillertext) ist es schon allein aus literaturhistorischer Sicht nicht sinnvoll, die Person, die den Text verfasst hat, sowie deren Lebensumstände, komplett auszublenden.

  • Kafka, oft als letztes „Originalgenie“ der deutschsprachigen Literatur gefeiert, kann oftmals nur unter Berücksichtigung seiner Biografie literaturwissenschaftlich vollständig erfasst werden – neuere Forschungen lesen ihn zudem zunehmend intertextuell, sodass in die Interpretation mit einfließt, welche Texte der Autor selbst gelesen hat
  • Goethe war nicht nur Dichter, Politiker, Künstler und Forscher in Personalunion – sondern auch ein Zeitgenosse von Napoleon Bonaparte – wie ändert sich der Blick auf seine Werke, wenn man sie nicht nur „aus sich selbst heraus“ interpretiert, sondern das jeweilige Jahr und die Lebensumstände, die aktuelle politische Situation und das Ausmaß, in dem der Autor involviert ist, in die Betrachtung mit einbezieht? Vor allem angesichts dessen, dass es durchaus ein Teil des Selbstverständnisses war, sich textlich von Ideen des Sturm und Drang abzugrenzen?
  • Sowohl die Wiederholungen als auch die schiere Textlänge beispielsweise in Werken von Karl May lassen sich leicht durch die Art und Weise der Publikation erklären: Der Autor und andere, die ihre Texte als Fortsetzungsroman in Zeitungen und anderen Periodika veröffentlichten, wurden nach Textmenge bezahlt. Durch den periodischen Veröffentlichungsmodus war es außerdem ab und zu schlicht notwendig, gelegentlich noch einmal zusammenzufassen, was bisher geschah. Auf diese Weise konnten nicht nur bestehende Lesende bei der Stange gehalten werden, sondern auch neue leichter in einen bereits angelaufenen Roman einsteigen. Wenn das nicht bekannt ist, kann es passieren, dass sehr abwegige Schlüsse aus der Art, Häufigkeit und Informationengewichtung gezogen werden.
  • Es gab zu Lebenszeiten der Brontë-Schwestern ständig Zweifel daran, dass sie ihre Texte selbst verfasst hätten, weil Frauen – ob dya cis oder nicht – generell nicht zugetraut wurde, qualitativ hochwertige Bücher zu verfassen. Auch „Frankenstein“ wurde zunächst anonym veröffentlicht und anfangs dem Lebensgefährten und später Ehemann der Autorin zugeschrieben. Ohne diese historischen Debatten ist eine Interpretation der Werke unvollständig und zumindest der Vollständigkeit halber ist hier eine Einordnung wichtig.
  • Ganz unabhängig von konkreten Beispielen: Welchen Einfluss auf einen Text haben Faktoren wie beispielsweise Papierknappheit? („Herr der Ringe“, das eigentlich nie eine Trilogie sein sollte – oder der Boom der Kurz- und Kürzestprosa nach dem zweiten Weltkrieg) Oder die sozioökonomische Situation der schreibenden Person? (Lew Tolstoi hatte eine Ehefrau, die sein „Krieg und Frieden“ sieben Mal abschrieb – er hatte in ihr eine unbezahlte Assistentin und später Verlegerin. Andere Schreibende konnten nicht auf eine unbezahlte Person zurückgreifen, die ihnen den Rücken freihielt, wie äußerte sich das?) Wie äußerten sich Diskriminierungen und Intersektionalitäten in Auftreten und Werk?

Ein weiterer Aspekt ist, dass sich – auch unbewusst – zeitgenössischer Bias stets in einen Text reinschreibt. Egal ob Schreibende mit ihrem Text eine Agenda verfolgen oder nicht, werden ihre Weltbilder, Meinungen und Lebensansichten zwangsläufig in den Text eingebaut. Selbst in Texten, die in fremden Welten spielen, ist ein solcher Fokus unvermeidlich. Wesen kann also aus jedem Text etwas darüber lernen, wie die Menschen in einer bestimmten Zeit und Gesellschaftsschicht gedacht haben – und ob sich Verfassende davon abgrenzt oder dem zugestimmt haben.

Damit komme ich zum wichtigsten Punkt:

Unpolitisches Schreiben existiert nicht

Es gibt genau zwei Arten, sich im eigenen Schreiben politisch zu äußern:

– der Status Quo wird in Frage gestellt

– der Status Quo wird nicht in Frage gestellt

Es ist dabei vollkommen egal, ob dies beabsichtigt ist oder nicht, es geschieht zwangsläufig durch Formulierungen, Fokus und die Auswirkungen von Handlungen.

Nehmen wir mal meinen Twitter-Thread über das Thema „dya cis Frauen sprechen anderen dya cis Frauen das Geschlecht bei Uterus-Verlust ab“:

Erster Tweet in einer langen Reihe, der im Verlauf dann den im Eingangstweet formulierten Gedanken im Roman „Rediscovery“ von 1993 thematisiert und die Wirkmächtigkeit des Konzepts in einem mehr als zwanzig Jahre später stattfindenden Gespräch aufzeigt.

Der hier angesprochene biologistische Essentialismus5 ist dabei zumindest zur Entstehung eines 1993 in den USA veröffentlichten Romans so allgegenwärtig und verinnerlicht, dass weder Personen des Verlagsteams, noch eine der beiden Co-Autorinnen des Buches hier auch nur bemerken, dass ihre Position 1993 eigentlich längst veraltet war.

Woran merkt wesen nun, dass die Position nicht nur von einer perspektivtragenden Figur, sondern tatsächlich auch vom gesamten Team getragen wird?

Leonie Hastur wird an keiner Stelle in Bezug auf diesen Gedankengang – eine dya cis Frau ohne Uterus sei automatisch keine Frau mehr – widersprochen. Es gibt keinen Dialog, bei dem sie einen solchen Gedanken ausspricht und dann von der Terranerin, die die Operation ausgeführt hat, dafür zurechtgewiesen wird. Auch als sie die trotz der Not-Operation verstorbene Figur und ihr Ungeborenes auf der Astralebene trifft, wird sie von dieser Figur in keinster Weise mit ihrem Biologismus konfrontiert. Leonie Hastur speichert sich die Vorgehensweise bei der Operation entsprechend ab und wird dann nicht mehr korrigiert, obwohl dazu innerhalb des Romans mehrere Möglichkeiten bestanden hätten.

Weitere Beispiele für ein Aufrechterhalten des Status Quo durch die unwidersprochene Zementierung in Form von Kunst bilden beispielsweise zahlreiche Bücher und Filme, in denen ausschließlich neurotypische6, abled7, weiße8, normschöne, allo9 dya cis Menschen in heterosexuellen, monoamoren10 Beziehungen ihr Glück finden. Selbst wenn es Ausnahmen gibt, reproduzieren diese wiederum insbesondere im Mainstreamfilmbereich wieder andere toxische Stereotypen.

An diesen Geschichten wäre an und für sich nicht einmal etwas verkehrt, wenn sie nicht

  • die Medienlandschaft so stark dominieren würden, dass zusätzlicher Aufwand betrieben muss, um ganz bewusst auch andere Geschichten zu finden (achtet mal darauf, wie oft Leute auf Twitter Aufrufe starten und um sehr spezifische Buchempfehlungen bitten, weil sie im Offline-Buchhandel nicht fündig werden)
  • die Art und Weise, wie ein großer Teil dieser Geschichten dargestellt ist, weniger toxisch wäre

Denn ganz oft werden bei den Darstellungen der Gruppen Botschaften transportiert, die inzwischen untragbar sind. Beispielsweise, dass dya cis Frauen ja nur [hier irgendeine arbiträre Eigenschaft einfügen] sein müssten, um ihr Glück zu finden, dann würde das schon klappen mit der Liebe. Es transportiert oft nur für wenige (oder für niewesen) erreichbare Standards und verschiebt die Verantwortung – die Aussage ist indirekt „Wenn du [hier irgendeine arbiträre Eigenschaft einfügen] nicht hast, bist du nicht liebenswert“ und das ist hochproblematisch, ist aber auch wieder eine politische Aussage, die den Status Quo zementiert und von afab Personen oft Unmögliches verlangt, um in einer Welt zu bestehen, die nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist.

Dass „das mit der Liebe“ überhaupt als alleiniges Lebensziel von Figuren dargestellt wird und Wesen, die allein glücklich sein wollen und können „kaputt“ sind, ist auch so ein problematischer Aspekt. Menschen – und in fiktiven Geschichten auch andere Wesen – können sehr gut ohne (romantische) Liebe glücklich werden oder diese auf Wegen erfahren, die sich nicht auf „eine einzige relevante Person finden und mit dieser das gesamte Leben verbringen“ beschränkt.

Was wäre beispielsweise hierzu ein Gegenentwurf? Also ein Narrativ, das bewusst den Status Quo, in dem patriarchale Strukturen, White Supremacy und Kapitalismus das Leben bestimmen, kritisiert?

Ganz harmlos klingendes Beispiel: Weil es fast unmöglich ist, eine bezahlbare Single-Wohnung zu finden, gründen fünf glückliche Singles verschiedener Herkunft irgendwo in [europäische Großstadt xy] eine Zweck-WG. Im Verlaufe ihres Zusammenlebens wachsen sie als Freund*innen zusammen und bewältigen gemeinsam die Abgründe von Rassismus, Ableismus und Kapitalismus in der Corona-Zeit.

Gebt mir das als Primetime-Serie, würde ich sofort gucken.

Was ist daran subversiv? Der Fokus liegt nicht auf „Alle Figuren müssen zwingend genau einen Significant Other finden“, Dating und Liebe würde nicht als alleinige Voraussetzung des Glücks dargestellt und es wird auf die Wohnsituation in Städten und daraus folgende alternative Modelle des Zusammenwohnens abseits der cis- und heteronormativen Kleinfamilie hingewiesen.

Die Voraussetzung, um eine solche Geschichte zu erzählen, ist jedoch, dass wesen selbst entsprechende politische Gedanken hegt, sodass es aus der persönlichen Haltung der schreibenden Person heraus überhaupt möglich ist, dass eine den Status Quo auflösende Idee in den Sinn kommt.

Womit wir wieder beim ursprünglichen Thema wären – wenn Schreibende keine subversiven, die Gesellschaft verändernden Gedanken tief in ihrem Inneren haben, dann können sie auch keine Geschichten schreiben, die den Status Quo der aktuellen Gesellschaft in Frage stellen. Dann wird ihre verfasste Geschichte, die den Status Quo bestätigt, zu einem Spiegel ihrer persönlichen politischen Einstellungen und Gedanken.

Und dann steht zumindest mir absolut frei, mit Büchern und Verfassenden, die für mich untragbare politische Einstellungen haben und diese in ihren Werken zwangsläufig ob bewusst oder unbewusst transportieren, nichts mehr am Hut haben zu wollen.

Und wenn diese Leute das irgendwie mitbekommen und sich darüber echauffieren … Sollen sie doch.

Einmischungen

Bei noch lebenden, problematischen Verfassenden kommt ein weiterer Aspekt vor allem dann hinzu, wenn es sich dabei um recht einflussreiche und bekannte Schreibpersonen handelt – so wie die Person, durch welche diese Diskussion überhaupt geführt wird.

Durch Social Media ist es in der Theorie (praktisch ist es komplizierter, weil beispielsweise manche Bot-Accounts um zu funktionieren einfach überall zurückfolgen) quantifizierbar, wie viele Fans eine Person ungefähr hat. Selbst wenn ein Anteil rausgerechnet wird, der plattformübergreifend an mehreren oder allen Stellen folgt und ein weiterer Anteil an inaktiven Nutzenden rausgerechnet wird, lässt sich aus der Zahl der Followis eine Anzahl an „Fans“ herleiten. (Wie gesagt – es ist komplizierter. Bots, inaktive Accounts, Leute hinter Account haben Stress und lesen die Timeline nicht oder nur selektiv und verpassen Dinge, Leute folgen „aus beruflichen Gründen um alles mitzubekommen“ oder „um den Feind zu beobachten“, etc., etc.)

Aber einer bloßen Zahl kann nicht angesehen werden, warum gefolgt wird. Und gerade wenn die Zahl in die Millionen geht, bleibt auch beispielsweise keine Zeit, um Bios auf Dinge wie „Follow ungleich Endorsement“ zu schauen (ganz abgesehen davon, dass das aus genau diesen Gründen Unsinn ist – ein Follow treibt die Zahl hoch und generiert Reichweite, ist also Endorsement, ob die Person das nun will oder nicht).

Und das führt zu sehr realen Aussagen der Personen – sie wähnen sich im Recht, schließlich stehen Millionen hinter ihnen und sagen nichts gegen die Ismen. Zumindest scheint es so. Daraus leiten die Personen dann ab, im Recht zu sein und kommunizieren dies auch offen.

Das sieht dann so aus:

CN für -phobia statt Misia und J. K. Rowling.

Im Tweet befindet sich eine Grafik mit folgendem Text:

„J. K. Rowling says 90% of her fans agree with her transphobia but they’re afraid to say so publicly

She claims that people who oppose trans rights live in a ‚climate of fear‘ in a clumsy attempt to paint them as victims.

By Alex Bollinger Thursday, December 10, 2020″

Übersetzung:

„J. K. Rowling sagt, dass 90% ihrer Fans mit ihrer Transphobie einverstanden sind, aber sie haben Angst, das öffentlich zu sagen

Sie behauptet, dass Menschen, die gegen Trans-Rechte sind, in einem ‚Klima der Angst‘ leben, in einem plumpen Versuch, sich als Opfer darzustellen.

Von Alex Bollinger Donnerstag, 10. Dezember 2020″

Das heißt?

Das heißt im Prinzip, dass das Entziehen von Reichweite durch das Entfolgen, Blockieren und nach Möglichkeit auch kein Geld mehr für die Produkte der Person das wirksamste Mittel ist, um der Person zu zeigen, dass sie problematisch ist und Unrecht hat.

Dies nennt sich auch „Deplatforming“ – der Person die Möglichkeit und die Bühne entziehen, um ihren Hass zu verbreiten.

Denn andernfalls kann wesen einfach als „Fan“ und „schweigend Zustimmung erteilend“ instrumentalisiert werden. Solange die Schreibenden leben, ergibt es keinen Sinn, Werk von Schreibenden zu trennen – die Schreibenden formen aktiv die Rezeption des Werkes mit. Und wenn sie das Gefühl haben, dass viele hinter ihnen stehen, dann haben sie keine Skrupel, die Rezipierenden für ihre Zwecke einzuspannen.

Whataboutism und andere Ausreden

Zunächst einmal: Was ist überhaupt Whataboutism?

Ich zitiere hierzu Wikipedia, weil es das Ganze recht gut und prägnant zusammenfasst.

Whataboutism (Kompositum aus dem englischen What about …? ‚Was ist mit …?‘ und dem Suffix -ism ‚-ismus‘) bezeichnet ein rhetorisches Ablenkungsmanöver. Um von einem unliebsamen Gesprächs- bzw. Diskursgegenstand (Thema) abzulenken, wird eine kritische Frage oder ein kritisches Argument mit einer kritischen Gegenfrage gekontert […]. Gleichzeitig wird die Kritik an eigenen Standpunkten oder Verhaltensweisen ignoriert und relativiert […].

https://de.wikipedia.org/wiki/Whataboutism (aufgerufen am 30.09.2021)

So werden beispielsweise in Fragen von Moral bei der Lektürewahl komplett andere Fachgebiete ins Feld geführt, beispielsweise „Würde ich eine erfolgversprechende Heilungsmethode verweigern, nur weil eine der an der Entwicklung beteiligten medizinischen Fachpersonen queermisisch ist?“

Nun.

Zum einen ist es meine persönliche Entscheidung, ob ich einer als problematisch bekannten Person direkt Geld gebe, um anschließend zum Vergnügen ein Medium zu konsumieren, nicht jedoch meine persönliche Entscheidung, an irgendetwas zu erkranken11.

Zum anderen gibt es diese Diskussion innerhalb der Medizinethik durchaus und sie wird dort geführt, beispielsweise in einer Dissertation über die Medizingeschichte, innerhalb derer auch die Rolle moralischer Fragen aufgeworfen wird. Interessanterweise findet sich hier die gleiche Debatte gespiegelt, wie im literarischen Diskurs: Dass der Versuch, sowohl Medizin als auch Literaturrezeption als neutrale, rein auf Erkenntnisse fußende und von den Menschen losgelöste Disziplin nicht möglich ist.

Nur weil ich als Person ohne Bezug zur Medizin über eigene Betroffenheiten von Krankheiten hinaus die Diskurse extra googeln musste, um die medizinethischen Diskussionen mitzubekommen, heißt es nicht, dass sie nicht geführt werden. Es gibt eine Menge Diskussionen und Material dazu, was mit Erkenntnissen und Methoden passieren soll, die von höchst fragwürdigen Leuten entwickelt wurden. Teilweise unter dem Einsatz von Methoden, die zurecht als Gräueltaten benannt werden.

Unter nicht-cis-Personen kursieren außerdem privat sehr wohl Listen mit Personen, von denen wesen sich nicht behandeln lassen möchte, da diese medizinischen Fachpersonen ihre queermisische Haltung meist offen ausleben und dadurch den Behandelten direkt schaden.

Ein Beispiel dafür findet sich beispielsweise im unten verlinkten Twitter-Thread.

CN für den Twitterthread: Misgendering, Nonbinary-Erasure, Gewalt im medizinischen Kontext, daraus resultierende Mangelversorgung, Ohnmacht, Kollaps, Zwangsouting, Fremdouting, übergriffige Fragen

Was hier also als ein billiges „Aber was ist mit xy, da würde wesen das doch auch nicht machen“-Argument herhalten muss, ist etwas, das in dieser Form tatsächlich passiert und weitreichende, schmerzhafte Folgen für Betroffene hat. Was die Personen, die diese Argumente vorbringen, in Erfahrung bringen könnten. Nur müssten sie sich dazu mit Lebensrealitäten marginalisierter Menschen tatsächlich beschäftigen. (Das ist Zynismus.)

„Aber wir sind doch alle nicht perfekt, wer also ohne Schuld ist …“

Leute, die das sagen, haben an dieser Stelle oft aus Versehen Recht. Denn aufgrund dessen, dass die meisten, die diesen Blogpost hier lesen, vermutlich in einer in höchstem Maße -istischen Gesellschaft aufwuchsen, wurden ziemlich viele dieser Ismen internalisiert und es gilt, an sich selbst zu arbeiten und diese stetig zu dekonstruieren. Das ist anstrengend und ja, natürlich würde ich Leute, die da noch relativ am Anfang stehen und sich ernsthaft bemühen, an sich zu arbeiten und Ismen im eigenen Gedankengut zu dekonstruieren, nicht verurteilen.

Aber das ist in der Regel nicht das, was mit dem Argument gemeint ist. Damit ist gemeint „Ach, wir alle machen Fehler, Schwamm drüber“ und ist eine Taktik, um marginalisierte und generell kritische Stimmen zu gängeln. Oft werden diese Stimmen dabei zusätzlich diskreditiert und wahlweise als „Shitstormtrooper“, „Twitterhyänen“, „woker12 Mob“ oder anderweitig schmeichelhaft betitelt.

Natürlich ist es nicht in Ordnung, Leute zu bedrohen und zu beleidigen, weil sie es nicht übers Herz bringen, ein vor zwanzig Jahren gekauftes Buch zu entsorgen. Einfach weil das generell nicht in Ordnung ist. Aber es ist durchaus in Ordnung, Leute dafür zu kritisieren, heute in den Laden zu spazieren und dieses Buch zu kaufen.

Das Problem liegt hier oftmals eher darin, dass jede Aussage, die nicht in fünfzig Schichten an Zucker eingebaut ist, sofort als Beleidigung und Drohung wahrgenommen wird. Beispielsweise, wenn fiktive Person A twittert, dass sie in den Laden geht, um dem jüngeren Geschwisterkind [Buch von problematischer Person] zu kaufen und daraufhin Person B twittert „Kannst du zwar machen, aber ist dann halt scheiße. Unfollowgeräusch“, wird das oftmals bereits als Beleidigung und Drohung geframet.

Marginalisierte, die ständig auf das Übelste mit Slurs beleidigt werden und auf Twitter Todesdrohungen erhalten, können darüber nur müde lächeln. Das Problem ist aber auch, dass durch dieses Framing reale Bedrohungsszenarien heruntergespielt werden, reale Gefahren als „Ach, da hat wohl nur wer im Internet was Unfreundliches gesagt“ dargestellt werden.

Mit anderen Worten: „Niewesen ist unfehlbar, seid bisschen nachsichtiger“ verharmlost und macht das Internet für Marginalisierte tendenziell unsicherer.

„Wir haben hier doch keine Sippenhaft, was kann ein Buch für die Person, die es geschrieben hat?“

Wo fange ich da überhaupt erst an.

Zuerst beim Banalen – Bücher sind keine Menschen. Bücher sind entweder physische Gegenstände aus Papier und Pappe oder Dateien auf irgendeinem Datenträger (oder befinden sich auf sonst irgendeinem Medium) und sind definitiv und eindeutig keine Lebewesen.

„Ein Buch aufgrund problematischer Ansichten der verfassenden Person nicht kaufen wollen“ ist wirklich nicht das Gleiche wie „Dein Kind dafür ins Gefängnis werfen, dass du selbst irgendeinen Mist gebaut hast“. Im ersten Fall wird der problematischen Person kein Geld gegeben – im zweiten Fall kommt eine unbeteiligte Person zu schaden.

Ich wiederhole mich, aber ein solches Mindset verharmlost das Leid realer Opfer von Sippenhaft und anderen Repressalien aufgrund des Verhaltens anderer Menschen, wie sie in diversen Diktaturen üblich waren und sind.

Und auch wenn gerade das selbstgeschriebene Buch emotional den meisten Schreibenden sehr nahe steht und einige Formulierungen wie „Buchbaby“ verwenden (was ich nicht werte, ich mache das manchmal auch) – Bücher sind keine Menschen.

Das wäre Teil eins des Arguments.

Teil 2 wäre die Frage, was ein Buch denn bitte für die verfassende Person könnte.

Alles. Absolut alles. Wäre ich nicht auf dieser Welt, würde es „Gefangen zwischen Eis und Feuer“ nicht geben, weil das Buch in genau der Form, in der ich es geschrieben habe, nur von mir geschrieben werden konnte. Von mir, nachdem ich von der Summe meiner Erfahrungen, Erlebnisse und Weltanschauungen geformt wurde und dann dieses Buch so geschrieben und veröffentlicht habe, wie ich es tat.

Und das gilt für jedes Buch. Egal ob die Geschichte originell oder generisch zu sein scheint, genretypisch oder Nische.

Jedes Buch kann so, wie es geschrieben ist, nur von genau der Person kommen, die es verfasst hat. Bei Büchern mit mehr als einer verfassenden Person ergibt sich das Buch aus dem, was beide Personen jeweils aus ihren persönlichen Lebenswelten einfließen lassen.

Bei Kurzgeschichtensammlungen ist es die Somme der Lebenswelten der Verfassenden jeder einzelnen Kurzgeschichte, die einfließt und Geschichten entstehen lässt, die haargenau so nur diese Personen geschrieben haben könnten.

Die Buchfigur ist also in jedem Fall das Produkt der Person, die sie geschaffen hat, ob bewusst oder unbewusst, und kann nicht losgelöst von der erschaffenden Person existieren. Oder nur sehr bedingt (beispielsweise in Form von Fanfiction oder in Serials, wo andere Schreibende die Figur weiterentwickeln – aber der Ursprung bleibt.)

„Wollen wir lieber schlechte Bücher von guten Menschen als gute Bücher von schlechten Menschen lesen?“

Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: Ich finde es furchtbar, dass das überhaupt als Gegensatz aufgemacht wird, denn der Satz suggeriert, dass Bücher von moralisch integren Menschen automatisch schlechter sind. Es suggeriert im Subtext, dass erfolgreiche Schreibende guter Bücher hier mit der Moralkeule weggeboxt werden sollen, damit sich die qualitativ schlechteren Bücher von moralisch integren Menschen besser verkaufen mögen.

Und daran ist so ziemlich alles falsch, was nur falsch sein kann.

Der Punkt ist, dass aus irgendeinem Grund die Mehrheitsgesellschaft sich über nichts so gerne auslässt wie das Kauf- und Leseverhalten von Individuen, die aus welchen Grund auch immer für sich entscheiden „Ich möchte bestimmte Bücher von bestimmten Leuten nicht mehr lesen“.

Leute twittern beispielsweise ihre individuelle Entscheidung, dass sie keine Bücher mehr kaufen wollen, die nicht irgendeine Form von Minimalkonsens erfüllen (beispielsweise „Im Hauptcast kommt mindestens eine in irgendeiner Form marginalisierte Person vor“) und schon hagelt es Vorwürfe und gerne auch Beispiele, welche Lieblingsbücher der vorwerfenden Personen wesen dann alle nieeemals lesen würden und wie schade das doch wäre.

Es ist aber nun mal so: Niewesen ist physisch in der Lage, sämtliche Bücher dieser Welt zu lesen. Und Lesezeit ist oft spätestens wenn die Teenie-Zeit vorbei ist, stark eingeschränkt. Ich twittere regelmäßig darüber, dass für mich „Lesen zu Erholungszwecken“ oft nur an wenigen Tagen und dann nur für kurze Zeit funktioniert, obwohl Geschichten mein Lebenselixier sind.

Aufgrund dieses Limits muss schon zwangsläufig eine Vorauswahl getroffen werden, die sicherstellt: Wenn mal wieder kostbare Lese-Energie da ist, dann soll sie bitte für ein Buch verwendet werden, das mit möglichst großer Wahrscheinlichkeit auch wirklich so richtig gut gefällt. Sonst wäre es doch schade darum.

/Sarkasmus: Seltsam, dass ich dabei bevorzugt keine Bücher lesen möchte, die mir die bloße Existenz absprechen oder von Leuten stammen, die mich verspotten und sich über meine Lebensrealität lustig machen. Oder in denen ich gar nicht erst vorkommen darf. Ganz, ganz merkwürdig, das Ganze. /SarkasmusEnde

Dass solche und ähnliche Aussagen wie in der Überschrift außerdem dem Schreiben von Marginalisierten und von gut informierten und zugewandten Allies einfach die Qualität absprechen, ist eine bodenlose Frechheit.

Aber im Zweifelsfall lese ich tatsächlich lieber ein nicht ganz so perfektes Buch einer Person, die mich als Mensch nicht verachtet, als das perfekt polierte und mit viel Budget beworbene Buch einer Person, die mich und meinesgleichen hasst.

„Was, wenn die Person gar nicht wirklich diesen Ismus in sich trägt, sondern nur zu Marketing-Zwecken möglichst böse und edgy tut, während sie privat ganz lieb ist?“

Zumindest toleriert die Person es, dass ihr Name mit dem Ismus in Verbindung gebracht wird und trägt in irgendeiner Form dieses edgy und böse Marketing mit.

Ganz davon abgesehen, dass „Aber die Person ist privat ganz anders und total lieb“ auch wieder an Strukturen erinnert, in denen Opfern von Gewalt ihre Erfahrungen mit diesem Argument abgesprochen werden.

Lasst das.

„Muss ich nun vor jedem Buchkauf ausführlich die Hintergründe und das Leben der Person recherchieren? Das wäre doch mühsam!“

Manches muss nicht recherchiert werden. Zumindest innerhalb bestimmter Gruppen von Lesenden gehen die Informationen ganz von selbst regelmäßig durch die Timeline.

Manche Dinge bekomme ich sogar mit, obwohl ich aktiv versuche, mich aus Selbstschutzgründen vor den Neuigkeiten zu schützen:

Niewesen erwartet, dass alle ständig alles mitverfolgen. Aber zumindest sehr prominente Beispiele können irgendwann kaum ignoriert werden, weil sie für viel Furore sorgen.

Und auch hier stellt sich mir die Frage: Kaufen und lesen die Personen, die dieses Argument vorbringen, so häufig Bücher von Unbekannt?

Ich kaufe und lese fast nur noch auf persönliche Empfehlungen hin Bücher von Leuten, mit denen ich zumindest ein paar Worte gewechselt habe oder die mir von anderen als explizit inklusiv und safe empfohlen wurden. Aus dem bereits oben genannten Grund – ich habe gar nicht so viel Energie übrig und wenn ich etwas lese, dann bevorzugt von Leuten, deren Lebenslauf und Ansichten ich ungefähr kenne und/oder die mit mir einige Marginalisierungsachsen teilen.

Aber im Endeffekt: Wer tatsächlich viel von Unbekannt kauft und liest, dabei aber keine Nazis, TERFs und anderweitig Hass versprühende Menschen unterstützen will, kommt zumindest um eine flüchtige Recherche nicht herum. Aber warum ist das was Schlimmes?

Mir wäre es die Recherche wert.

„Was, wenn mehrere Leute hinter einem Buch stehen und nur eine davon Hass verbreitet?“

Siehe Marketing. Die andere Person hat zumindest genug Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten mit der „schlimmeren“ Person, um mit dieser gemeinsam ein Buch zu verfassen.

Je nachdem, wie lange diese Zusammenarbeit zurückliegt und ob sich vielleicht die schlimmere Person erst danach radikalisiert hat:

  • Das Duo-Werk gebraucht kaufen.
  • Die nettere Person gezielt und aktiv unterstützen.
  • Recherchieren, ob die nettere Person wirklich so nett ist.

Im Grunde bedeuten all diese Argumente und Fragen, dass Personen sich aktiv dagegen sperren, bei der Auswahl ihres Lesestoffs bzw. bei ihrem Konsumverhalten moralische Aspekte einzubeziehen. Das kann wesen machen, aber dann darf ich das auch kritisieren.

„Und was ist mit Pseudonymen?“

Nicht alle Pseudonyme sind geschlossen, oft steht sogar dabei, unter welchem Namen die Person(en) auch bekannt sind.

Manche Leute äußern sich auch unter (geschlossenen) Pseudonym sehr aktiv, sodass ihre politischen Ansichten eindeutig einzuordnen sind (Hi! Hier! Dieser Blogpost beispielsweise!).

Und ja, natürlich. Wesen kann nicht alles wissen und hier versehentlich mal ein problematisches Buch von problematischen Verfassenden erwischen. Niewesen erwartet Perfektion und hundertprozentige Treffsicherheit. Shit happens.

Aber das ist doch kein Grund, es gar nicht erst zu probieren.

„Fragen wir vorher auf Twitter, ob wesen das noch lesen darf oder lesen es im Zweifelsfall dann heimlich? Wo bleibt dann die sachliche, unaufgeregte Kommunikation?“

Ich paraphrasiere: „Wir könnten natürlich, statt selbst zu recherchieren, die Arbeit auch auf andere abwälzen und wenn uns das Ergebnis nicht gefällt, ja, dann machen wir es trotzdem, in dem Wissen, was Problematisches zu rezipieren, aber wir machen das heimlich und fühlen uns dabei total subversiv und edgy“.

Bu. Hu.

Dieser ganze Unsinn riecht für mich stark nach „Wesen darf ja heutzutage nichts mehr sagen“ und aus welcher Ecke das meist kommt, ist inzwischen den meisten bekannt.

Niewesen verbietet irgendwem, irgendwelche Bücher zu kaufen, zu lesen und zu hypen. Aber niewesen verbietet Marginalisierten, dann zu sagen „Okay, das finde ich ziemlich uncool von euch und wenn euch ein Buch wichtiger ist als meine Rechte, dann will ich mit euch nichts mehr am Hut haben“.

You can’t have the cake and eat it.

Hinter der Forderung nach Unaufgeregtheit steht hier mal wieder eine sehr privilegierte Sichtweise, die voraussetzt, dass

  • Objektivität existiert.
  • Objektivität sich in ruhiger Ausdrucksweise äußert.
  • Wer betroffen ist, sei unsachlich / zu befangen.
  • Und wer wütend ist, hat verloren.

Nichts davon ist der Fall, führt aber zu vielen Problemen. Manche Intersektionalitäten sind besonders verwundbar – gilt für eine Person „Besitzt sowohl das Merkmal ‚weiblich'“ als auch „Besitzt das Merkmal ‚Schwarz'“, ist das Stereotyp der „Angry Black Woman“ nicht weit.

Gleichzeitig führt es in einen geschlossenen Kreislauf: Sind Marginalisierte zu laut und zu wütend, so wird ihnen das Recht abgesprochen, überhaupt mitzureden. Sind sie jedoch nicht wütend genug oder performen ihre Wut nicht ausreichend (nach nicht ersichtlichen Kriterien), dann kann es ja „nicht so schlimm“ gewesen sein, sonst wäre wesen doch viel mehr aus der Haut gefahren.

Es ist hier unmöglich, als marginalisierte Person zu gewinnen.

Eine Art Fazit

Ich hoffe, es ist verständlich, warum die Trennung zwischen (problematischen) Verfassenden und dem von ihnen geschaffenen Werk nicht möglich ist – spätestens dann nicht, wenn wesen von den Aussagen und problematischen Inhalten direkt betroffen ist.

Im besten Teil ist es eine privilegierte Haltung, weil wesen nicht betroffen ist – aber wie wirkt eine solche Haltung auf all jene, die es sind? Wie reagieren eure jüdischen Freund*innen, wenn sie hören, dass ihr mit Personen, die ihre Diskriminierung fördern, solidarisch bleibt? Wie eure trans- und nichtbinären Freund*innen? Wie die aus all den anderen Gruppen, die von Schreibenden in ihren Werken oder in ihrem Social-Media-Auftritt verunglimpft werden?

Ich verstehe absolut, wenn Leute sagen, dass sie das Werk nicht verbannen können und dass sie mit sich selbst im Diskurs stehen, weil sie für sich noch keinen Abschluss gefunden haben. Mir geht es bei Schreibenden, die starken Einfluss auf mein Leben hatten, auch so.

Was ich nicht verstehe, sind Leute, die mir ins Gesicht sehen und dabei sagen, dass es ihnen egal ist, was die Person getan hat, sie wollen unreflektiert und unpolitisch weiter Fan sein. Denn das sind Leute, die auf „Du tust mir damit weh“ mit „Ist mir egal, ich lass mir das nicht verderben von deiner Political Correctness“ antworten – und wer braucht solche bewusst oder unbewusst verletzenden Menschen eigentlich im eigenen Leben?

Was diesen Menschen nicht bewusst ist: Auch wenn sie ihre Handlung für unpolitisch halten, ist sie es nicht. Sie haben sich in diesem Moment bewusst für eine Politik des Hasses und Ausschlusses entschieden. Es gibt keine unpolitischen Entscheidungen, wenn es um Deplatforming geht.

Gedanken anderer zu disem Thema:

Amalia Zeichnerin über Kunst vs. Künstler*in: http://amalia-zeichnerin.net/muss-man-die-kunstschaffenden-von-ihrer-kunst-trennen/

Elea Brandt greift die Diskussion auf und nähert sich dem Ganzen von einer anderen Richtung – sehr lesenswert: https://eleabrandt.de/2021/09/30/trennung-werk-autor/

Fußnoten:

1 Poststrukturalismus: Stark vereinfacht ausgedrückt, verschiedene Denkströmungen, die davon ausgehen, dass Sprache Realität nicht nur abbildet, sondern auch schafft. Quasi die Philosophie hinter „Sprache schafft Sein“, einige Strömungen davon betrachten durchaus auch den Einfluss von Privileg und Marginalisierung auf Sprache. Vergleichsweise verständlicher Einführungsartikel mit weiterführenden Links: https://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus

2 Semiotik: Die Wissenschaft von den „Zeichen“ – stark vereinfacht ausgedrückt nach Saussure, bedeutet das Zeichenmodell, dass ein Wort für etwas gleichzeitig etwas Konkretes ausdrückt und auf das grundlegende Konzept hinter dem allgemeinen Ding verweist. Beispielsweise „Da ist eine Katze“ verweist sowohl auf die konkrete Katze (die durch das Wort gekennzeichnet ist), als auch auf das Konzept „Katze“ an sich, wodurch sich im Kopf eine Schublade öffnet. Vorstufen davon finden sich in Platons Ideenlehre und wer diese Konzepte untersucht, untersucht beispielsweise grundlegende Denk-, Sprach- und Verständnismechanismen.

3 Geniegedanke: Die Vorstellung von Künstler*innen als selbstständige, über ihr Werk herrschende Wesen, die unabhängig von kulturellen Traditionen ausschließlich aus der Natur und aus der eigenen Welt heraus Werke erschufen. Ein Gedanke, der nicht haltbar ist und dem poststrukturalistischen Ansatz entgegensteht, dass absolut jedes Kunstwerk in einen Kontext mit anderen Kunstwerken eingewoben zu betrachten ist, die bewusst oder unbewusst einen Einfluss darauf haben.

4 Weimarer Klassik: Wirkungszeit von Wieland, Goethe, Herder und Schiller in Weimar, je nach Zuordnung mit Beginn 1772 (Berufung Wielands nach Weimar durch Anna Amalie von Sachsen-Weimar -Eisenach), oder 1786 (Goethes erste Italienreise) und 1832 (Goethes Tod) oder 1794 bis 1805, während der gemeinsamen Schaffensperiode von Goethe und Schiller. Eine Literaturepoche im deutschsprachigen Raum, bei der Literatur vor allem dazu diente, die Menschen zu schönen Seelen zu erziehen (dabei sollte der Mensch ruhig, abgeklärt, in sich ruhend sein) und das Stremen nach Harmonie im Vordergrund stand.

5 biologistischer Essentialismus: Die Ideologie sogenannter TERFs (trans excluding radical feminists), aber auch einiger trans Menschen. Stark verkürzt dargestellt, der Fokus darauf, dass stark vereinfachte und außerdem veraltete Vorstellungen von Körpern die Identität einer Person festlegen. Dabei erfolgen beispielsweise gewaltvolle Fremdzuschreibungen aller Menschen mit Uterus als „Frau“ – als radikale und grausame Konsequenz dieses Denkens wird dann auch cis Menschen, die ihre Reproduktionsorgane durch Krankheit oder Unfall verlieren, ihr Geschlecht abgesprochen. (Und nein, Biologistischer Essentialismus ist nicht erst dann scheiße, wenn er auch cis Menschen trifft. Das ist er, egal wen es erwischt. Aber an diesem Beispiel sieht man mal wieder, wie absurd und gewaltvoll diese Fremdzuschreibngen sind.)

6 neurotypisch: Das Gegenteil von „neurodivers“. Der so geschaffener Begriff soll Pathologisierung und Othering abbauen, das sonst Menschen entgegenschlägt, die neuroatypisch/neurodivers sind. Mit neurotypischen Menschen sind beispielsweise Menschen gemeint, die keine Autist*innen sind.

7 abled: Das Gegenteil von disabled – also bedeutet der Begriff „nicht behindert“. Auch hier dient die Begriffsbildung dazu, Pathologisierung und Othering abzubauen, indem zwei Gegensatzpaare geschaffen werden. Zumindest im Mainstreamkino ist die Darstellung von Behinderung oft stark einseitig und wenn die behinderten Wesen Hauptfiguren sind, dann handelt es sich oft um rührselige Geschichten, die in den Vordergrund stellen, wie aufopferungsvoll sich andere ihnen gegenüber verhalten oder um Komödien mit Fokus auf die „lustigen“ Seiten einer Behinderung.

8 weiß: Der Begriff des Weiß-Seins ist weniger einfach als man meinen würde. Es handelt sich um eine politische Kategorie für Menschen, die von Konzepten wie „White Privilege“ und „White Supremacy“ profitieren in Abgrenzung zu Menschen, die unter diesen Konzepten leiden (das mündet dann in Rassismus, Antisemitismus, Antislawismus und vergleichbaren Diskriminierungsmechanismen). Das Schaffen eines Begriffs dient hier nicht nur zum Abbauen von Othering, sondern auch dazu, sich der Normen der Mehrheitsgesellschaft bewusst zu werden und somit die damit verbundenen rassistischen Denkmuster zu finden und zu hinterfragen. Wie wenig Weiß mit der realen Farbe von Haut zu tun hat, wird deutlich, wenn man beispielsweise den anti-irischen Rassismus recherchiert. Besonders komplex wird es da, wo sich Kategorien überschneiden – jüdische Menschen verlieren ihr White Privilege, sobald sie sich als jüdisch „outen“, aber gleichzeitig werden jüdische Menschen, die gleichzeitig BPoC sind, zusätzlich diskriminiert … Es ist komplizert.

9 allo: Kurz für „allosexuell“ und das Gegenteil von „asexuell“. Im Grunde genommen bedeutet das Wort nur „nicht auf dem asexuellen Spektrum“. Die Diskrimierung dahinter ist, dass die Eigenschaft „spürt grundsätzlich sexuelle Anziehung gegenüber anderen“ pauschal bei allen wichtigen Charakteren als gegeben vorausgesetzt wird.

10 monoamor: Gegenteil von „polyamor“ – die Norm, dass in den meisten Mainstreamwerken die Anzahl an Partnerpersonen, die zum größten Glück führt, mit exakt 1 angegeben ist. Weder die Option „glücklich single sein“ (also 0 Partnerpersonen) noch die Option „mit mehreren Personen gleichzeitig liebevolle Beziehungen zu führen“ (also 1+ Partnerpersonen) ist valide. Darauf basieren die vielen Plots, bei denen sich eine Person zwischen zwei Rival*innen entscheiden soll.

11 Ja, es gibt Möglichkeiten, die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung zu senken und manchmal die freie Entscheidung, diese wahrzunehmen oder nicht. Siehe Corona-Impfung. Aber grundsätzlich wirkt keine Prävention immer und garantiert zu 100%, sodass letzten Endes fast immer gilt: Krankheiten hat wesen sich nicht ausgesucht, die eigene Freizeitlektüre hingegen schon.

12. Das ist besonders perfide, da „Woke“ ursprünglich ein Begriff war, der von Schwarzen Menschen geprägt wurde, um über das erwachte Verständnis für die eigene Ungleichbehandlung zu sprechen. Siehe hierzu beispielsweise diese Quelle. Das Wort wurde jedoch insbesondere von Rechten und nach rechts lehnenden Personen verwendet, um abfällig über aktivistische Menschen zu sprechen und hat in dieser Funktion teils Eingang in die Umgangssprache gefunden, was von Betroffenen zurecht kritisiert wird.