Sextropen, die ich nicht mehr sehen mag – und was ich stattdessen gern sehen würde

CN für diesen Text: Sex, Genitalien, Kritik an und folglich Benennung von Sexismus, Cis-Sexismus, Erwähnung von Dysphorie, Erwähnung von Fesselspielen.

Zunächst eine Enthüllung: Ich lese keine dezidierten Erotikromane. Das liegt zum Teil daran, dass mein Geschmack sehr, sehr spezifisch ist: Ich kann weder mit cis Male Gaze, noch mit als „Liebesroman mit spicy Extra“ verpackten cis hetero Penis-in-Vagina-Geschichten was anfangen. Was absolut nicht heißt, dass ich dieser Literatur das Exitenzrecht abspreche oder abstreite, dass es da handwerklich hervorragende Geschichten gibt, die andere Menschen zutiefst berühren.
Ich will damit ausschließlich eine Ich-Botschaft senden, die da lautet: Meins ist das nicht.
Eine große Menge an Faktoren (Neurodivergenz, Demisexualität, Split-Attraction-Model und wo ich mich auf den jeweiligen Spektren befinde) führt dazu, dass ich Erotik zum einen lieber selbst schaffe, als zu konsumieren (ich schreibe erotische Romane, kinky Kurz- und Kürzestgeschichten und es gibt auch etliche BDSM-bezogene Skizzen in meinen Notizblöckchen) und zum anderen, wenn ich sie konsumiere, dann eher in Form von Comics. Ich werde davon nicht erregt, aber ich liebe die Ästhetik gut gezeichneter Erotikszenen oder ansprechend arrangierter Shibari-Fotografie.
Mit anderen Worten: Ich konsumiere ausschließlich Erotik, die ich hübsch finde. Fällt das visuelle Element weg und kriege ich „nur“ Text, dann bevorzuge ich die erotischen Texte, die ich als „wholesome“ empfinde (beispielsweise Texte von anderen aus dem Aprilkink, bei dem trotz aller Gemeinheiten, die die Figuren einander antun, es deutlich sichtbar ist, dass alle einander sehr gern haben und der Umgang von gegenseitigem Respekt, Wohlwollen und Fürsorge geprägt ist.)

Die Tropen, über die ich hier sprechen möchte, finden sich daher nicht in den dezidiert erotischen Medien, die ich konsumiere – im Gegenteil. Meist handelt es sich um „Beifang“: Ich lese einen Roman, in dem aus irgendeinem Grund AUCH Sexszenen vorkommen und stelle augenrollend fest „Oh, nicht schon wieder das!“

Die Mär vom cis hetero Mann, der den Cunnilingus erfand

Vielleicht war es irgendwann einmal neu und originell, das zu schreiben. Mir fallen aber direkt mehrere Romane ein, in denen der Cunnilingus als „Königsdisziplin“ und „welterschütternd“ für die Sexualität dargestellt wurde.

Beispiele:
„Nexus – der Tod sei mit dir“ – der Protagonist Niccolo Necri ist mehr als 300 Jahre alt. Als es zum Sex mit seiner angebeteten Eisverkäuferin Susannah kommt, erschüttert er ihre Welt und berührt sie, wie sie bisher nicht berührt wurde. Indem er sie leckt. Dreihundert Jahre Sexualgeschichte, eine Frau, die bereits ein Kind hat – und für beide ist das die größte Erfindung der Menschheit. Die Geschichte spielt in einer nicht näher definierten Gegenwart und Susannah ist vollkommen überrascht und geflasht, dass ein Mann auf DIE Idee kommt. (Der Autor war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sehr jung, das zeichnet durchaus ein bestimmtes Frauen- und Menschenbild, das ihn geprägt haben dürfte. Dazu weiter unten mehr.)
Eins der Eis-und-Feuer-Bücher, aber keine Ahnung gerade welches – obwohl Ygritte keine Jungfrau mehr ist, sexuell recht selbstständig und willensstark, ist sie vollkommen geflasht, als Jon Snow rein zufällig beschließt, sie auch „da unten“ zu küssen. Paraphrasiert, da ich das Buch auf Englisch gelesen habe, hieß es „Oh, ist es das, was ihr im Süden mit den Ladys tut?“ (Mir fälllt jetzt erst das Wortspiel auf. Im Süden, also südlich der Mauer … und im Süden einer Person *hust*) Womit er bei seinem allerersten sexuellen Abenteuer bereits mehr darüber weiß, wie eine Person mit Vulva zu befriedigen ist, als eine sexuell erfahrene Person, die durchaus als „Ich weiß, was ich will und was ich nicht will“ charakterisiert wird, der ebenjene Vulva gehört. So much to unpack here.
Oh, und in meinem Brotjob sind mir auch mehrere Liebesromane begegnet, die nicht dezidiert als Erotikroman deklariert sind, aber Sexszenen enthalten. Unter anderem mit dieser Trope. Und Krimis. Und … eigentlich ist kein Genre davor sicher, in dem die Figuren alt genug sind, um einvernehmlichen Sex zu haben.

Was ist das Problem an dieser Trope?

Sie ist in höchstem Maße dya-cis-hetero-sexistisch und das aus mehreren Gründen:
Während es in den Mainstreammedien oft von cis Frauen erwartet wird, dem cis Mann „einen zu blasen“, ist umgekehrt „lecken“ etwas, das in den Medien nach wie vor selten betrachtet wird. Das geht schon auf das antike Rom zurück – dort gilt Cunnilingus als eine Praxis, die man „den braven römischen Matronen nicht zumuten darf“ – wenn ein Mann sowas Abwegiges unbedingt tun willl (!!!!), dann solle er zu einer Prostituierten gehen. (So much to unpack here – Sexworkfeindlichkeit im alten Rom was totally a thing und leider finde ich den Quellenbeleg dafür gerade nicht).
In der europäischen Sexualgeschichte ist also Cunnilingus etwas, das schon in der römischen Antike als etwas gilt, was nur „perverse Männer“ mögen können. Die Lust der geleckten Person wird dabei komplett ausgespart oder gar verneint.
Vielleicht erklärt das auch zum Teil, wie die Trope überhaupt entstanden ist – aus eurozentrischer Sicht ergibt die „Neuentdeckung des Leckens als etwas, das sowohl der gebenden als auch der empfangenden Person gefällt“ sogar Sinn und kann emanzipatorisch gelesen werden. Trotzdem bleibt das Motiv problematisch, weil es fast immer vom cis Mann ausgeht und nicht von der Person mit Vulva.

Das nächste Problem ist, dass die Trope oft genutzt wird, um den dya-cis Mann als besonders guten und kreativen Liebhaber zu zeigen. Die Trope begegnete mir überwiegend in Romanen, bei denen die cis Frau sexuell nicht unerfahren ist. Entweder hat sie bereits ein Kind (wie Susannah und die vielen verwitweten, alleinstehenden oder verlassenen Frauen in den Brotjob-Romanen auf meinem Schreibtisch) oder es wird anderweitig verdeutlicht, dass sie bereits Sex hatte (Ygritte).
Trotzdem weiß die cis Frau nicht genug über ihre eigene Sexualität und geleckt zu werden. Es braucht erst den cis Mann, der auf die ganz neuartige Idee gekommen ist, mal seine Zunge zu nutzen, um sie sexuell zu befreien.

Ihr seht das Problem doch auch, oder? Das Beispiel von Ygritte und Jon Snow treibt es sogar noch auf die Spitze, da er in der Konstellation jungfräulich und unerfahren ist, sowie aus einer sexuell zum Teil sehr restriktiven Gesellschaft kommt, während sie zwar immer noch aus einer hetero-cis-normativen und sexistischen Gesellschaft kommt, aber mehr Möglichkeiten hatte, Erfahrungen zu sammeln, als Jon. Trotzdem kann er „ihre Welt erschüttern“, um eine Metapher zu bemühen, die oft in diesem Kontext gebraucht wird. Selbst der unerfahrene dya cis Mann wird hier also als erfahrener und sexuell befreiter beschrieben als die erfahrene cis Frau. Auch das zementiert binäre Genderklischees.

Und: Natürlich gefällt das allen cis Frauen in den Romanen. Ausnahmslos. Ich habe keinen Roman gesehen, in dem die geleckte Person sagt „Du, davon habe ich aber überhaupt nichts“ oder „Lass das bitte, diese Praktik ist mir unangenehm“. Nein, natürlich ist ausnahmslos immer genau diese Praxis berauschend und wird mit aufgerissenen Augen, überraschten Lauten und dergleichen quittiert.

Davon, dass mir im Mainstream (und bisher auch in keinem im Original deutschsprachigen Independent-Titel) noch kein Buch begegnet ist, in dem die Personen mal nicht cis sind, ganz zu schweigen. Was, wenn die Person mit Vulva nicht-binär ist und Cunnilingus Dysphorie auslöst? Warum wird eigentlich nie über Vorlieben und Tabus gesprochen, sondern einfach irgenwann in einem Anflug wilder Leidenschaft losgesext, aber trotzdem ist der Sex immer perfekt?

Wie kann man es besser machen?

Es gibt mehrere strukturelle Möglichkeiten:

  • Brecht das Cistem auf und schreibt über Figuren, die mal nicht dya cis hetero sind – vor allem, wenn ihr es selbst nicht seid, aber glaubt, trotzdem nur so schreiben zu dürfen, weil das „die Norm“ sei und ihr sonst eventuell nicht gelesen werdet. Glaubt mir, es gibt wesentlich mehr Leute, als ihr meint, die endlich mal über andere Konstellationen als „Junge trifft Mädchen“ lesen wollen.
  • Schreibt Figuren auf Augenhöhe – der cis Mann ist 300 Jahre alt, aber auch seine Geliebte ist keine vollkommen unerfahrene Frau? Dann lasst sie mal darüber reden, was ihnen eigentlich im Bett gefällt. Oder, wenn sie doch überraschend für sich und alle anderen ins Bett fallen, dann lasst sie währenddessen („Oh, nein, mehr nach da, ja, so ist es gut“) kommunizieren. Ich finde Kommunikation meist sexier als den Akt an sich, mit „the best of both worlds“ könnt ihr mehr Leser*innen erreichen.
  • Auch Romanfiguren dürfen mal schlechten Sex haben – ganz ehrlich? Ich würde es z.B. lieben, wenn in einem Krimi mit romantischem oder erotischem Subplot Figuren Sex haben, er aber nicht gut ist, weil der Fall zu sehr im Kopf herumwuselt, um sich wirklich fallen lassen zu können, oder sowas. (In meinen pornografischen Romanen haben sie den aus naheliegenden Gründen lieber hinter den Kulissen, aber ich will zumindest erwähnen, dass sowas existiert und offscreen durchaus passiert) Und gebt mir gerne auch mal Sex-„Unfälle“, bei denen zu stark in eine Brustwarze gebissen wird oder im Überschwang der Leidenschaft die Personen aus dem Bett kullern und erst einmal herzhaft darüber lachen.
  • Selbstbefriedigung existiert. Nur weil Personen es also noch nie mit anderen getan haben, heißt das nicht zwingend, dass sie überhaupt nichts über ihre Vorlieben wissen. (Also es KANN trotzdem sein, es gibt auch Personen, die sich nicht selbst befriedigen – aber pauschal davon auszugehen, dass nur Sex mit anderen Personen valide ist und zum Erfahrungsschatz einer sexuell aktiven Person beiträgt, ist schlicht und ergreifend falsch und unter anderem ace-feindlich, es gibt Menschen, die aus welchem Grunde auch immer, ausschließlich mit sich selbst Sex haben und dieser kann vielfältig und kreativ sein). Und selbst wenn, wäre es spannend, die Hintergründe dafür zu thematisieren (wie beispielsweise eine Wohnsituation, bei der Person nie allein ist oder lange genug sich zurückziehen kann, um die Möglichkeit zu haben, mangelnder Wunsch … die Gründe sind vielfältig und können auch eine Figur zusätzlich charakterisieren).
  • Sexuelle Fantasien existieren. Ich fände es absolut valide, in diesem Zusammenhang, wenn Person mit Vulva in einer Sexszene sagt „Ich wollte das schon immer mal probieren, hatte aber nie die Gelegenheit dazu, weil erste Partnerschaft/Ex-Partner*in hat das nicht gemacht. Wollen wir das gemeinsam ausprobieren?“ zu lesen. Aber auch Menschen komplett ohne sexuelle Erfahrung können trotzdem irgendeine Form von Wünschen, Vorstellungen, für sie interessanten Konzepten haben. „Ich habe mal darüber gelesen und es hat beim Lesen geprickelt, ich will das probieren“. In diesem Zusammenhang ist es auch okay, wenn sich dann herausstellt, dass das Zusammenfantasierte in der Umsetzung dann doch nicht gefällt.
  • Generell: Kommunikation. Zumindest ich schmelze mehr, wenn ich schön geschriebene Kommunikation lese, als beim Lesen des Aktes selbst. „Naaaawwww, sie reden miteinander! Sie reden über ihre Vorlieben und Tabus! Das ist so wholesome! Squeeeeeek ❤ ❤ <3“, aber wenn dann das Gespräch auch noch im Akt irgendwie relevant ist „Naawwww, Person 1 wollte instinktiv A machen, hat sich erinnert, dass Person 2 A nicht tun will, hat ganz kurz gezögert und dann was anderes getan. Wie süüüüüüüß!“
  • Wenn ihr eine erotische Szene schreiben wollt und euch als selten genannte und neuartige Königsdisziplin nur Cunnilingus einfällt, ist das nicht schlimm. Das sagt vermutlich mehr über die in Teilen immer noch lustfeindliche Gesellschaft, in der ihr sozialisiert wurdet, als über euch aus. Aber: Der Inkognitus-Modus eures Browsers ist hier eine gute Anlaufstelle, um den eigenen Horizont zu erweitern. Ja, ihr werdet euch dabei eventuell einen Satz roter Ohren holen. Habe ich mir auch und das als Erotikautorin. Ja, manches ist extrem schwer ordentlich zu googeln (ich sage nur „Shibari-Anleitung, wenn mehr als eine Person gefesselt werden soll“ und manchmal muss man wirklich wühlen, weil Google natürlich die ganzen vielbesuchten Pornoclipseiten weit vorne rankt und das Wissen, das ihr haben wollt, sich auf Seite 7 verbirgt. Aber es lohnt sich.)
    Hierzu eine kleine Literaturempfehlung: Klickt euch mal durch das Comic-Archiv von https://www.ohjoysextoy.com – der Blog bietet eine Mischung aus sexueller Aufklärung, möglichst inklusiv gezeichneten Figürchen, (zahlreiche Gender, mehrere Körpertypen, verschiedene Hautfarben), Gastcomics und Reviews zu diversen Sex-Utensilien. Besonders letztere helfen, bei bestimmten Szenen nicht immer das gleiche Klischee zu wiederholen.
  • eine Kombination aus mehreren oder allen von mir genannten Stichpunkten.

Filmtrope: Das Gespräch beim „wilden“ Ritt

Warum führe ich hier eine Trope auf, die mir bisher überwiegend in Filmen begegnet ist? Weil Filme und Literatur einander stark beeinflussen. Die Entstehung des Films führte zu einer Veränderung der Lesegewohnheiten: Das Erzähltempo in der Literatur stieg spürbar und viele Bücher wurden für Jüngere „unlesbar“ oder schwerer zu erfassen, weil das langsamere Erzähltempo nicht mehr den eigenen Rezeptionsgewohnheiten entsprach. Genauso steigerte sich im Laufe der Zeit auch das Erzähltempo im Film – aufgrund meiner Neurodivergenz fällt es mir oft schwer, europäische und amerikanische Filme einer bestimmten Epoche zu schauen, weil die Erzählweise teilweise so langsam und raumgreifend ist, dass ich mich entweder nicht lange genug fokussieren kann, oder durch modernere Filme „dressiert“, erwarte, dass irgendetwas passiert, mich anspanne und dann passiert minutenlang … gar nichts. Das führt dazu, dass ältere Bücher, vor allem Klassiker, dann oft Szenen enthalten, die das Lektorat heutzutage rigoros rausstreichen würde, weil sie den zeitgenössischen Lesegewohnheiten widersprechen. (Was im Übrigen oft als Argument herangezogen wird, modernes Lektorat zu diskreditieren, was wiederum eine Baustelle für sich ist, die ich ein anderes Mal besprechen könnte. Ich … habe zu viele Themen für Blogposts und zu wenig Zeit.) Die Geschwindigkeit sozialer Medien beeinflusst zusätzlich sowohl Film- als auch Buchformate. Es ist ein komplexes Geflecht, über das etliche wissenschaftliche Arbeiten geschrieben wurden.

Filmmythen und Tropen finden sehr oft unreflektiert in Bücher Eingang – warum? Weil schreibende Personen oft annehmen, Hollywood würde das schon ordentlich recherchiert haben und keinen Quatsch behaupten. Es gibt gefühlt 50.000 Filme, in denen mit einem einzelnen Streichholz eine ganze Tankstelle hochgeht, warum soll das erfunden sein? (Ein Gegenbeleg findet sich z.B. hier.)

Sehr langer Rede sehr kurzer Sinn: Es gibt eine nervige Filmtrope, von der ich sehr hoffe, dass sie nie in Büchern übernommen wird. Sie ist mir bisher nicht begegnet (was nichts heißen muss), aber … wehret den Anfängen und so.

Wie sieht so eine Szene aus?

Die Kurzzusammenfassung ist: Der dya cis Mann liegt unten, auf dem Rücken. Die dya cis Frau reitet ihn, entweder ihm zugewandt oder mit dem Rücken zu ihm. Gelegentlich (aber eher dezent fast überhaupt) gibt es leise seufzende Sexgeräusche. Die beiden führen dabei ein Gespräch, das in der Tat plotrelevant ist – und zwar vollkommen ruhig, ohne aus der Puste zu geraten, oft auch, ohne nennenswert müde zu werden – das Ganze dauert ewig und der Rhythmus ist stets perfekt.

Begegnet ist mir das in unzähligen russischen Fernsehserien, wo es aus irgendeinem Grund um 2010 herum aufkam, Sexszenen auf diese Weise an der Zensur vorbeizuschmuggeln. Ich weiß von mindestens einer so gearteten Szene in „GoT“ (da ich aber die Serie nie geschaut habe, kann ich das nicht verifizieren). Eine humorvollere Variante fand sich in „Black Sails“ – Anne Boleyn sitzt auf Jack Rackham und ist langsam recht genervt, weil er nicht fertig wird. Am Ende des Gesprächs steht sie einfach auf, geht davon … und lässt ihn – nackt und ans Bett gefesselt – einfach in der Hütte zurück.

Wo ist das Problem?

Bis auf die ironisch gebrochene Szene in „Black Sails“, bei der Anne Boleyn voll bekleidet ist und nur ein wenig ihr Kleid aus dem Weg hält, während der gefesselte Rackham vollständig nackt den Zuschauer*innen präsentiert wird, dienen solche Szenen fast immer dazu, den „Male Gaze“ zu bedienen. Nackte, männlich gelesene Körper werden von der Gesellschaft weniger mit Stigma versehen und zensiert, als weiblich gelesene. Das einzige, was als anstößig gilt (Penis) wird praktischerweise durch die oben sitzende Person verdeckt. Gleichzeitig wird dadurch ein angedeuteter Tabubruch möglich: Die weiblich gelesene Person kann fast vollständig gezeigt werden (die Vulva bleibt verdeckt, wir sprechen hier ja nach wie vor von Kinofilmen und Serien, die nicht dezidiert erotisch oder pornografisch sind, sondern von Medien, die erotische Szenen als „Nebenschauplatz“ enthalten), wenn Bewegungen dargestellt werden, sogar mit wogenden Brüsten.

Somit reproduzieren solche Szenen auch hier wieder ein veraltetes, binäres Geschlechtsbild und Verhältnisse, die eigentlich überholt gehören.

Zumindest ich finde diese Szenen außerdem – so sie nicht ironsch gebrochen werden und somit das Lachen am Ende Absicht – in höchstem Maße einfach furchtbar lächerlich. Die, die ich gesehen habe, sind meist lang. Wirklich lang. Und die ganze Zeit schaukeln sie ein bisschen und reden dabei vor sich hin und … nun ja. So funktioniert Sex nicht. Wenn man untenrum miteinander verbunden und heftig bei der Sache ist, sollten keine ruhigen Gespräche über irgendwas möglich sein, egal was es ist. Es ist einfach … alles an diesen Szenen ist absurd und falsch. (Ich glaube, in der russischen Serie ging es darum, dass er einen Auftragsmörder beauftragen will und sie hat ganz ruhig beim Reiten mit ihm darüber gesprochen, aber genau weiß ich es nicht mehr.)

Wie kann es besser gemacht werden?

Mal angenommen, ihr wollt ein plotrelevantes Gespräch in einer Sexszene einbauen, dabei aber nicht so ein merkwürdiges Ding produzieren, wie die von mir kritisierten Laber-Reit-Szenen. Hier einige Ideen:

  • Natürlich besteht stets die Möglichkeit, es schlicht nicht zu tun – das plotrelevante Gespräch kann nahtlos in die Sexszene übergehen und der Sex das Gespräch killen (oder zumindest sehr erschweren). Natürlich kann das Gespräch auch nach dem Sex neu aufgenommen werden.
  • Variationen. Ich erwähnte bereits „Black Sails“, wo das Verhältnis umgekehrt wird und der unten liegende Part sexualisiert wird statt dem oberen. Es gibt bestimmt noch andere Möglichkeit, die Szene ironisch zu brechen. Beispielsweise, indem eine wichtige Person reinkommt, unbedingt mit der oben liegenden reden will und verheimlicht werden soll, dass die unten liegende Person anwesend ist und sie Sex haben. Im Rahmen von D/s-Dynamiken kann es sogar Anweisung sein, es sich nicht anmerken zu lassen – sodass die untere Person absichtlich ärgern kann, damit sie erwischt werden.
  • Konstellationen, die nicht cis und/oder hetero sind.
  • Oder wie wäre es mit Fantasyelementen? Tentakeln, unsichtbare Geisterarme …
  • Für Drehbuchautor*innen: Wenn ihr so eine Szene einbauen müsst, dann doch bitte so, dass man den Leuten ansieht, dass sie Sex haben. Lasst sie schwitzen und auch mal mitten im Satz stocken, weil sich eine der Personen heftiger bewegt hat oder so. Damit es nicht ganz so lächerlich aussieht. (Auf die Gefahr hin, dass man es dann nicht mehr im Nachmittagsprogramm ausstrahlen kann, vermute ich.) Es gibt immer Wege, das Ganze so zu zeigen, dass es nicht ins Pornografische abdriftet.
  • Für Buch-Autor*innen: Wenn sie unbedingt „dabei“ quasseln müssen, statt davor oder danach, gebt dem Ganzen einen Grund (ist eine der Personen ein*e Sexarbeiter*in und muss der anderen unauffällig ein Geheimnis weitertratschen? Oder gibt es einen anderen Grund, ein wichtiges Gespräch durch Sex zu kaschieren?). Mit anderen Worten: Macht den Grund für das plotrelevante Sexgespräch bereits plotrelevant.
  • Generell: Baut Humor ein. Lächerliche Dinge, die sich selbst nicht so ernst nehmen, wirken gleich viel weniger lächerlich, wenn beim Lesen und Zuschauen mit statt über die Charaktere gelacht wird.

Eine Art Fazit

Es ist auffällig, dass mich genau die Sextropen in Medien stören, die das binäre, cis-sexistische und patriarchale Bild von Sexualität noch verstärken. Vermutlich habe ich nur an der Oberfläche dessen gekratzt, was an den beiden Sachen problematisch ist, aber ich bin selbst noch dabei, zu lernen und zu reflektieren.

Solche Blogposts helfen mir dabei. Und ich hoffe, sie helfen auch anderen. Sowohl Leser*innen/Zuschauer*innen, zu verstehen, warum bestimmte Szenen ein Unbehagen oder seltsames Gefühl bereiten, als auch Kulturschaffenden, wenn sie schreiben.

Es gilt wie bei all meinen Blogposts stets: Schreibt mir in die Kommentare, per Twitter-DM oder auf Discord (June T. Michael#0210), wenn ihr Ergänzungen habt, einen Begriff erklärt haben möchtet oder ich irgendwo Unsinn behauptet habe. Ich werde auch, falls ich endlich den Link über das römische Liebesleben und die Sache mit dem Lecken wiederfinde, den Link unten ergänzen.

Alle verlinkten Materialien noch einmal übersichtlich:

Im Artikel namentlich genannte Medien

  • „Nexus – der Tod sei mit dir“ von Lars-Erik Schütz
  • Die Buchreihe „A Song of Ice and Fire“ von George R. R. Martin
  • Die darauf basierende Fernsehserie „Game of Thrones“ (HBO)
  • Die teils auf realen Piraten, teils auf Ereignissen aus der „Schatzinsel“ basierende Fernsehserie „Black Sails“

Eigenwerbung

Die oben erwähnten kinky Kurzgeschichten findet ihr übersichtlich verlinkt hier und hier. Bonusmaterial und „Behind the scnes“ gibt es auf Patreon. Der Roman … kommt erst noch, aber ihr findet hier auf dem Blog was dazu, wenn ihr herumstöbert. Viel Spaß! ❤