#Autor_innensonntag – 13.12.2020 – Wie können wir LGBTQ+ unterstützen ?

Kleiner Disclaimer zur technischen Seite: Ich habe mir überlegt, was besser ist. Ein Thread auf Twitter oder ein Blogpost, weil ich so absurd viel zu sagen habe, dass ich nicht weiß, ob mir ein messy Twitterthread wirklich die richtigen Möglichkeiten gibt, das Ganze zu gliedern. Aber gleichzeitig ist das nun einmal eine Social-Media-Aktion, keine Blogparade. Zum Glück fiel meinem entscheidungsunwilligen Hirn ein, dass WordPress die Option hat, Blogposts als Twitterthreads ausgeben zu können. Das Feature wird dann hiermit getestet, sodass es beides gibt.


CN: Klassismus, Armut, Corona, Schilderungen zu LGBTIAQ+-Feindlichkeit, Erwähnung von Folgen der Marginalisierung


LGBTIAQ+ unterstützen – die einfache und straightforward Variante, die so naheliegend ist, dass die Leute meist nicht draufkommen

Das ist nicht böse gemeint. Zumindest ich neige dazu, mir für Dinge komplexe Lösungswege zu überlegen und dabei einfache Lösungen zu übersehen. Warum auch immer. (Neurodivergenz? Verpeiltheit?) Falls unter den hier Lesenden Leute sind, denen es ebenso geht: Dieser Unterpunkt ist für euch ❤

Gebt uns Geld

Okay, das ist sehr straightforward, aber der Punkt ist tatsächlich, dass ich oft das Gefühl habe, dass allo dya cis hetero Menschen sich zusammensetzen, sich fragen, wie sie queere Leute in ihrem jeweiligen Space unterstützen könnten und ihnen alles Mögliche einfällt, nur nicht das.

Tendenziell sind queere Menschen öfter in der Situation, dass sie weniger Geld zur Verfügung haben als nicht-queere. (Bewusst „tendenziell“ – es gibt durchaus auch in Hinblick auf Finanzen sehr privilegierte Leute in der Community. Aber queer zu sein, erhöht die Wahrscheinlichkeit, gleichzeitig auch arm zu sein).

Stichwort Klassismus. Es gibt zwar dieses Klischee von der hungernden, kunstschaffenden Person, die nur durch ihre Entbehrungen und ihr Leid zu besonders guter Kunst inspiriert wurde, aber die Realität ist eine andere.

Nach einem Jahr mit Corona kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass ich wesentlich entspannter vor mich hinkünstler, wenn ich nicht nebenher noch Existenzängste wälzen muss. Und das Gleiche gilt für viele andere auch. Es lässt sich einfach viel eher Kunst erschaffen, wenn man sich nicht darüber Gedanken machen muss, die Miete zu bezahlen.

Wenn nun queere Menschen zur vulnerablen Gruppe gehören, die stärker von Armut bedroht ist, als nicht-queere Menschen, dann ermöglicht finanzieller Support, dass diese Menschen mit weniger Existenzangst durchs Leben gehen, was das Schaffen von Kunst erst möglich macht.

Oder es ermöglicht, dass Stunden reduziert werden können, um mehr Zeit für Kunst zu haben.

Welche Möglichkeiten gibt es also, queeren Menschen Geld zu geben?

  • Kauft unsere Kunst (dafür muss man sie erst einmal finden, ja, aber dazu komme ich heute noch)
  • Unterstützt uns direkt auf Plattformen wie Patreon, Steady, Ko-Fi, Gofundme … je nachdem, wo sie sind (und wenn ihr selbst arm seid und nicht spenden könnt, aber helfen möchtet und genug Löffel habt: Teilt ihre Plattformen)
  • Empfehlt uns weiter! Ich kann mir beispielsweise nicht erlauben, 70€ oder mehr an eine Plattform zu zahlen, damit sie – vielleicht und bei Gefallen – eine Rezension für mich schreiben (Preis nicht fiktiv, sondern das Niedrigste, was ich gesehen habe). Daher bin ich auf jede freiwillige Mundpropaganda oder „Ich gebe dir ein eBook, wenn du es rezensierst“-Deals angewiesen.
  • Gebt uns Jobs! Wie das im Detail aussehen soll, dazu komme ich auch noch gleich.

Nun kennen wir alle das Problem, dass beispielsweise die Verlagsbranche – zumindest der Großverlagsteil davon – nicht fair ist. Dya cis hetero Männer haben immer noch die größte Chance, verlegt zu werden, in den Mainstream-Buchhandel zu gelangen und im Laden gekauft zu werden. Gerade wer also Schreibende unterstützen will, die kein dya cis Mann sind, aber das Gros der Buchkäufe noch im stationären Handel macht („in den Buchladen gehen, herumstöbern, was kaufen“) muss sich aktiv bemühen, um überhaupt kaufbare Kunst zu finden und als „kaufbare Kunst von queeren Menschen“ zu identifizieren. Und natürlich muss dann das Gefundene und Identifizierte auch gemocht werden – so schön Solidarität ist, es sollte uns allen bewusst sein, dass niemand rein aus Solidarität etwas kauft, das man selbst nicht verwenden möchte.

Ich habe beispielsweise weder selbst kleine Kinder noch Bekannte mit eigenen kleinen Kindern. Wenn ich also im Buchladen – hypotethisch – ein entsprechendes Bilderbuch zufällig sehen würde, würde ich es trotzdem nicht kaufen (weil ich es weder selbst lesen noch verschenken könnte).

Mit anderen Worten: Marginalisierte Gruppen kann man nicht im Vorbeigehen unterstützen, ohne das eigene Kaufverhalten bei Kunst zu hinterfragen und zu ändern. Es ist zwingend notwendig, das eigene Verhalten zu reflektieren und zu ändern.

  • Gibt es in eurer Ortschaft einen queeren Buchladen? Huscht dort mal rein und schaut, ob dort etwas für euch zu finden ist. (Da wo ich wohne, ist damit Fehlanzeige, aber gerade darum vergesse ich ständig, dass für Großstadtmenschen auch das eine absolut valide Option ist und habe sie hier aufgenommen)
  • Kauft ihr ohnehin lieber online, sodass all das, was ich hier erzähle, nichts Neues ist? Dann teilt eure Begeisterung – und sei es nur in Form von Sternen irgendwo oder in Form eines Tweets mit „Buch xy war super!“ oder „meine neuen megaqueeren Poster sind da, guckt mal, wie schön die sind!“
  • Verschenkt ihr Medien? Dann verschenkt doch ganz bewusst Kunst von LGBTIAQ+.

Mit uns statt über uns

Auch das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber angesichts meiner eigenen Erfahrungen mit dem Thema … kein bisschen. Es gibt so, so oft eine Art Saviorism von Außen und den Anspruch, dass dafür dann gedankt wird. Beispielsweise, wenn Behörden einfach entscheiden, mit welchem Sonderzeichen sie gendern wollen, ohne vorher mit den Leuten geredet zu haben.

Einen Ansatz, wie man das auflösen kann, bietet karlabyrinth in einem sehr guten Artikel an, in dem sey einfach so viele Varianten wie möglich auflistet und sie anhand Machbarkeit und Intersektionalität vergleicht. Aber eigentlich sollte es nicht die Aufgabe der Betroffenen sein, zu schimpfen und dabei zu versuchen, zu erklären, warum die von oben gewählte Lösung (für die man dann noch gefälligst dankbar sein soll) nicht so das Wahre ist. Es sollte Aufgabe der entsprehcenden Gremien sein, von Anfang an die Leute, für die sie Dinge tun, zu fragen, was eigentlich die Bedürfnisse sind.

Fragt uns, wie wir unterstützt werden möchten – fragt nicht allo dya cis hetero Leute, wie sie glauben, uns unterstützen zu können, sondern ladet sie ein, zuzuhören, wenn wir darüber sprechen, was wir brauchen.

Gebt uns Jobs!

Wenn man „Gebt uns Geld!“ und „Mit uns statt über uns“ zusammenfügt, dann ergibt sich genau das. Gebt uns Jobs. Beauftragt uns. Der #Autor_innensonntag bezieht sich ja konkret auf die Buchbranche und da gibt es tatsächlich mehrere Möglichkeiten:

  • Beschäftigt uns als Dienstleistende (Lektorat, Korrektorat, Sensitivty Reading, Coverdesign, Hörbucheinsprechende, Musikmachende …) – das gilt ganz besonders dann, wenn ihr selbst nicht betroffen seid, aber ein Buch über die Marginalisierung anderer veröffentlicht. Aus irgendeinem Grund sind Darstellungen von außen oft kommerziell erfolgreicher als tatsächliche Own-Voice-Geschichten (vielleicht, weil sie eher die Mainstream-Leseerwartungen erfüllen? Ich weiß es nicht), dann wäre es zumindest von Büchermachenden ganz freundlich, LGBTIAQ+ daran teilhaben zu lassen, indem sie gegen Geld daran mitwirken. (Außerdem wird das Ergebnis dann auch signifikant besser. Versprochen.) Okay, das war zynisch, aber der Kern ist klar.
  • Stellt uns ein. That’s it. That’s the bullet point. (Vergleichbar: Ich habe erst neulich einen Tweet gelesen, laut dem während Toni Morrisons Arbeit für Randomhouse zumindest ein fühlbarer Prozentsatz der Veröffentlichungen von Schwarzen Schreibmenschen stammt – nach ihrem Ausscheiden aus diesem Job waren es im vergleichbaren Zeitraum … 2. Menschen aus marginalisierten Gruppen dort zu beschäftigen, wo sonst die Gatekeependen sitzen, öffnet im wahrsten Sinne des Wortes Tore.)
  • Ladet uns zu bezahlten Panels, Podiumsdiskussionen, Talkshows, der Teilnahme an bezahlten Essaybänden und bezahlten Anthologiebeiträgen ein. Erwartet nicht, dass wir das alles aus Aktivismus und Verzweiflung gratis machen, wofür privilegierte Gruppen Geld bekommen (oder nicht auf welches angewiesen sind, weil sie nicht so vulnerabel sind. Siehe oben.)

Gerade Marginalisierte sind tendenziell öfter in der Selbstständigkeit, weil sie aus den unterschiedlichsten Gründen auf dem regulären Arbeitsmarkt nicht gut Fuß fassen können. Das kann sehr viele Gründe haben (Mehrfachmarginalisierungen machen es nicht besser). Gleichzeitig werden wir oftmals gar nicht in dieser Funktion wahrgenommen.

Ich erinnere mich sehr lebhaft an eine Twitter-Diskussion, in der eine dienstleistende Person darauf hingewiesen wurde, in ihren Musterbriefen ausschließlich binär zu gendern und die Antwort sinngemäß lautete, dass in der B2B-Welt (Business to Business), welche die Hauptzielgruppe darstellt, Geschlechter abseits der Binarität keine Rolle spielen würden, weil die in Einzelunternehmen, kleinen und mittelständigen Firmen nicht vorkommen.

Aha.

Der reguläre Arbeitsmarkt ist nun einmal in hohem Maße ausbeuterisch, aber auch amato-, und dya-cis-hetero normativ aufgebaut. Das äußert sich dann in so bizarren Gesprächen, wie sie hier auf Twitter zitiert werden. In letzter Zeit ging auch ein Tweet dazu herum, dass die Vollzeitarbeit mit der 40-Stunden-Woche eigentlich nur funktionieren konnte, weil die Vorgesetzten einfach fest davon ausgingen, es sei daheim eine frauisierte Person, welche die gesamte Care-Arbeit übernehmen würde, sodass man die andere Person überhaupt so lange beanspruchen könne.

Wenn also von einer einzelnen Person oder von allen Erwachsenen einer Wohngemeinschaft verlangt wird, so viel zu arbeiten, kann das gar nicht gut gehen. LGBTIAQ+ haben zusätzlich damit zu kämpfen, dass sie aufgrund ihrer Marginalisierungen permanent auf die eine oder andere Weise unter Stress stehen.

Minority stress – also eine ständige unterschwellige Belastung aufgrund der eigenen Marginalisierung, die auch die sozialen und ökonomischen Folgen der Marginalisierung mit umfassen – zieht zusätzlich Energie und Ressourcen. Menschen brennen schlicht aus.

Tl;dr – Es gibt unzählige Gründe dafür, dann eher in der Selbstständigkeit das eigene Glück zu suchen und zumindest zu versuchen, für sich Arbeitsbedigungen zu schaffen, in denen besser gelebt und überlebt werden kann. Das sieht dann in jedem Fall individuell aus.

Aber ich kenne gar keine Queers …

Du liest gerade den Blogpost einer solchen Person. Sollte ich tatsächlich die erste queere Person in deinem Leben sein, von der du es weißt: Hi!

Wichtig ist, dass es mehr queere Leute gibt, als man meinen würde. Ich erinnere mich, wie ich wenige Wochen vor dem eigenen (inneren) Outing einer Person darüber schrieb, wie innerhalb relativ kurzer Zeit relativ viele Leute, denen ich auf Twitter folge, „auf einmal“ andere Namen und neue Pronomen verwendet haben. Damals schrieb ich der Person, dass sie absolut nicht wissen kann, wer in ihrem Feed trans / nonbinary / anderweitig LGBTIAQ+ sein könnten – vielleicht wissen es die Leute selbst noch nicht.

Einige Wochen später habe ich mich vor dieser Person geoutet.

(Nein, das war keine Absicht. Ich war einfach sehr tief „in denial“, okay?)

Liebe Buchbubble-Allies: Tut alles in eurer Macht stehende, damit LGBTIAQ+ sich safe genug fühlen, um sich zu outen. Ansonsten: Siehe Blogpost, den ich an dieser Stelle endlich beschließe (und vielleicht noch ergänze), weil ich das idealerweise heute noch posten sollte.

Addendum vom 26.02.2021 – Entlastet uns!

Ich möchte den Blogpost heute um einige Anmerkungen dazu ergänzen, wie in Diskussionen innerhalb der Buchbubble online und offline zusätzlich vor allem nicht von Queerfeindlichkeit betroffene Menschen dazu beitragen können, uns zu entlasten und uns beizustehen.

Outcalls

Es ist absolut okay und erwünscht, wenn nicht nur die, die es betrifft, outcallen und Leute auf Queerfeindlichkeit hinweisen. Ihr verteilt dadurch die Last auf mehrere Schultern – denn was für die geoutcallte Person oder für Leute, die die Queerfeindlichkeit eher im Vorbeiscrollen entdecken, ein Ereignis unter vielen ist, ist für Betroffene oft das, was ständig auf uns einströmt. (Bei Mehrfachmarginalisierungen dann auch gerne von mehreren Ecken gleichzeitig, ich kann beispielsweise am selben Tag Nonbinary-Erasure und Ace-Spec-Erasure abbekommen. Von Anfeindungen, die nicht mit Queermisia zusammenhängen, fange ich gar nicht erst an).

Wenn auch Allys sagen, dass sie diese Dinge nicht in Ordnung finden, obwohl sie dieses konkrete Problem gar nicht trifft, ist das auch in großem Maße ent-gaslightend. Wenn ich sehe, wie ein Problem niemandem aufzufallen scheint und niemanden etwas sagen sehe, dann frage ich mich, ob ich nicht einfach zu überempfindlich geworden bin. Ob ich nicht schon Sachen reinlese, die gar nicht da sind.

Wenn ein Ally also hier rückversichert: „Da ist was passiert, das ist nicht in Ordnung und das fällt auch mir auf“, dann bestätigt es mich (und andere von Queermisia betroffene Menschen), dass das Problem real und existent ist. Dass wir es uns nicht einbilden und einfach „beleidigt sein wollen“, wie es mir erst neulich wieder unterstellt wurde, sondern dass da auch wirklich etwas Schlimmes passiert ist.

Von der Angst, sich dabei selbst zu zentrieren

Die kenne ich. Die habe ich auch, wenn ich die Löffel finde, für etwas outzucallen, das mich nicht betrifft. Meine Taktiken dabei sind (in der Hoffnung, dass sie anderen Leuten helfen):

– auf keinen Fall Betroffene taggen, die haben schon genug um die Ohren

– auf keinen Fall versichern, dass ICH sowas ja nicht reproduziert hätte

– ich habe in meinen Twitter-Lesezeichen eine wachsende Sammlung an Links mit von Betroffenen erstellten Threads/Blogposts, die ich häufig benötige, um Sachverhalte zu erklären (beispielsweise einen Hautfarben-Guide, einen Thread zum N-Wort, einen Artikel zum Thema „Trigger-Warnungen“ von einer in der Psychologie tätigen Person und einige andere) – wichtig: Entweder nur den Artikellink posten ODER den Link zum Twitterthread, aber NICHT direkt die (in der App und auf der Hauptseite implementierte) Quote-Tweet-Funktion benutzen. Sonst haut ihr betroffenen Personen die Mentions voll. Ihr müsst nicht zwingend Twitter-Lesezeichen nutzen, aber irgendwo zentral Primärquellen zu haben, um sie zu verbreiten, schadet nicht. (Tweetdeck und ähnliche Tools haben hier eventuell abweichende Funktionalitäten, da kenne ich mich aber nicht aus. Ergänzungen in den Kommentaren sind daher sehr willkommen)

– Offen bleiben für Kritik. Man kann auch als Ally und mit den besten Intentionen Mist bauen. Darauf hingewiesen zu werden, ist dann keine Kritik an der eigenen Person, sondern hilft, in Zukunft noch besser für andere da zu sein.

(Weitere Taktiken werden eventuell ergänzt)

– Mir tut es tatsächlich gut, wenn ich private Nachrichten bekomme, die supportend sind. Nicht immer ist ein öffentlicher Outcall überhaupt möglich (bei manchen Themen läuft man Gefahr, sich zu outen oder selbst zu doxxen und ich verstehe sehr gut, warum das nicht gewollt sein kann – oder es fehlen die Löffel, sich mit einem eventuellen Backlash auseinanderzusetzen). Bei privaten Nachrichten gilt, was ich weiter oben geschrieben habe: Nicht sich selbst zentrieren. Nicht anschreiben, um zu erzählen, dass irgendwo anders im Web oder in der Welt auch gerade Queermisia passiert ist. Für Anmerkungen und Fragen bin ich persönlich sehr offen und mein DM-Fach ist es auch.