#NichtBinärSein – Pronomen, Gender und Erwartungen

CN für diesen Blogpost: Erwähnung von Erfahrungen damit, misgendert zu werden, Reproduzieren von Cis-Sexismus zu Anschauungszwecken, Erwähnung von Biologismus und (sozialer) Dysphorie, Erwähnung von Corona, Erwähnung und kurzes Umreißen von Ableismus und Rassismus, Erwähnung von Panikattacken.


Die Gedanken zu diesem Blogpost habe ich ungelogen seit Monaten (finde aber keinen Beweistweet, um ihn hier drunter zu verlinken), aber heute gab es einfach einen Anlass, der mich dazu motiviert, mal ganz klar und deutlich Dinge aufzuschreiben.

Wichtig: Das ist kein Draufbügeln, sondern vielmehr ein „Okay, ich wollte eh mal darüber bloggen oder threaden, es ist gerade frisch, also mache ich das jetzt, ehe ich es schon wieder vergesse / keine Zeit habe / keine Ressourcen habe. Dann habe ich es endlich aus den Füßen und ich kann bei Fragen darauf verlinken, statt jedes Mal zu sagen, dass ich irgendwann darüber schreiben werde, es dann aber nicht tue.“ Es ist also in erster Linie eine Selbstaussage in Bezug auf eine Erinnerungsstütze.

(Dieser Absatz wurde Ihnen präsentiert vom mentalen Wörterbuch „June – Neurotypisches Reden / Neurotypisches Reden – June“ und dient dazu, eventuell auftredende potentielle Missverständnisse von vornherein auszubügeln. Sollten trotzdem welche auftreten – einfach Blogpost oder Tweet kommentieren. Ich beiße nicht ohne Consent.)

Es geht um diese Frage:

Warum ich als nicht-binäre Person die Audacity habe, sie/ihr zu nutzen

Das klingt recht drastisch ausgedrückt, aber mir ist es schon mehrere Male passiert, dass die Leute in meiner Twitterbio nur bis zu den Pronomen schauen und dann einfach annehmen, ich müsste eine Frau sein.

Ich zitiere mal meine Bio, Stand 14.11.2020:

Fantasy & Fantasien – queer BDSM Fantasyporn. Sie/ihr, she/her. 18+. White, jüdisch, neurodivers, lunar demiflux (non-binary). #mehrUnfug.

Da steht es. Unübersehbar. Erst mein Buchlabel, dann mein Genre, dann meine Pronomen. Es folgt eine Altersangabe und eine Reihe Label. Inklusive (non-binary), weil ich nicht erwarte, dass alle Leute automatisch wissen, was „lunar demiflux“ ist.

Das ging so weit, dass ich – da ich meine Bio jetzt nicht SO oft selbst angucke – einfach annahm, dass das „non-binary“ nicht explizit drinsteht und Leute vielleicht nicht wussten, was „lunar demiflux“ sein soll. Dass Leute nicht so weit gehen, um meine Homepage aufzurufen, um meine Label zu lesen, ist mir bewusst (es ist nämlich direkt auf der Startseite erklärt) und erwarte ich auch nicht. Gerade als Spoonie weiß ich, dass das nicht barrierefrei wäre, sodass ich versuche, als Service die wichtigsten Infos über mich, die andere brauchen, in die Bio zu packen. Um im Rahmen von Twitter so barrierearm wie möglich zu kommunizieren.

Für die Leute, die Zeit, Löffel und Interesse haben, habe ich, wie gesagt, zu allen Labeln eine Erklärung auf der Startseite.

lunar demiflux: Ich habe eine diffuse Bindung ans Weiblichsein, aber die Intensität meines Geschlechtsempfindens schwankt und ich habe Tage mit einem sehr schwachen Geschlechtsempfinden (bin also nahezu agender) ebenso wie Tage mit starkem Geschlechtsempfinden (bin also an diesen Tagen relativ weiblich).

Ich zitiere meine eigene Startsseite, unter dem Punkt „Label“.

Das ist an sich alles nicht schlimm. Worauf es mir viel mehr ankommt, ist die Reaktion der Leute, die ich korrigiere. Auf ein ehrliches „Oh, Sorry, hab nur bis zu den Pronomen gelesen, tut mir leid, kommt nicht mehr vor“ in dieser oder ähnlicher Form werde ich nie nachtragend oder sauer reagieren.

Shit happens.

Solange ich dann in Zukunft auch wirklich entsprechend wahrgenommen werde (und vielleicht sogar sehe, wie die Leute andere Leute korrigieren, die mich falsch zuordnen), bin ich echt cool damit.

Was gar nicht geht, ist etwas ganz anderes. Womit wir bei der Überschrift wären.

Dröseln wir die Probleme mal auf …

Das grundlegende, allem zugrunde liegende Problem ist, dass gerade viele cis Menschen Pronomen automatisch mit Gender verbinden.

Ich skizziere am besten einfach, wie sich einige Leute das Ganze vorstellen:

Er – Mann (dya oder nicht dya cis, dya oder nicht dya trans)

Sie – Frau (dya oder nicht dya cis, dya oder nicht dya trans)

Neopronomen – Nicht-binäre Person (dya oder nicht dya, eventuell trans, aber nicht zwingend), und im Idealfall sollten die auch bitte alle das gleiche Neopronomen nehmen, das macht es so schön einfach. They, beispielsweise. Oder Xier. Ne? (Im Vergleich dafür die Liste des Nibi-Space, wo „rhei“ derzeit noch fehlt, weil ich es kürzlich erst erfunden habe https://nibi.space/pronomen – da stehen einige.)

Allerdings hat das noch nie gestimmt. Es gibt seit Jahrzehnten Menschen, für die beispielsweise gilt: dya cis weiblich, lesbisch, nutzt „er/ihn“ als Pronomen, ebenso wie dya cis männlich, schwul, nutzt „sie/ihr“ als Pronomen. (Im Englischen heißen die Label dazu „He/him lesbian“ und „she/her gay“. Im Deutschen klingen die Bezeichnungen etwas sperrig und ich habe hier keine guten Own Voice-Artikel gefunden, die ich verlinken könnte. Aber es sind sehr konkrete Label / Identitäten, die auch im Deutschen ver. Die Menschen mit diesen Labeln sind nicht zwingend cis – aber sie können es sein.)

Im Prinzip gibt es absolut keine verpflichtende Korrelation zwischen Pronomen und Gender. Eine cis Person kann auch Neopronomen für sich verwenden (aus welchen Gründen auch immer – Pronomen gehören allen!) und eine Person kann nicht-binär sein und trotzdem binäre Pronomen nutzen (Hi!).

Klar, es ist das Gewohnte innerhalb einer cisnormativen Normgesellschaft. Quasi „So haben wir es schon immer gemacht“. Aber es gibt eigentlich absolut keine Verpflichtung.

Dennoch entsteht auf diese Weise der Kurzschluss „Da steht ein ’sie‘ in der Bio, also wird das wohl eine Frau sein.“ Und der ist in meinem Falle falsch.

Ich empfehle dazu auch diesen Artikel zum Thema „Biologismus in der Fantastik“, denn die darin aufgezählten Probleme entspringen direkt aus dem Fehlschluss, Pronomen und Gender würden zusammenhängen: https://www.karlabyrinth.org/queer/BiologismusInDerFantastik.html

Der „Täuschungsaspekt“

Manche gehen so weit, nicht-binären Personen – oder generell Personen, die nicht das „erwartete“ Pronomen verwenden – eine Täuschung zu unterstellen. Ein „Du tust aber so, als wärst du Gender x“ (meist mit „und erschleichst dir zum Beispiel cis Privileg oder auf andere Weise in einem cis-normativen und binaristischen System ans Geschlecht gebundene Privilegien“ verbunden) ist dann schnell an den Kopf geworfen.

Autsch.

Das tut weh.

Der Punkt ist, dass ich beispielsweise absolut nicht verpflichtet bin, mich wildfremden Personen gegenüber in Bezug auf meine Pronomenwahl oder irgendetwas zu rechtfertigen. Aber aufgrund meiner Sozialisierung kommt der Wunsch auf, wenn ich von der Seite mit „Und warum verwendest du dann diese Pronomen?“ angesprochen werde. Das ist löffelraubend und schmerzhaft. Lasst das sein.

Warum ich es in diesem Blogpost trotzdem tue? Weil ich dann immer auf diesen Text verweisen kann, statt mich jedes Mal aufs Neue zu erklären. Das findet mein autistisches Hirn sehr praktisch und effizient.

Also … Warum habe ich die Audacity?

Neurodivergenz und Gewohnheit

Es ist ein ziemliches Klischee, aber … jepp, ich gehöre zu den autistischen Personen, die Veränderungen hassen und sehr unflexibel sein können. Eine Veränderung bei etwas so weitreichendem wie „Pronomen“ gehört dazu.

Ich bin erst seit … März/April 2020 endgültig vor mir selbst out, nachdem ich wirklich sehr lange mit meiner Identität gehadert und mit mehreren Leuten über diverse Aspekte davon gesprochen habe. Für meine Verhältnisse ist das „Kürzlich“.

In Gedanken habe ich für mich einige Monate (sogar noch vor meinem inneren Outing) „xie“ ausprobiert, wurde damit aber nicht glücklich. Es fühlte sich wie ein Schuh an, der trotz einer ausgiebigen Einlaufphase trotzdem an den falschen Stellen gedrückt hat. Derzeit probiere ich in Gedanken immer wieder ein anderes Pronomen für mich aus („rhei“) und das gefällt mir so gut, das werde ich eventull irgendwann auch anderen für mich antragen. Aber noch bin ich nicht so weit. Solche Prozessse brauchen bei mir im wahrsten Sinne des Wortes … ewig.

Und „sie/ihr“ … Nun ja, die trage ich seit dreißig Jahren, die sind weichgetragen und zurechtgescheuert, bequem und hyggelig. Sie erzeugen bei mir keine soziale Dysphorie und solange keine gegenderten Begriffe damit kombiniert werden, bin ich glücklich. Also: „Das ist June. Sie schreibt Fantasyporn“ – absolut okay. „Das ist June. Sie ist Autor_in von Fantasyporn“ – mag ich sehr. Aber wenn das Gapzeichen weg ist, meckere ich.

Klingt kompliziert? Ist es eigentlich absolut nicht. Man muss sich eigentlich nur eine kleine Zusatzinfo merken – und wie oben gesagt, bin ich auch nicht böse, wenn es mal aus Versehen vergessen wird, solange sich auf mein „Bitte nicht so“ aufrichtig entschuldigt wird.

Und mit Neurodivergenz einhergehend: Ich bin stur und lasse mich nicht von Leuten dazu drängen, ein anderes Pronomen anzunehmen, damit SIE es leichter haben, sich zu merken, dass ich nicht-binär bin. Ich mache diesen für mich einschneidenden Schritt in meinem Tempo, sobald ich bereit dafür bin. Nicht eher, nicht später. Von solchen Vorfällen fühle ich mich gedrängt und das möchte ich nicht. Das ist unangenehm.

Soziale Dysphorie

Derzeit gibt es Spaces, in denen ich nicht out sein kann, weil ich dadurch Unbeteiligten schaden könnte. Darüber habe ich oft getwittert. (Für mich selbst wäre es mir echt egal, ich komme mit vielen Dingen klar und kann mich auch gut durchsetzen. Psychisch würde es mir gut tun, überall out zu sein)

Wenn ich in diesen Spaces sie/ihr verwende und in für mich sicheren Spaces ebenfalls, ist die soziale Dysphorie für die Zeit, in der ich Dinge noch verheimlichen muss, wesentlich erträglicher. Ich wappne mich für Dinge und Kontexte, in denen die Leute mich für eine Frau halten, beiße die Zähne zusammen und „erhole“ mich dann in meinen Safe Spaces. Es ist für mich psychisch die schonendste Variante.

Würde ich dagegen in den Safe Spaces ein anderes Pronomen verwenden, als in den anderen, käme damit erstens der Faktor der Neurodivergenz zu tragen (ich müsste mich je nach Kontext auch jedes Mal auf ein anderes Pronomenset einstellen, das ist für mich löffelfressend und somit kraftraubend), zweitens aber würde ich den Unterschied noch stärker spüren und ich weiß nicht, ob das für meine seelische Gesundheit gut wäre.

Angesichts dessen, wie labil mich die ganze Corona-Sache macht … Nein, ich sollte Dinge lassen, die das Potential haben, meine Psyche zu destabilisieren.

Gründe, die Audacity nicht zu haben

Nicht-Binäre Sichtbarkeit

Mir ist es schon in einem Space passiert, dass – trotz meines bereits erfolgten Outings dort – in einer Grundsatzdiskussion der Satz „Wir sind doch alle cis hier, nech?“ sinngemäß fiel.

Erste Reaktion: „Am I a joke to you?“

Zweite Reaktion: „Ähm, hallo, *hust* *meld* Hier? Ich? Wisst ihr doch? Ich rede ständig darüber?“ (Nun ja, nicht ständig, aber es kommt vor, weil es nun mal ein Teil von mir ist).

Da fiel auch mal der Satz „Nun ja, aber du verwendest immerhin keine merkwürdigen Pronomen, du bist ein pflegeleichtes Enby.“

Grr. Ich habe gerade nicht die Löffel, aufzudröseln, wie unglaublich schlimm und verletzend hier das Adjektiv „merkwürdig“ ist. Oder wie sehr es mich stört, wenn andere mich „Enby“ nennen, ohne dass ich dafür Consent gegeben habe. (Ich nutze es oft und gern als Selbstbezeichnung, aber mag es nicht, wenn andere mich so nennen.) Oder dass sehr viele andere nicht-binäre Personen es ebenfalls ablehnen, ohne Consent von anderen Leuten mit diesem Begriff bezeichnet zu werden, sodass man ihn generell nicht als Sammelbegriff verwenden sollte. (Eine andere Stimme dazu ist Cato, er erklärt sehr gut, warum das kein Umbrella-Term für alle nicht-binären Menschen ist: https://catoshark.wordpress.com/2020/07/25/cato-enby-und-das-nennmichnichtso/ )

Ich habe mein Pronomen für mich, nicht für andere. Weil es für MICH aus diversen Gründen gerade einfacher und angenehmer ist, sie/ihr zu nutzen. Ich habe meine Pronomen dezidiert NICHT, um es anderen leichter zu machen und ich weigere mich, mich als „gutes Enby“ instrumentalisieren zu lassen, um mich künstlich gegen „böse Enbys“ aufzustellen. Glaubt mir, dass ich extrem garstig sein kann, wenn ich merke, dass ich in diese Richtung geschoben werde. Erst recht, wenn das passiert, um mich gegen mit mir befreundete Personen aufzustellen.

(Da stecken so viele andere Ismen und Mechanismen mit drin, die mir aus anderen Diskriminierungsformen vertraut sind. Der Topos von der „guten, genügsamen und stets glücklichen/dankbaren behinderten Person“ ebenso wie „Ich bin nicht rassistisch/ausländer_innenfeindlich, ich habe nur was gegen Gruppe x, aber da gehörst du ja nicht dazu, du gehörst zu einer anderen, guten Gruppe“. Beides garstig. Und alles davon habe ich in genau dieser Form schon selbst abbekommen, spreche hier also aus unangenehmer Erfahrung.)

Mit einem Neopronomen wäre ich eindeutig in diesen Spaces als nicht-binär markiert und könnte weder übersehen noch instrumentalisiert werden. Das wäre gut. Ich müsste nicht ständig darum kämpfen, überhaupt wahrgenommen werden, was für mich immer mit Leid verbunden ist und mich auch schon manches Mal so heftig getriggert hat, dass ich tagelang Erholung brauchte (Panikattacken sind kein Spaziergang).

Gendereuophrie

Ich stelle mir das Gefühl, wenn Leute „mein“ Pronomen nutzen und ich es mitbekommen, phänomenal vor. So richtig wunderschön und flatterig.

Die Frage ist: Ist dieses Gefühl es wert, wenn ich dann wieder in die kalte Welt von Binarismus zurück muss und dort umso tiefer falle, je höher ich flattere?

Ich weiß es nicht.

Schlusswort – oder so ähnlich

Dieser Blogpost ist eine Momentaufnahme. Ich schließe nicht aus, dass ich schon übermorgen, nächste Woche oder am 01.01.2021 beschließe, mir ein neues Pronomen in die Bio zu schreiben. Ich weiß nicht, wann ich für mich „so weit sein werde“. In einer Stunde oder erst 2025.

Aber heute, um 11:34, nutze ich sie/ihr und bin trotzdem voll und ganz nicht-binär.

Und das gilt ebenso für alle anderen Leute, die aus ähnlichen oder ganz anderen Gründen binäre Pronomen nutzen, ohne binär zu sein.

Update:

Seit dem 25.02.2020 ist nun auch rhei/rhem in meiner Twitter-Bio und auf der Startseite meiner Homepage zu finden.