Kleiner Schreibguide zu „Ich will über nicht-binäre Figuren schreiben, wie mache ich das?“ – ein paar Anregungen und Beobachtungshilfen

Obligatorische Anmerkung: Dieser Blogpost dient der Information. Ich werde versuchen, ihn regelmäßig zu updaten und so viele Perspektiven wie möglich einzufügen, da ich nur eine Person bin und die Erfahrungen sich sehr stark unterscheiden können. Es lohnt sich also, diesen Artikel in den Lesezeichen zu speichern und immer mal aufzurufen. Im Falle größerer Updates kann es sein, dass ich die neue Version twittere, sodass ihr auf meinem Twitter-Profil am ehesten News findet. Das findet ihr dort. Wenn ihr etwas gelernt habt und finanziell in der Lage seid, etwas zurückzugeben, könnt ihr mich auf Patreon unterstützen.

Ich will mit diesem Blogpost empowern und dazu ermutigen, Bücher zu schreiben, in denen nicht-binäre Personen von Anfang an einen Platz haben und ganz selbstständig Teil der Welt sind, statt nachträglich irgendwie holprig eingefügt zu werden. Und auch wenn ich dabei auch Schwierigkeiten benenne, will ich damit nicht abschrecken, sondern sensibilisieren. Und vielleicht verhindern, dass Leute, die es ehrlich versuchen und dann vor Hürden stehen, nicht sofort aufgeben. Daher die Vorwarnung: Natürlich gibt es Hürden, weil die Mehrheitsgesellschaft so stark binär gecodet ist im deutschsprachigen Raum. Aber nun, da wesen weiß, dass sie da sind, kann wesen sich schon mal wappnen – und Wege suchen.


CN: Reproduktion von Binarismus zu Dekonstruktionszwecken, Selbst-Misgendering in Bezug auf mein Leben vor dem Outing, Cis-Sexismus, Cis-Normativität, Erwähnung des TSG / Gutachten, Essen und Trinken (erwähnt), Heteronormativität, Alkohol (erwähnt), Schwangerschaft (erwähnt), Queercoding (erwähnt), Haustiere (erwähnt), Insekten und Krabbeltiere (erwähnt in einem Stichpunkt), BDSM (wird in einem Nebensatz erwähnt und als Beispiel thematisiert), Kinkshaming / Subshaming (erwähnt).


Zunächst einmal eine kleine Dekonstruktion. Es ist nicht so, als gäbe es nicht-binäre Menschen erst seit 2015, sodass wesen 2020 dann plötzlich auf die Idee kommen könnte, über sie in Büchern zu schreiben. Binarität per se ist ein Konstrukt, das eng mit dem Kolonialismus verzahnt ist und vielen Kulturen, die eigentlich schon sehr lange Konstrukte außerhalb der Binarität hatten, das Zwei-Geschlechter-Bild aufdrängten.

Das Judentum kennt beispielsweise sechs Geschlechter mit genau festgelegten Rechten und Pflichten. Auch andere Kulturen kennen oder kannten andere Geschlechtersysteme, die zum Teil vom vorherrschenden System überdeckt oder ausgelöscht wurden, zum Teil heute noch existieren, aber sprachlich unsichtbar gemacht werden. Einen Überblick über das Thema „Kolonialismus und Geschlecht“ im Allgemeinen gibt Alex in sierem Blogpost.

Dass ich die Überschrift formuliert habe, wie ich es tat, liegt nicht zuletzt daran, dass die Frage danach ständig aufkommt. Sie wird nicht nur mir gestellt, sondern gefühlt so ziemlich allen, die in Schreibspaces unterwegs sind und in diesen Spaces als nicht-binär geoutet sind. Ich empfehle den Artikel von skalabyrinth zum Thema „Biologismus in der Fantastik“ und seine Geschichte „Planet der Frauen„. Fragen, wie sie dort Karian gestellt werden oder im Sachartikel zitiert wurden, wurden auch mir bereits gestellt (Plus einige weitere).

Da ich eine Person mit wenig Energie bin, und somit meine Ressourcen gut einteilen muss, habe ich also hiermit einen sehr langen Blogpost geschrieben, um bei Fragen darauf und auf die darin verlinkten Quellen zu verlinken.

Hier liegt ein Fehler vor

Die meisten Leute, die selbst cis und/oder binär sind, aber irgendwie mitbekommen haben, dass es auch nicht-binäre Leute gibt und diese dann in ihre Geschichte einbauen wollen (die Motive dafür lasse ich außen vor), stellen sich das gefühlt so vor, wenn ich aus dem, was ich gefragt werde und was ich woanders gelesen habe, Schlüsse ziehen darf:

Wesen nehme eine biologistische, cis-normative Welt und füge da ein paar nicht-binäre Personen ein. Diese haben zwingend ein irgendwie abweichendes Äußeres, haben eventuell auch schon Operationen hinter sich gebracht oder vor sich und nutzen Pronomen, die auf keinen Fall „er/ihn“ oder „sie/ihr“ sind. (Und nach Möglichkeit auch nicht „es“, denn „es“ ist voll schlimm. Ganz sehr mega-furchtbar. Das verwendet doch echt freiwillig absoluuuut nie irgendwer!) Sie sind ganz selbstverständlich sofort auf den ersten Blick als nicht-binäre Person zu erkennen und ziemlich oft nicht einmal menschlich.

Ja, da sind ganz dezente Sarkasmus-Vibes. Der erste Schritt wäre, damit aufzuhören, bestimmten Eigenschaften automatisch ein bestimmtes Geschlecht zuzuweisen. Ich habe ein wenig herumgefragt, um zu sammeln, welche Eigenschaften das sind.

Diese Liste ist ermüdend, aber nicht erschöpfend:

  • Haarlängen (Personen jeden Geschlechts und auch temporär/permanent ohne Geschlecht, und auch Personen mit mehreren Geschlechtern können jede Haarlänge haben.).
  • Haarfarbe (Ja, auch ein dya cis Mann kann sich die Haare beispielsweise zart pink färben).
  • Bekleidung (Jeder Mensch, der ein Kleid rocken möchte, kann, darf und soll ein Kleid rocken, ohne automatisch zwangsweise einsortiert zu werden).
  • Stimme (Es gibt andere Adjektive dafür: Hell, dunkel, tief, hoch, kindlich …).
  • Generell Farben, Schnitte, Muster … alles, was für den Selbstausdruck verwendet wird. Bei Kindern auch gerne Farbe und Design von Dingen wie “Brotdosen” oder “Rucksack”.
  • Make-Up.
  • Lieblingsmusik (I kid you not. Als ich noch nicht wusste, dass ich nicht cis bin, war die Reaktion auf das, was ich gerne anhöre “Aber du bist doch ein Mädchen!”. Und das hat was miteinander zu tun, weil?).
  • Lieblingsfächer / Spezialisierungen / Studiengänge (Dass ich nicht Physik studiert habe, verdanke ich einer Verkettung zahlreicher zum Teil sehr bizarrer Zufälle. Mit meinem “Gender Assigned at Birth” hat das nichts zu tun und ich habe in meiner gesamten Schullaufbahn eher MINT-Dinge gemacht.).
  • Schmuck (Ich würde im Übrigen sehr gerne Unisex-Schmuck tragen, der ist mir nur leider zu groß, wodurch “Unisex” eigentlich einfach ein anderes Wort für “Für dya cis Männer in Normgröße, aber wir wollen nicht ‘for men’ draufschreiben” ist.).
  • Berufswahl (Ich erinnere mich an den Fall einer dya cis Freundin, die in ihrem Ausbildungsberuf nicht arbeiten konnte, weil alle Betriebe in ihrer Stadt keine nach Geschlecht getrennten Umkleide- und Duschbereiche hatten, dies aber vorgesehen sei …).
  • Gang (Ich weiß, dass einige Menschen in der Hinsicht auch üben und dass dies in Gutachten nach TSG zur Sprache kommt, wie die Person läuft. Für mich schwer einzuschätzen, weil mein Gang aufgrund einer Behinderung ohnehin nicht “agab-konform” ist. Von meiner Familie hörte ich sehr oft den Ausdruck “Du bist doch ein Mädchen und kein Lastenzug, nun GEH gefälligst auch so”.).
  • Essgewohnheiten (Ich glaube, das ist schon sehr vielen Leuten passiert – dass bestimmtes Essen oder bestimmte Getränke mit einem bestimmten binären Geschlecht assoziiert werden und dadurch bei Bestellungen auswärts das Essen/das Getränk falsch zugeordnet wurde.).
  • Ausdrucksweise (In russischsprachigen Gesellschaften gibt es beispielsweise klare Vorstellungen davon, wer fluchen darf und wer nicht.).
  • Fahrstil (Mit den cis-sexistischen und binäristischen Klischees darüber, wer angeblich wie fährt, haben Leute Bücher gefüllt und gut Geld verdient).
  • Wie die Person klingt, wenn sie lacht (Ich weiß es doch auch nicht …).
  • Ich habe das Offensichtliche vergessen, nämlich Körperbau an sich, wo bestimmte “Bauteile” mit bestimmten binären Geschlechtern verbunden werden.
  • Pflegeprodukte (Ich muss gerade an ein Buch denken, in dem ein dya cis Mann herrlich nach “sinfull peach” duften darf und muss grinsen. Aber im Ernst. Es gibt Leute, die mögen generell keine parfümierten Produkte, egal ob da eine pinke Blume, lila Glitzersterne oder ein “for men” draufsteht. Es gibt bestimmt dya cis Männer, die auf fruchtige und blumige Düfte stehen. Und so weiter. Ich weiß von dya cis Menschen, die aus Parfümerie-Produkten, die sie antreffen, wenn sie Leute besuchen, darauf zu schließen versuchen, ob diese [hetero] Besuch empfangen. Don’t.).
  • Wohnungseinrichtungen. (Ihr kennt doch auch diese Romane, in denen eine sogenannte “Junggesellenbude” beschrieben wird und es dann heißt, für die richtige Gemütlichkeit fehle die “weibliche Hand” oder “das weibliche Auge”? Nun, ich bezweifle, dass ein Auge von Alexis in einer Schale wirklich für alle zu mehr Gemütlichkeit beitragen würde …/s).
  • Vorliebe / Abneigung bestimmten Medien gegenüber (Es hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, ob Leute gern Bilder von Sonnenuntergängen anschauen, Liebeslieder anhören und/oder Liebeskomödien aus Deutschland mögen. Ja, das Umfeld kann insofern einwirken, dass diese Klischees dort reproduziert werden und wesen je nach AGAB eher zu bestimmten Medien gedrängt wird oder sich selbst zwingt, so zu tun, als würde wesen sie mögen/ablehnen. Aber das ist eine weitere Baustelle, um die es mir hier gerade nicht geht.).
  • Generell Mimik und Gestik (Don’t ask me. Bei mir ist beides sehr stark von meinem Autismus geprägt. Aber wenn wesen sich die queer gecodeten Disney-Bösewichte anschaut, bekommt wesen mit, wie eine binäristische, cis-normative Linse sich da auswirkt.).
  • Alkoholkonsum bzw. Alkoholverzicht (Zum einen in der Form, wem welches Getränk bei Bestellungen gebracht wird, zum anderen aber auch, dass je nachdem, welches Geschlecht ohnehin rein nach Optik fremdzugewiesen wurde, der eigene Konsum oder Nicht-Konsum verschieden bewertet wird. Ich werde gefragt, ob ich schwanger bin. Mein Vater nicht.).
  • Haustiere (Warum gibt es das Klischee der Katzenlady, aber nicht das des Katzengentlemans? Und dass es umgangssprachlich als “Handtaschenwauwau” bezeichnete Hunde gibt, die auch gern verwendet werden, um Villains zu queercoden, durfte ich auch in einigen Medien schon erleben.).
  • Gesichtsbehaarung – Bart, Augenbrauen, Koteletten, der Bereich über der Oberlippe … Zwar unterliegt es modischen Schwankungen, wie viel dort welches binäre Geschlecht aktuell zu haben hat, aber hätte ich einen Schnurrbart, würde ich mit Sicherheit genauso falsch zugeordnet werden wie ohne.
  • Friert schnell / ist immer warm (Leute, die mich für cis weiblich halten, taggen mich in sozialen Netzwerken oder schreiben mir Gruppennachrichten, in denen sie Dinge schreiben wie “Na, Mädels? Wäre dieser Ganzkörperstrickpulli nicht ganz toll für uns alle?” Nope. Ich sterbe allein bei dem Anblick. Ob Leute schon bei 20 Grad statt 21 eine Strickjacke brauchen oder beim gleichen Wetter in T-Shirt und Shorts im Freien rumrennen, hängt nicht von ihrem AGAB ab.).
  • Umgang mit Insekten und Krabbeltieren (Ich erschrecke mich eigentlich nur, wenn da plötzlich was Großes unvorhergesehen in meinem Blickwinkel spawnt. Ansonsten bin ich mehr so “Ja, das ist ein Nützling und macht die Schädlinge in unserer Wohnung platt. Schön leben lassen und nicht killen”.).
  • Welche Medien nicht nur konsumiert, sondern geschaffen werden. (In meiner Schreibbubble höre ich regelmäßig, dass sich cis weibliche Menschen darüber aufregen, pauschal in die Jugend- und/oder Romance-Ecke gestellt zu werden, auch wenn sie vollkommen andere Dinge machen. Und natürlich wird auch davon ausgegangen, dass bestimmte Leute Kleidchen malen und andere Leute Autos. Schon als Kinder.).
  • Interesse an Sport (Sowohl aktiv als auch passiv. Bestimmte Sportarten gelten als unmännlich/unweiblich zu betreiben. Und das Klischee vom dya cis Mann, der am liebsten Fußball schaut, hält sich auch hartnäckig.).
  • Am Namen. Das ist so banal, dass es beinahe entfallen wäre. Aber die meisten Namen sind in der deutschen Sprache in irgendeiner Form binär gecodet. Es gibt ein paar Unisex-Namen, aber ansonsten gehen Leute automatisch bei bestimmten Namen/Endungen auch von einem bestimmten (binären) Geschlecht aus. Ich wurde auch schon gefragt, ob ich mir jetzt einen neuen Namen zulegen möchte, der geschlechtsneutraler sei, weil ich doch jetzt weiß, dass ich nicht cis bin.
  • Gefährliche Berufe werden eher dya cis Männern zugetraut, seltener dya cis Frauen. Menschen, die nicht cis sind und/oder nicht in die Binarität reinpassen, werden nicht als “stark genug” für diese Berufe wahrgenommen. (Beispielsweise Bergbau, Feuerwehr), während bei Care-Arbeit angenommen wird, dass sie von dya cis Frauen erledigt wird (Kuchen backen, babysitten). In der Linguistik nennt sich das “markiert” vs. “unmarkiert” – wenn eine große, bärtige Person mit Er-Pronomen einen Feuerlöscher hält, ist das “unmarkiert”, es gilt als normal. Hält die gleiche Person dagegen ein Blech mit Brownies, ist das markiert und wird schon mal beäugt. Und natürlich ist das ganze ein ziemlich binärer und cis-normativer Blickwinkel, denn in beiden Fällen kann die Person JEDES Geschlecht haben (oder gar keins, oder mehrere), aber nur eine der beiden Personen entspricht dem Bild einer cis- und binärnormativen Gesellschaft und ist somit unauffällig. (Es geht hier um Machtstrukturen in der Gesellschaft, es … ist kompliziert. Aber es wird in Comedy schon mal als Comic Relief verwendet, wenn eine sehr maskulin auftretende Person Care-Arbeit macht und ich muss dann jedes Mal zusammenzucken.).
  • Körpergröße – das fällt mir vor allem bei den ganzen dya cis hetero Liebesromanen auf, bei denen es immer die weiblich kodierte Person ist, die auf Zehenspitzen steht und hochgehoben / festgehalten werden muss, weil sie soooo so viel kleiner ist. Und natürlich ist in vielen BDSM-Geschichten, um mal mein eigenes Genre zu erwähnen, die unterwürfige Person klein und niedlich, die dominierende groß.
  • BDSM-Neigungen – achtet mal darauf, dass es zwar in letzter Zeit öfter die binäre Beidnennung MaleDom und FemDom gibt, aber sowohl “MaleDom” als auch “MaleSub” seltener sind. Dass überhaupt „MaleDom“ und nicht nur „Dom“ geschrieben wird, ist relativ neu. Außerdem begegnet mir das Wort „MaleDom“ fast ausschließlich im Literaturkontext, wenn Leute nach Büchern suchen und auf diese Weise näher eingrenzen, was sie gern lesen würden und was nicht. Häufiger ist es einfach „der Dom und die Sub“, als wären die heteronormativ-binärsexistischen Rollenverteilungen eine Selbstverständlichkeit (Nope). Manchmal wird auch das Gegensatzpaar „Dom und Domme“ gebildet, wobei aber die Grundform, von der abgeleitet wird, die mit dem grammatisch männlichen Genus ist. Und ich kann mich an keine einzige Instanz von “FemaleSub” (oder FemSub) erinnern, die mir seit ich mich aktiv mit dem Thema aufgefallen wäre, begegnet wäre (was nicht heißt, dass es die Worte nicht gibt, ich tätige nur die Selbstaussage, es zum jetzigen Zeitpunkt nie gelesen zu haben). Aus linguistischer Sicht wird dabei das markiert, was als ungewöhnlicher gilt – die dominante Frau und der devote Mann. In dieser Logik kommen switchende Leute und nicht-binäre Menschen dann gar nicht vor. (Und das Fass mit dem Subshaming, dem unter anderem dya cis Männer besonders ausgesetzt sind, mache ich hier nicht auf, weil das nicht das Thema ist.).

Auch im Artikel Binäre Geschlechtszuweisungen, überall wird das Thema behandelt, ich empfehle ihn an dieser Stelle als weitere Perspektive auf die Allgegenwärtigkeit von Geschlechtszuweisungen.

Genauso wenig, wie wesen an all diesen Dingen das Geschlecht ablesen kann, kann wesen auch Pronomen nicht anhand dieser Punkte erraten. Sofern sie nicht auf irgendeine Weise mitgeteilt wurden, sind sie erst einmal unbekannt, und wesen sollte davon absehen, einfach zu raten. Im Englischen gibt es dafür „they“, das als Platzhalter genutzt werden kann. „I saw a child in a red dress. They walked the family dog.”

Leider gibt es im Deutschen nichts Vergleichbares – also kein Pronomen, das die Bedeutung „Geschlecht und Pronomen der Person, die wesen da gerade vor sich hat, unbekannt“ trägt. Es wäre schön, wenn es im Deutschen auch ein Pronomen gäbe, das genau diese Bedeutung („Tatsächliches Pronomen unbekannt“) hat und das somit als Platzhalter verwendet werden kann.

Gleichzeitig ist die deutsche Sprache flexibel genug, um im Zweifelsfall drumherum zu kommen:

  • Ich habe ein Kind im roten Kleid gesehen. Es ging mit dem Familienhund Gassi.
  • Ich habe ein Kind im roten Kleid gesehen, das mit dem Familienhund Gassi ging.

An dieser Stelle wichtig zu erwähnen: Auch das Englische kennt sehr wohl Neopronomen! „They/them“, das einfach nur als Marker für „Pronomen unbekannt“ verwendet wurde und das einige Menschen für sich selbst als Pronomen verwenden, ist nicht automatisch das universelle englischsprachige Pronomen für alle englischsprachigen nicht-binären Menschen. Hier ist ein englischsprachiger Artikel dazu, der etliche Beispiele auflistet: https://lgbta.wikia.org/wiki/Neopronouns .

Wenn ich in Spaces bin, in denen ich mich nicht outen möchte, aber gleichzeitig mich nicht selbst misgendern möchte (was ich zumindest auf Deutsch und Englisch gut vermeiden kann), muss ich tricksen und das ist mir inzwischen in Gewohnheit übergegangen.

Wenn ich über meine Tätigkeiten spreche:

  • “Ich schreibe in meiner Freizeit.”
  • “Beruflich mache ich Dinge mit Text- und Bildredaktion.”
  • “Als Person, die gern Kleider kauft, kann ich dir ein paar Tipps geben, was du beachten musst, wenn du das online machen willst.”

Wenn ich über mich selbst spreche:

  • “Als schnell overloadende Person finde ich wunderbar, dass es Rückzugsräume gibt.”
  • “Als eine Person, die Vocaloid vor allem wegen der Storys hört, bin ich immer etwas traurig, dass es meist vor allem Merchandising zu Hatsune Miku gibt.”

Manchmal ist es die beste Variante, etwas zu umschreiben, weil es kein geschlechtsneutrales Wort im Deutschen gibt, um etwas auszusagen. Es gibt die Schreibweisen mit Sonderzeichen (die allerdings für manche Menschen nicht barrierearm sind, siehe ein von skalabyrinth zu dem Thema verlinkter Link weiter unten) und es gibt stets die Möglichkeit, ein neues Wort zu erfinden, aber das muss wesen dann etablieren. Somit ist das Umschreiben in manchen Fällen die Lösung, die am besten im Alltag funktioniert.

Prosa bietet da – vor allem Fantastik – allerdings noch ganz andere Möglichkeiten. Allerdings auch Fallstricke. Sarah Stoffers hat einen Thread dazu verfasst, warum es verletztend ist, wenn die nicht-binäre Repräsentation ausschließlich über Aliens, KI, Fabelwesen etc. passiert.

Die Seite https://geschicktgendern.de/ schlägt einige Umformulierungen vor, hat für einige Formulierungsprobleme aber auch noch keine Lösungen oder bietet ebenfalls “nur” Umformulierungen.

Wenn also in Prosa eine Welt geschaffen werden soll, die aus der Binarität auch sprachlich ausbricht, so braucht es dafür eine ganze Menge an Neologismen und Neuschöpfungen. Das ist okay. Gerade die Fantastik lebt ohnehin davon und ganz viele sind so unauffällig oder selbsterklärend, dass ich sie inzwischen im Alltag nutze und sie auch ohne große Umgewöhnung genauso gut in nicht-fantastischen Genres stehen könnten. (Beispielsweise Partnerperson, Lernende, Lehrpersonen.)

Damit wird fließend übergeleitet vom Schritt „Problem erkennen“ zum nächsten Schritt:

Lösungen werden angesetzt

Es gibt also diese zwei großen Problemgebiete in Bezug auf das Schreiben – zum einen, dass alle möglichen Dinge zu Geschlechtsmarkern erklärt werden und diese im Kopf erst einmal entgendert werden müssen und zum anderen, dass die deutsche Sprache in einigen Bereichen nur durch Umwege ein (barrierearmes) Entgendern ermöglicht.

Problem 1 kann wesen angehen, in erster Linie, indem wesen sich all diese Dinge bewusst macht. Vielleicht nicht alle auf einmal, aber je nach Genre kann wesen sehr viele kleine Dinge tun:

  • Auch dya cis binäre Charaktere einfach angeblich gendernonkonforme Sachen tun / haben lassen, ohne dass es im Text selbst als auffällig oder interessant markiert wird (Beispielsweise so: “Es waren drei Kinder zur Geburtstagsparty erschienen. Lola, in einem grünen Kleid, Paul in einem blauen und Fabienne in einer Jeanslatzhose mit Glitzer und einer passenden Bluse.”).
  • Es gibt einige großartige Neologismen, beispielsweise das Wort “Eltschwister”, das ich mir für meine Romane ausgeliehen habe und das die Geschwister von Elternteilen bezeichnet. Das nibi-space sammelt entsprechende Wörter für mehrere Gelegenheiten auf dieser Seite. In einem Science-Fiction-Setting gehen natürlich auch Anglizismen, ebenso wie in Urban-Fantasy-Settings oder in Geschichten, die in der Jetzt-Zeit spielen. Bei anderen Genres muss ein bisschen mehr getrickst werden – aber ganz ehrlich? (An dieser Stelle muss ich mich kurz aufregen) Verfassende und Lesende von beispielsweise Regency-Romanen haben kein Problem damit, die komplizierten Regeln dazu, wie sich welche Adelstitel untereinander verhalten und wer wen wie anreden darf in welcher Situation zu merken. Leute, die High Fantasy verfassen, haben kein Problem, sich ganze Sprachen auszudenken. Andere Leute lernen in ihrer Freizeit einfach so aus Spaß Elbisch oder Klingonisch, aber dann soll es zu kompliziert sein, sich ein paar entgenderte Vokabeln zu erschließen? Come on. Ihr werdet weder Thranduil noch klingonische Erstsprechende jemals auf einer Buchmesse antreffen – mich aber vielleicht schon.
  • Spätestens beim Überarbeiten kann wesen auf die Figuren schauen: Hat wesen da versehentlich vielleicht zu viele (nicht nur in Bezug auf Geschlecht) Stereotypen auf eine Figur draufgesetzt und sollte ein wenig besser durchmischen? Sind beispielsweise alle Nicht-Männer klein? Oder nur die trans Männer? Oder nur die dya cis Männer, die in einer Beziehungsdynamik eher sanft sind? Wer hat welchen Beruf?
  • Natürlich das, was ich oben genannt habe, anwenden – und bei einer Gruppe unbekannter Leute nicht anhand irgendwelcher Merkmale Geschlecht und Pronomen zu raten versuchen. Wenn eine anonyme Gruppe aus Leuten in Rüstung und aus Leuten in Kleidern vorbeiläuft, sind das einfach Leute in Rüstungen bzw. Kleidern.
  • Herausforderungen als Chancen begreifen. Es gibt ein paar Wörter, die schwerer zu entgendern sind als andere (beispielsweise so ziemlich alles, was mit Freundschaft zu tun hat, weil da schon der Wortkern das Problem ist und Freund*innen nicht für alle Menschen barrierefrei/barrierearm ist). Warum nicht die Chance nutzen und ein maßgeschneidertes Wort erfinden, das perfekt zur eigenen Geschichte passt?

Ich habe die Liste mit den Dingen, denen ein Geschlecht zugeschrieben wird, mit Hilfe zahlreicher anderer Leute zusammengetragen (ein großes Dankeschön an die Leute aus dem „Discord für Autor*innen“-Server und an mit mir befreundete Leute für den Input, allein wäre mir nur ein Bruchteil davon eingefallen), denn ganz ehrlich? Obwohl ich als nicht-binäre, darum in sehr vielen Strukturen nicht so reicht reinpassende Person regelmäßig wegen der unmöglichsten Sachen anecke, wäre mir sehr viel davon erst einmal nicht eingefallen. Dafür ist es einfach zu stark verwurzelt und es gibt so viele Baustellen, an denen dekonstruiert werden muss, dass ich absolut verstehe, wenn es komplett unmöglich ist, alle gleichzeitig anzupacken.

Ich bin selbst noch dabei, immer wieder zu dekonstruieren, wo ich Problematisches in meinem eigenen Denken und Handeln finde. Es ist ein Work in Progress.

Aber irgendwo muss wesen anfangen und meine Liste ist da vermutlich ein möglicher Anhaltspunkt für alle, die gerne würden, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen und wie.

Zu Problem 2 hat F. B. Knauder schon 2020 einige Vorschläge gemacht, wie Prosatexte inklusiver gestaltet werden können. Einige davon sind sehr gut, andere noch etwas binär fokussiert – genau davon soll der Fokus weg.

Aber meiner Meinung nach ist es beim Schreiben wie beim Zeichnen, zumindest, wenn ich das Zeichnen lerne (und ich lerne es anders, als neurotypische Menschen). Und vielleicht ist der Vorgang abstrahierbar und mit anderen Lernvorgängen vergleichbar:

Sobald ich lerne, etwas korrekter wahrzunehmen (beispielsweise, dass Augen von der Seite eigentlich durchsichtige Kuppeln sind, die Retina dann unter dieser Kuppel liegt und in ein Loch mündet, das die Pupille ist), statt von einem vorgefertigten Fest-Bild in meinem Kopf auszugehen, ohne es mit der Außenwelt abzugleichen, zeichne ich etwas auch automatisch korrekter. Nicht zu 100%, weil da noch andere Faktoren wie persönlicher Stil, bewusste Verfremdung und Übung/Können dazukommen, aber ich mache jedes Mal, wenn ich eine neuere Wahrnehmung erlerne, einen Quantensprung in Sachen “Wiedergabe”.

Und das ist etwas, worauf ich mit diesem Artikel hinauswill – what has been seen, cannot be unseen und wenn wesen erst darauf gestoßen wird, was alles zumindest in dieser mitteleuropäischen Gesellschaft alles vom Mainstream strikt binär eingeteilt wird, fängt das Dekonstruieren bereits an.

Ich kann von mir beispielsweise sagen, dass mir generisches Maskulinum / Femininum sehr krass auffällt. Es ist nicht mehr länger die neutrale Form, sondern eine markierte und ich stelle mir dann die Frage: Wer genau ist hier eigentlich gemeint?

Ebenso weiß ich von anderen Menschen, denen nicht entgenderte oder durch Beidnennung exkludierende Texte auffallen. (Siehe dazu beispielsweise diesen großartigen Text über das Gendern und barriere-reduzierte Varianten dafür).

Zurück zum Thema

Vor lauter Abschweifungen hätte ich nämlich fast vergessen, worum es eigentlich geht. Also ganz konkret:

  • Du schreibst ein Buch
  • In diesem Buch sollen nicht-binäre Personen vorkommen
  • Du willst sie auf eine respektvolle Art einbauen und nicht in sämtliche Fallen tappen, die das Cistem so aufgestellt hat

Was bietet dir dafür dieser sehr lange Artikel an?

  • Eine ironische Aufzählung der häufigsten Fehlerquellen samt Links zu Informationen
  • Eine lange Auflistung von Dingen, die in unserer mitteleuropäischen Gesellschaft binär gegendert werden, damit du Stereotypen leichter erkennen und vermeiden kannst
  • Weiterführende Links ebenso wie konkrete methodische Vorschläge, was du tun kannst, um es besser zu machen.

Wenn du selbst dya cis bist: Organisiere dir nach Möglichkeit (ja, Finanzen sind ein Ding und ich verurteile beispielsweise Dienstleistungstausch absolut nicht) ein oder mehrere Sensitivity Readings. Oder lasse deinen Verlag sowas organisieren – sofern du nicht selbst veröffentlichst, sollten Verlage in der Pflicht sein, sich darum zu kümmern (siehe hierzu dieser Thread von Nora Benzko, da ist noch Luft nach oben).

Schau dich in Schreibcommunities (beispielsweise Schreibgruppen in Social Networks, Foren etc.) um, ob da Leute geoutet sind und frage sie respektvoll, ob sie dir ein paar Fragen beantworten würden.

Lies dich ein – beispielsweise, indem du dir die verlinkten Texte anschaust.

Ein paar weitere Schreibtipps, die für Neulinge wichtig sein könnten:

  • Nicht-binäre Erfahrungen sind sehr vielfältig und von zahlreichen weiteren Faktoren abhängig (Alter und somit Zugang zu Ressourcen und Möglichkeiten der Information, Neurodivergenzen, Behinderungen, Zugang zu Bildung, Zugang zu Geld, rassistischer Bias in LGBTIAQ+-Spaces, Elternhaus, drölf weitere Faktoren) – das Klischeebild ist aktuell, so Repräsentation stattfindet, weiß, normschlank, androgyn. Brecht das auf!
  • Kleidung und generell Präsentation können Teil des Geschlechtsausdrucks sein oder komplett davon losgelöst von anderen Faktoren abhängen (Nehmen wir als Beispiel mich – bei mir sind sensorische Faktoren in starkem Maße dafür verantwortlich, welche Bekleidung und Selbstdarstellungsoptionen überhaupt in Frage kommen).
  • Wie auch bei binären trans Personen und überhaupt bei allen Marginalisierungen gilt: Wenn ihr nicht own voice seid und damit eigene Probleme verarbeiten wollt (was absolut legitim ist), dann schreibt nicht-binäre Menschen doch nicht ausschließlich als ständig leidende /dysphorische Personen. Ja, einige von uns, da nehme ich mich nicht aus, venten und schimpfen gern bei Twitter über Dinge. Das heißt nicht, dass wir nix anderes tun.
  • (Da gibt es bestimmt wichtige Ergänzungen, die ich hier hinschreiben werde, wenn sie mir einfallen oder zugetragen werden)

Am Ende kommt hoffentlich ein gutes Buch dabei raus. Oder mehrere. Denn ganz ehrlich – natürlich können wir uns einfach die Repräsentation selbst schreiben, die wir selbst lesen wollen. Aber so viel können wir doch gar nicht selbst schreiben, wie wir gerne lesen würden. Da müssen die Allies schon auch ein bisserl helfen. Und ich hoffe, mein Leitfaden trägt dazu bei.

Um auf den Anfang zurück zu kommen: Ich will eine Welt, in der nicht-binäre Menschen ganz selbstverständlich einen Platz haben. Geschichten, in denen das bereits der Fall ist, können enorm dazu beitragen, dass die Welt da draußen zu dieser Welt werden kann.

#NichtBinärSein – Pronomen, Gender und Erwartungen

CN für diesen Blogpost: Erwähnung von Erfahrungen damit, misgendert zu werden, Reproduzieren von Cis-Sexismus zu Anschauungszwecken, Erwähnung von Biologismus und (sozialer) Dysphorie, Erwähnung von Corona, Erwähnung und kurzes Umreißen von Ableismus und Rassismus, Erwähnung von Panikattacken.


Die Gedanken zu diesem Blogpost habe ich ungelogen seit Monaten (finde aber keinen Beweistweet, um ihn hier drunter zu verlinken), aber heute gab es einfach einen Anlass, der mich dazu motiviert, mal ganz klar und deutlich Dinge aufzuschreiben.

Wichtig: Das ist kein Draufbügeln, sondern vielmehr ein „Okay, ich wollte eh mal darüber bloggen oder threaden, es ist gerade frisch, also mache ich das jetzt, ehe ich es schon wieder vergesse / keine Zeit habe / keine Ressourcen habe. Dann habe ich es endlich aus den Füßen und ich kann bei Fragen darauf verlinken, statt jedes Mal zu sagen, dass ich irgendwann darüber schreiben werde, es dann aber nicht tue.“ Es ist also in erster Linie eine Selbstaussage in Bezug auf eine Erinnerungsstütze.

(Dieser Absatz wurde Ihnen präsentiert vom mentalen Wörterbuch „June – Neurotypisches Reden / Neurotypisches Reden – June“ und dient dazu, eventuell auftredende potentielle Missverständnisse von vornherein auszubügeln. Sollten trotzdem welche auftreten – einfach Blogpost oder Tweet kommentieren. Ich beiße nicht ohne Consent.)

Es geht um diese Frage:

Warum ich als nicht-binäre Person die Audacity habe, sie/ihr zu nutzen

Das klingt recht drastisch ausgedrückt, aber mir ist es schon mehrere Male passiert, dass die Leute in meiner Twitterbio nur bis zu den Pronomen schauen und dann einfach annehmen, ich müsste eine Frau sein.

Ich zitiere mal meine Bio, Stand 14.11.2020:

Fantasy & Fantasien – queer BDSM Fantasyporn. Sie/ihr, she/her. 18+. White, jüdisch, neurodivers, lunar demiflux (non-binary). #mehrUnfug.

Da steht es. Unübersehbar. Erst mein Buchlabel, dann mein Genre, dann meine Pronomen. Es folgt eine Altersangabe und eine Reihe Label. Inklusive (non-binary), weil ich nicht erwarte, dass alle Leute automatisch wissen, was „lunar demiflux“ ist.

Das ging so weit, dass ich – da ich meine Bio jetzt nicht SO oft selbst angucke – einfach annahm, dass das „non-binary“ nicht explizit drinsteht und Leute vielleicht nicht wussten, was „lunar demiflux“ sein soll. Dass Leute nicht so weit gehen, um meine Homepage aufzurufen, um meine Label zu lesen, ist mir bewusst (es ist nämlich direkt auf der Startseite erklärt) und erwarte ich auch nicht. Gerade als Spoonie weiß ich, dass das nicht barrierefrei wäre, sodass ich versuche, als Service die wichtigsten Infos über mich, die andere brauchen, in die Bio zu packen. Um im Rahmen von Twitter so barrierearm wie möglich zu kommunizieren.

Für die Leute, die Zeit, Löffel und Interesse haben, habe ich, wie gesagt, zu allen Labeln eine Erklärung auf der Startseite.

lunar demiflux: Ich habe eine diffuse Bindung ans Weiblichsein, aber die Intensität meines Geschlechtsempfindens schwankt und ich habe Tage mit einem sehr schwachen Geschlechtsempfinden (bin also nahezu agender) ebenso wie Tage mit starkem Geschlechtsempfinden (bin also an diesen Tagen relativ weiblich).

Ich zitiere meine eigene Startsseite, unter dem Punkt „Label“.

Das ist an sich alles nicht schlimm. Worauf es mir viel mehr ankommt, ist die Reaktion der Leute, die ich korrigiere. Auf ein ehrliches „Oh, Sorry, hab nur bis zu den Pronomen gelesen, tut mir leid, kommt nicht mehr vor“ in dieser oder ähnlicher Form werde ich nie nachtragend oder sauer reagieren.

Shit happens.

Solange ich dann in Zukunft auch wirklich entsprechend wahrgenommen werde (und vielleicht sogar sehe, wie die Leute andere Leute korrigieren, die mich falsch zuordnen), bin ich echt cool damit.

Was gar nicht geht, ist etwas ganz anderes. Womit wir bei der Überschrift wären.

Dröseln wir die Probleme mal auf …

Das grundlegende, allem zugrunde liegende Problem ist, dass gerade viele cis Menschen Pronomen automatisch mit Gender verbinden.

Ich skizziere am besten einfach, wie sich einige Leute das Ganze vorstellen:

Er – Mann (dya oder nicht dya cis, dya oder nicht dya trans)

Sie – Frau (dya oder nicht dya cis, dya oder nicht dya trans)

Neopronomen – Nicht-binäre Person (dya oder nicht dya, eventuell trans, aber nicht zwingend), und im Idealfall sollten die auch bitte alle das gleiche Neopronomen nehmen, das macht es so schön einfach. They, beispielsweise. Oder Xier. Ne? (Im Vergleich dafür die Liste des Nibi-Space, wo „rhei“ derzeit noch fehlt, weil ich es kürzlich erst erfunden habe https://nibi.space/pronomen – da stehen einige.)

Allerdings hat das noch nie gestimmt. Es gibt seit Jahrzehnten Menschen, für die beispielsweise gilt: dya cis weiblich, lesbisch, nutzt „er/ihn“ als Pronomen, ebenso wie dya cis männlich, schwul, nutzt „sie/ihr“ als Pronomen. (Im Englischen heißen die Label dazu „He/him lesbian“ und „she/her gay“. Im Deutschen klingen die Bezeichnungen etwas sperrig und ich habe hier keine guten Own Voice-Artikel gefunden, die ich verlinken könnte. Aber es sind sehr konkrete Label / Identitäten, die auch im Deutschen ver. Die Menschen mit diesen Labeln sind nicht zwingend cis – aber sie können es sein.)

Im Prinzip gibt es absolut keine verpflichtende Korrelation zwischen Pronomen und Gender. Eine cis Person kann auch Neopronomen für sich verwenden (aus welchen Gründen auch immer – Pronomen gehören allen!) und eine Person kann nicht-binär sein und trotzdem binäre Pronomen nutzen (Hi!).

Klar, es ist das Gewohnte innerhalb einer cisnormativen Normgesellschaft. Quasi „So haben wir es schon immer gemacht“. Aber es gibt eigentlich absolut keine Verpflichtung.

Dennoch entsteht auf diese Weise der Kurzschluss „Da steht ein ’sie‘ in der Bio, also wird das wohl eine Frau sein.“ Und der ist in meinem Falle falsch.

Ich empfehle dazu auch diesen Artikel zum Thema „Biologismus in der Fantastik“, denn die darin aufgezählten Probleme entspringen direkt aus dem Fehlschluss, Pronomen und Gender würden zusammenhängen: https://www.karlabyrinth.org/queer/BiologismusInDerFantastik.html

Der „Täuschungsaspekt“

Manche gehen so weit, nicht-binären Personen – oder generell Personen, die nicht das „erwartete“ Pronomen verwenden – eine Täuschung zu unterstellen. Ein „Du tust aber so, als wärst du Gender x“ (meist mit „und erschleichst dir zum Beispiel cis Privileg oder auf andere Weise in einem cis-normativen und binaristischen System ans Geschlecht gebundene Privilegien“ verbunden) ist dann schnell an den Kopf geworfen.

Autsch.

Das tut weh.

Der Punkt ist, dass ich beispielsweise absolut nicht verpflichtet bin, mich wildfremden Personen gegenüber in Bezug auf meine Pronomenwahl oder irgendetwas zu rechtfertigen. Aber aufgrund meiner Sozialisierung kommt der Wunsch auf, wenn ich von der Seite mit „Und warum verwendest du dann diese Pronomen?“ angesprochen werde. Das ist löffelraubend und schmerzhaft. Lasst das sein.

Warum ich es in diesem Blogpost trotzdem tue? Weil ich dann immer auf diesen Text verweisen kann, statt mich jedes Mal aufs Neue zu erklären. Das findet mein autistisches Hirn sehr praktisch und effizient.

Also … Warum habe ich die Audacity?

Neurodivergenz und Gewohnheit

Es ist ein ziemliches Klischee, aber … jepp, ich gehöre zu den autistischen Personen, die Veränderungen hassen und sehr unflexibel sein können. Eine Veränderung bei etwas so weitreichendem wie „Pronomen“ gehört dazu.

Ich bin erst seit … März/April 2020 endgültig vor mir selbst out, nachdem ich wirklich sehr lange mit meiner Identität gehadert und mit mehreren Leuten über diverse Aspekte davon gesprochen habe. Für meine Verhältnisse ist das „Kürzlich“.

In Gedanken habe ich für mich einige Monate (sogar noch vor meinem inneren Outing) „xie“ ausprobiert, wurde damit aber nicht glücklich. Es fühlte sich wie ein Schuh an, der trotz einer ausgiebigen Einlaufphase trotzdem an den falschen Stellen gedrückt hat. Derzeit probiere ich in Gedanken immer wieder ein anderes Pronomen für mich aus („rhei“) und das gefällt mir so gut, das werde ich eventull irgendwann auch anderen für mich antragen. Aber noch bin ich nicht so weit. Solche Prozessse brauchen bei mir im wahrsten Sinne des Wortes … ewig.

Und „sie/ihr“ … Nun ja, die trage ich seit dreißig Jahren, die sind weichgetragen und zurechtgescheuert, bequem und hyggelig. Sie erzeugen bei mir keine soziale Dysphorie und solange keine gegenderten Begriffe damit kombiniert werden, bin ich glücklich. Also: „Das ist June. Sie schreibt Fantasyporn“ – absolut okay. „Das ist June. Sie ist Autor_in von Fantasyporn“ – mag ich sehr. Aber wenn das Gapzeichen weg ist, meckere ich.

Klingt kompliziert? Ist es eigentlich absolut nicht. Man muss sich eigentlich nur eine kleine Zusatzinfo merken – und wie oben gesagt, bin ich auch nicht böse, wenn es mal aus Versehen vergessen wird, solange sich auf mein „Bitte nicht so“ aufrichtig entschuldigt wird.

Und mit Neurodivergenz einhergehend: Ich bin stur und lasse mich nicht von Leuten dazu drängen, ein anderes Pronomen anzunehmen, damit SIE es leichter haben, sich zu merken, dass ich nicht-binär bin. Ich mache diesen für mich einschneidenden Schritt in meinem Tempo, sobald ich bereit dafür bin. Nicht eher, nicht später. Von solchen Vorfällen fühle ich mich gedrängt und das möchte ich nicht. Das ist unangenehm.

Soziale Dysphorie

Derzeit gibt es Spaces, in denen ich nicht out sein kann, weil ich dadurch Unbeteiligten schaden könnte. Darüber habe ich oft getwittert. (Für mich selbst wäre es mir echt egal, ich komme mit vielen Dingen klar und kann mich auch gut durchsetzen. Psychisch würde es mir gut tun, überall out zu sein)

Wenn ich in diesen Spaces sie/ihr verwende und in für mich sicheren Spaces ebenfalls, ist die soziale Dysphorie für die Zeit, in der ich Dinge noch verheimlichen muss, wesentlich erträglicher. Ich wappne mich für Dinge und Kontexte, in denen die Leute mich für eine Frau halten, beiße die Zähne zusammen und „erhole“ mich dann in meinen Safe Spaces. Es ist für mich psychisch die schonendste Variante.

Würde ich dagegen in den Safe Spaces ein anderes Pronomen verwenden, als in den anderen, käme damit erstens der Faktor der Neurodivergenz zu tragen (ich müsste mich je nach Kontext auch jedes Mal auf ein anderes Pronomenset einstellen, das ist für mich löffelfressend und somit kraftraubend), zweitens aber würde ich den Unterschied noch stärker spüren und ich weiß nicht, ob das für meine seelische Gesundheit gut wäre.

Angesichts dessen, wie labil mich die ganze Corona-Sache macht … Nein, ich sollte Dinge lassen, die das Potential haben, meine Psyche zu destabilisieren.

Gründe, die Audacity nicht zu haben

Nicht-Binäre Sichtbarkeit

Mir ist es schon in einem Space passiert, dass – trotz meines bereits erfolgten Outings dort – in einer Grundsatzdiskussion der Satz „Wir sind doch alle cis hier, nech?“ sinngemäß fiel.

Erste Reaktion: „Am I a joke to you?“

Zweite Reaktion: „Ähm, hallo, *hust* *meld* Hier? Ich? Wisst ihr doch? Ich rede ständig darüber?“ (Nun ja, nicht ständig, aber es kommt vor, weil es nun mal ein Teil von mir ist).

Da fiel auch mal der Satz „Nun ja, aber du verwendest immerhin keine merkwürdigen Pronomen, du bist ein pflegeleichtes Enby.“

Grr. Ich habe gerade nicht die Löffel, aufzudröseln, wie unglaublich schlimm und verletzend hier das Adjektiv „merkwürdig“ ist. Oder wie sehr es mich stört, wenn andere mich „Enby“ nennen, ohne dass ich dafür Consent gegeben habe. (Ich nutze es oft und gern als Selbstbezeichnung, aber mag es nicht, wenn andere mich so nennen.) Oder dass sehr viele andere nicht-binäre Personen es ebenfalls ablehnen, ohne Consent von anderen Leuten mit diesem Begriff bezeichnet zu werden, sodass man ihn generell nicht als Sammelbegriff verwenden sollte. (Eine andere Stimme dazu ist Cato, er erklärt sehr gut, warum das kein Umbrella-Term für alle nicht-binären Menschen ist: https://catoshark.wordpress.com/2020/07/25/cato-enby-und-das-nennmichnichtso/ )

Ich habe mein Pronomen für mich, nicht für andere. Weil es für MICH aus diversen Gründen gerade einfacher und angenehmer ist, sie/ihr zu nutzen. Ich habe meine Pronomen dezidiert NICHT, um es anderen leichter zu machen und ich weigere mich, mich als „gutes Enby“ instrumentalisieren zu lassen, um mich künstlich gegen „böse Enbys“ aufzustellen. Glaubt mir, dass ich extrem garstig sein kann, wenn ich merke, dass ich in diese Richtung geschoben werde. Erst recht, wenn das passiert, um mich gegen mit mir befreundete Personen aufzustellen.

(Da stecken so viele andere Ismen und Mechanismen mit drin, die mir aus anderen Diskriminierungsformen vertraut sind. Der Topos von der „guten, genügsamen und stets glücklichen/dankbaren behinderten Person“ ebenso wie „Ich bin nicht rassistisch/ausländer_innenfeindlich, ich habe nur was gegen Gruppe x, aber da gehörst du ja nicht dazu, du gehörst zu einer anderen, guten Gruppe“. Beides garstig. Und alles davon habe ich in genau dieser Form schon selbst abbekommen, spreche hier also aus unangenehmer Erfahrung.)

Mit einem Neopronomen wäre ich eindeutig in diesen Spaces als nicht-binär markiert und könnte weder übersehen noch instrumentalisiert werden. Das wäre gut. Ich müsste nicht ständig darum kämpfen, überhaupt wahrgenommen werden, was für mich immer mit Leid verbunden ist und mich auch schon manches Mal so heftig getriggert hat, dass ich tagelang Erholung brauchte (Panikattacken sind kein Spaziergang).

Gendereuophrie

Ich stelle mir das Gefühl, wenn Leute „mein“ Pronomen nutzen und ich es mitbekommen, phänomenal vor. So richtig wunderschön und flatterig.

Die Frage ist: Ist dieses Gefühl es wert, wenn ich dann wieder in die kalte Welt von Binarismus zurück muss und dort umso tiefer falle, je höher ich flattere?

Ich weiß es nicht.

Schlusswort – oder so ähnlich

Dieser Blogpost ist eine Momentaufnahme. Ich schließe nicht aus, dass ich schon übermorgen, nächste Woche oder am 01.01.2021 beschließe, mir ein neues Pronomen in die Bio zu schreiben. Ich weiß nicht, wann ich für mich „so weit sein werde“. In einer Stunde oder erst 2025.

Aber heute, um 11:34, nutze ich sie/ihr und bin trotzdem voll und ganz nicht-binär.

Und das gilt ebenso für alle anderen Leute, die aus ähnlichen oder ganz anderen Gründen binäre Pronomen nutzen, ohne binär zu sein.

Update:

Seit dem 25.02.2020 ist nun auch rhei/rhem in meiner Twitter-Bio und auf der Startseite meiner Homepage zu finden.

Warum Kunst und Künstler*in untrennbar zusammengehören – und ein Versuch, zu rekonstruieren, woher diese Idee überhaupt kommt



CN:Ich verlinke auf einen Twitterthread von mir, in dessen Verlauf Cis-Sexismus, Schwangerschaft, Schwangerschaftsabbruch, Tod, Biologismus, Vergewaltigung als CN gelistet werden. Dieser Thread wird dann referenziert, wobei die CN Tod, Biologismus zum Tragen kommen. Außerdem definiere ich entsprechende Begriffe in den Fußnoten. Ich verlinke einen Twitter-Thread über eine medizinische Notsituation, in der Queermisia zu Tragen kam und setze vor diesen Twitter-Thread zusätzliche spezifische CN. Ich erwähne außerdem Bedrohungsszenarien auf Twitter. Erwähnung von Sippenhaft.

Im Zuge der Äußerungen einer sehr konkreten Person kochte nicht nur auf Twitter immer wieder die Diskussion hoch, ob man nicht das Werk von den Autor*innen trennen könne. Das hat mehrere Gründe – so würden einige gerne weiterhin die entsprechenden Werke rezipieren und genießen, ohne jedoch mit der Person dahinter und deren Ansichten zusammengebracht zu werden. Andere wiederum sind grundsätzlich der Ansicht, dass die Persönlichkeit des Menschen hinter dem Werk komplett irrelevant sei und bei der Lektüre weder berücksichtigt werden müsse noch sich im Werk spiegeln würde.

Tatsächlich habe ich großes Verständnis für die erste Position. Die Person und die Werke, um die es geht, haben mein Leben nicht nur seit der Kindheit begleitet, sondern sind zum Teil so essentiell mit meiner Biografie verknüpft, dass ein komplettes Ausschließen sich anfühlt, als würde ich mir ein Stück Seele rausreißen. Als mehrfach von den Äußerungen betroffene Person (ich bin jüdisch und nicht-binär mit Uterus) ist jedoch gleichzeitig das Ganze mit so viel Schmerz behaftet, dass ich gleichzeitig nicht anders kann, als mich zu lösen, um mich selbst zu schützen. What has been seen … nun, da ich beispielsweise über die problematische Darstellung einer Gruppe als wandelndes antisemitisches Klischee weiß und da ich weiß, dass mich diese Person gewaltvoll bei der falschen Gruppe einordnen würde, kann ich gleichzeitig nicht anders. Es ist kompliziert. Dennoch verstehe ich alle, die sagen „Ich kann zumindest das Werk nicht aus meinem Leben streichen und möchte es weiterhin rezipieren/reclaimen“. Ich kann das nicht und Werk von Verfasser*in nicht trennen.

Und ich weiß, dass ziemlich viele Leute, die jetzt zwischen … sagen wir, 20 und 40 sind, sehr ähnliche Probleme haben (ich könnte mir vorstellen, dass Jüngere, die jetzt erst die Bücher und Begleitmedien entdecken, darin nicht so stark verwurzelt sind und dass Leute, die wesentlich älter waren, als der Hype angefangen hat, diese Jahre des Hypes nicht als dermaßen prägend wahrnahmen, wie das bei genau der Generation dazwischen der Fall ist. Ich mag mich aber auch irren).

Die zweite Position … mit der befasst sich der folgende und sehr lange Aufsatz darüber, warum „der Tod der schreibenden Person“ zwar zur Entstehungszeit ein revolutionäres Konzept war, für die aktuelle Problematik jedoch zu kurz greift und in dieser Form bei aktuellen Diskursen nicht mehr haltbar ist. Ich sehe es als eine Position an, die die erste argumentativ stützen soll („Ich kann es nicht über mich bringen, die Medien zu verwerfen, also verwerfe ich nur die Person dahinter und genieße weiterhin das Medium, denn die Urheberschaft ist sowieso irrelevant.“)

Woher kommt der Gedanke?

Das Konzept „Der Tod des Autors“ stammt vom französischen Poststrukturalisten1 und Semiotiker2 Roland Barthes, der französische Aufsatz mit dem gleichen Namen wurde 1968 veröffentlicht, eine englische Übersetzung bereits ein Jahr früher. Gemeint war damit ein Konzept, das aussagt, dass der Sinn eines Textes ganz allein von Leser*innen beim Lesen erzeugt wird, also Lesen ein aktiver, schöpferischer Vorgang ist, bei dem durchaus auch etwas herauskommen kann, was so nie intendiert war.

Das ist – und das ist an dieser Stelle sehr wichtig – absolut nicht falsch. Barthes sagt in seinem Aufsatz unter anderem auch, dass ein Text nicht „originell“ sein kann, in dem Sinne, dass kein Text im luftleeren Raum ohne Versatzstücke, Zitate, Eindrücke aus anderen Medien entsteht und dekonstruiert damit unter anderem das deutsche Konzept des Geniegedankens3, der sich vor allem auf die (vermutlich dya cis männlichen) Autoren der Weimarer Klassik4 bezieht.

Allerdings muss dieser Aufsatz im Bild der Entstehungszeit betrachtet werden. Zum einen entstand er als Reaktion auf die damalige Tendenz, Texte vorwiegend auf die Intention der Autor*innen hin zu lesen (das leidige „Was hat Schreibperson damit gemeint?“, das nach wie vor unter anderem im Schulunterricht zum Einsatz kommt) und Dinge autobiografisch-psychologisierend zu lesen („Schreibperson schrieb, dass die Blumen gelb sind, weil Schreibperson ein Problem mit der Elterfigur im eigenen Leben hatte, die immer ein gelbes Kleid trug und die Sumpfdotterblume in ihrer Zweideutigkeit als gleichzeitig schöne und giftige Pflanze ist ein Ausdruck davon“ – das Beispiel ist fiktiv, aber ich habe ähnliche Formulierungen tatsächlich in Sekundärliteratur vorgefunden). Außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses habe ich diese Form der Interpretation außerdem auch in den 2010er Jahren noch beispielsweise in Foren gesehen: Da wird von einer kommentierenden Person schon mal auf einen Thrillertext über eine Auftragsmörderin mit „Oh du armes Herzchen, was muss dir in deinem Leben angetan worden sein, dass du solch einen brutalen Text schreibst?“ reagiert (aus der Erinnerung paraphrasiert). Zum anderen gab es sowohl während der Entstehungszeit des Aufsatzes als auch später in den 80ern und 90er Jahren Gegenstimmen: Unter anderem wurde in den 80ern angefangen, Schreibpersonen in einer der marxistischen Lesart verwandten Interpratationsform auch daraufhin zu prüfen, inwiefern Privilegien (beispielsweise durch das Aufwachsen in einer seit Generationen mit Literatur und dem Verlagswesen verbundenen Familie oder das Aufwachsen in einer Familie, die literarisches Ausprobieren ohne Sorge um den Lebensunterhalt zentriert) sich im Werk spiegeln.

Ein Ansatz also, der ausschließlich auf Barthes beruht, blendet den Diskurs aus, der seit den späten 60ern in der Literaturwissenschaft geführt wird. Wenn außerdem mit Barthes begründet wird, man solle den Text von den Verfassenden trennen, wird das Pferd von der falschen Seite aufgezäumt. Barthes geht es in seinem Ansatz ausschließlich um Interpretationen – nicht jedoch um den Diskurs „Sickern problematische Ansichten von Verfassenden auch in ihr Werk“ oder „Wie gehe ich damit um, eine Person monetär unterstützt zu haben, deren Ansichten ich inzwischen verurteilenswert finde?“

Um diesen Diskurs zu führen, ist ein Ansatz, der sich ausschließlich auf Textinterpretationen bezieht, nicht geeignet, da der Diskurs über bloße Textanalyse weit hinausgeht – und ins Moralische führt. „Kann ich es vor mir selbst vertreten, mein Wissen über [verfassende Person] auszublenden und das Werk weiterhin rezipieren, weiterempfehlen und genießen, nachdem ich von problematischen Ansichten und Inhalten weiß?“ Es ist also eine Frage der Moral, nicht der Literaturwissenschaft.

Außerdem stammt der Diskurs natürlich aus einer Zeit, in der schreibende Personen medial im Vergleich zur heutigen Zeit weitaus weniger präsent waren. Heutzutage kann ich jederzeit nachlesen, was beispielsweise Schreibpersonen vor zehn Jahren in einem Interview gesagt haben und dies zusätzlich an meine (derzeit noch spärlichen) Followis weiterverteilen. Die es wiederum weiterverbreiten können. Informationen können also viel leichter und weiter verbreitet werden, als dies in den 60er Jahren der Fall war. (Ich kann somit auch erkennen, ob eine Person ursprünglich beispielsweise rassistisch war und diesen Standpunkt überwunden hat oder im Gegenteil immer mehr in eine Ecke abgerutscht ist, die für mich das Lesen von Büchern verunmöglicht. Entwicklungen werden nachverfolgbar.)

In der Gegenwart, in der zunehmend die Persönlichkeit der Schreibpersonen besonders für Selbstverlegende, Kleinverlagsautor*innen und weitere Literaturschaffende, die vorher durch Gatekeepingprozesse keine Bühne hatten, zu einem Teil ihrer Marke geworden ist, gehört ohnehin auch die Selbstdarstellung und etwaige politische Einstellungen ins Zentrum des literarischen Diskurses.

Wichtiger Faktor: „Wer liest diese Bücher und wer bejubelt die Postings in Social Media? Will ich mit diesen Menschen auf einer Seite stehen?“

Ich sage offen, dass ich inzwischen nach Möglichkeit darauf schaue, ob die Person, die ich mit meinem spärlichen Geld unterstütze, aus meiner Sicht ethisch integre Sichtweisen vertritt. Außerdem bezweifle ich, dass mir mit meinem aktuellen Kenntnisstand beispielsweise Bücher aus der Feder von rassistischen Personen Spaß machen würden, da ihre Weltanschauung zwangsläufig in ihr Werk sickern und es für mich somit verderben würde. Und ich gebe kein Geld für Bücher aus, die ich vor Wut gegen die Wand werfen will.

Warum erwarten die, die beispielsweise rassistische Menschen verteidigen, ebendies?

Der literaturwissenschaftliche Aspekt – oder „Beim Interpretieren vollkommen Persönlichkeit und Lebensumstände von Schreibenden außer Acht zu lassen, verfälscht das Ergebnis“

Das sollte eigentlich selbsterklärend sein. Aber genauso, wie es Tatsache ist, dass bei einer ausschließlich personenbezogenen Interpretation eines Textes nichts entstehen kann, das auch nur ansatzweise hilfreich ist (siehe das obige Beispiel mit dem Thrillertext) ist es schon allein aus literaturhistorischer Sicht nicht sinnvoll, die Person, die den Text verfasst hat, sowie deren Lebensumstände, komplett auszublenden.

  • Kafka, oft als letztes „Originalgenie“ der deutschsprachigen Literatur gefeiert, kann oftmals nur unter Berücksichtigung seiner Biografie literaturwissenschaftlich vollständig erfasst werden – neuere Forschungen lesen ihn zudem zunehmend intertextuell, sodass in die Interpretation mit einfließt, welche Texte der Autor selbst gelesen hat
  • Goethe war nicht nur Dichter, Politiker, Künstler und Forscher in Personalunion – sondern auch ein Zeitgenosse von Napoleon Bonaparte – wie ändert sich der Blick auf seine Werke, wenn man sie nicht nur „aus sich selbst heraus“ interpretiert, sondern das jeweilige Jahr und die Lebensumstände, die aktuelle politische Situation und das Ausmaß, in dem der Autor involviert ist, in die Betrachtung mit einbezieht? Vor allem angesichts dessen, dass es durchaus ein Teil des Selbstverständnisses war, sich textlich von Ideen des Sturm und Drang abzugrenzen?
  • Sowohl die Wiederholungen als auch die schiere Textlänge beispielsweise in Werken von Karl May lassen sich leicht durch die Art und Weise der Publikation erklären: Der Autor und andere, die ihre Texte als Fortsetzungsroman in Zeitungen und anderen Periodika veröffentlichten, wurden nach Textmenge bezahlt. Durch den periodischen Veröffentlichungsmodus war es außerdem ab und zu schlicht notwendig, gelegentlich noch einmal zusammenzufassen, was bisher geschah. Auf diese Weise konnten nicht nur bestehende Lesende bei der Stange gehalten werden, sondern auch neue leichter in einen bereits angelaufenen Roman einsteigen. Wenn das nicht bekannt ist, kann es passieren, dass sehr abwegige Schlüsse aus der Art, Häufigkeit und Informationengewichtung gezogen werden.
  • Es gab zu Lebenszeiten der Brontë-Schwestern ständig Zweifel daran, dass sie ihre Texte selbst verfasst hätten, weil Frauen – ob dya cis oder nicht – generell nicht zugetraut wurde, qualitativ hochwertige Bücher zu verfassen. Auch „Frankenstein“ wurde zunächst anonym veröffentlicht und anfangs dem Lebensgefährten und später Ehemann der Autorin zugeschrieben. Ohne diese historischen Debatten ist eine Interpretation der Werke unvollständig und zumindest der Vollständigkeit halber ist hier eine Einordnung wichtig.
  • Ganz unabhängig von konkreten Beispielen: Welchen Einfluss auf einen Text haben Faktoren wie beispielsweise Papierknappheit? („Herr der Ringe“, das eigentlich nie eine Trilogie sein sollte – oder der Boom der Kurz- und Kürzestprosa nach dem zweiten Weltkrieg) Oder die sozioökonomische Situation der schreibenden Person? (Lew Tolstoi hatte eine Ehefrau, die sein „Krieg und Frieden“ sieben Mal abschrieb – er hatte in ihr eine unbezahlte Assistentin und später Verlegerin. Andere Schreibende konnten nicht auf eine unbezahlte Person zurückgreifen, die ihnen den Rücken freihielt, wie äußerte sich das?) Wie äußerten sich Diskriminierungen und Intersektionalitäten in Auftreten und Werk?

Ein weiterer Aspekt ist, dass sich – auch unbewusst – zeitgenössischer Bias stets in einen Text reinschreibt. Egal ob Schreibende mit ihrem Text eine Agenda verfolgen oder nicht, werden ihre Weltbilder, Meinungen und Lebensansichten zwangsläufig in den Text eingebaut. Selbst in Texten, die in fremden Welten spielen, ist ein solcher Fokus unvermeidlich. Wesen kann also aus jedem Text etwas darüber lernen, wie die Menschen in einer bestimmten Zeit und Gesellschaftsschicht gedacht haben – und ob sich Verfassende davon abgrenzt oder dem zugestimmt haben.

Damit komme ich zum wichtigsten Punkt:

Unpolitisches Schreiben existiert nicht

Es gibt genau zwei Arten, sich im eigenen Schreiben politisch zu äußern:

– der Status Quo wird in Frage gestellt

– der Status Quo wird nicht in Frage gestellt

Es ist dabei vollkommen egal, ob dies beabsichtigt ist oder nicht, es geschieht zwangsläufig durch Formulierungen, Fokus und die Auswirkungen von Handlungen.

Nehmen wir mal meinen Twitter-Thread über das Thema „dya cis Frauen sprechen anderen dya cis Frauen das Geschlecht bei Uterus-Verlust ab“:

Erster Tweet in einer langen Reihe, der im Verlauf dann den im Eingangstweet formulierten Gedanken im Roman „Rediscovery“ von 1993 thematisiert und die Wirkmächtigkeit des Konzepts in einem mehr als zwanzig Jahre später stattfindenden Gespräch aufzeigt.

Der hier angesprochene biologistische Essentialismus5 ist dabei zumindest zur Entstehung eines 1993 in den USA veröffentlichten Romans so allgegenwärtig und verinnerlicht, dass weder Personen des Verlagsteams, noch eine der beiden Co-Autorinnen des Buches hier auch nur bemerken, dass ihre Position 1993 eigentlich längst veraltet war.

Woran merkt wesen nun, dass die Position nicht nur von einer perspektivtragenden Figur, sondern tatsächlich auch vom gesamten Team getragen wird?

Leonie Hastur wird an keiner Stelle in Bezug auf diesen Gedankengang – eine dya cis Frau ohne Uterus sei automatisch keine Frau mehr – widersprochen. Es gibt keinen Dialog, bei dem sie einen solchen Gedanken ausspricht und dann von der Terranerin, die die Operation ausgeführt hat, dafür zurechtgewiesen wird. Auch als sie die trotz der Not-Operation verstorbene Figur und ihr Ungeborenes auf der Astralebene trifft, wird sie von dieser Figur in keinster Weise mit ihrem Biologismus konfrontiert. Leonie Hastur speichert sich die Vorgehensweise bei der Operation entsprechend ab und wird dann nicht mehr korrigiert, obwohl dazu innerhalb des Romans mehrere Möglichkeiten bestanden hätten.

Weitere Beispiele für ein Aufrechterhalten des Status Quo durch die unwidersprochene Zementierung in Form von Kunst bilden beispielsweise zahlreiche Bücher und Filme, in denen ausschließlich neurotypische6, abled7, weiße8, normschöne, allo9 dya cis Menschen in heterosexuellen, monoamoren10 Beziehungen ihr Glück finden. Selbst wenn es Ausnahmen gibt, reproduzieren diese wiederum insbesondere im Mainstreamfilmbereich wieder andere toxische Stereotypen.

An diesen Geschichten wäre an und für sich nicht einmal etwas verkehrt, wenn sie nicht

  • die Medienlandschaft so stark dominieren würden, dass zusätzlicher Aufwand betrieben muss, um ganz bewusst auch andere Geschichten zu finden (achtet mal darauf, wie oft Leute auf Twitter Aufrufe starten und um sehr spezifische Buchempfehlungen bitten, weil sie im Offline-Buchhandel nicht fündig werden)
  • die Art und Weise, wie ein großer Teil dieser Geschichten dargestellt ist, weniger toxisch wäre

Denn ganz oft werden bei den Darstellungen der Gruppen Botschaften transportiert, die inzwischen untragbar sind. Beispielsweise, dass dya cis Frauen ja nur [hier irgendeine arbiträre Eigenschaft einfügen] sein müssten, um ihr Glück zu finden, dann würde das schon klappen mit der Liebe. Es transportiert oft nur für wenige (oder für niewesen) erreichbare Standards und verschiebt die Verantwortung – die Aussage ist indirekt „Wenn du [hier irgendeine arbiträre Eigenschaft einfügen] nicht hast, bist du nicht liebenswert“ und das ist hochproblematisch, ist aber auch wieder eine politische Aussage, die den Status Quo zementiert und von afab Personen oft Unmögliches verlangt, um in einer Welt zu bestehen, die nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist.

Dass „das mit der Liebe“ überhaupt als alleiniges Lebensziel von Figuren dargestellt wird und Wesen, die allein glücklich sein wollen und können „kaputt“ sind, ist auch so ein problematischer Aspekt. Menschen – und in fiktiven Geschichten auch andere Wesen – können sehr gut ohne (romantische) Liebe glücklich werden oder diese auf Wegen erfahren, die sich nicht auf „eine einzige relevante Person finden und mit dieser das gesamte Leben verbringen“ beschränkt.

Was wäre beispielsweise hierzu ein Gegenentwurf? Also ein Narrativ, das bewusst den Status Quo, in dem patriarchale Strukturen, White Supremacy und Kapitalismus das Leben bestimmen, kritisiert?

Ganz harmlos klingendes Beispiel: Weil es fast unmöglich ist, eine bezahlbare Single-Wohnung zu finden, gründen fünf glückliche Singles verschiedener Herkunft irgendwo in [europäische Großstadt xy] eine Zweck-WG. Im Verlaufe ihres Zusammenlebens wachsen sie als Freund*innen zusammen und bewältigen gemeinsam die Abgründe von Rassismus, Ableismus und Kapitalismus in der Corona-Zeit.

Gebt mir das als Primetime-Serie, würde ich sofort gucken.

Was ist daran subversiv? Der Fokus liegt nicht auf „Alle Figuren müssen zwingend genau einen Significant Other finden“, Dating und Liebe würde nicht als alleinige Voraussetzung des Glücks dargestellt und es wird auf die Wohnsituation in Städten und daraus folgende alternative Modelle des Zusammenwohnens abseits der cis- und heteronormativen Kleinfamilie hingewiesen.

Die Voraussetzung, um eine solche Geschichte zu erzählen, ist jedoch, dass wesen selbst entsprechende politische Gedanken hegt, sodass es aus der persönlichen Haltung der schreibenden Person heraus überhaupt möglich ist, dass eine den Status Quo auflösende Idee in den Sinn kommt.

Womit wir wieder beim ursprünglichen Thema wären – wenn Schreibende keine subversiven, die Gesellschaft verändernden Gedanken tief in ihrem Inneren haben, dann können sie auch keine Geschichten schreiben, die den Status Quo der aktuellen Gesellschaft in Frage stellen. Dann wird ihre verfasste Geschichte, die den Status Quo bestätigt, zu einem Spiegel ihrer persönlichen politischen Einstellungen und Gedanken.

Und dann steht zumindest mir absolut frei, mit Büchern und Verfassenden, die für mich untragbare politische Einstellungen haben und diese in ihren Werken zwangsläufig ob bewusst oder unbewusst transportieren, nichts mehr am Hut haben zu wollen.

Und wenn diese Leute das irgendwie mitbekommen und sich darüber echauffieren … Sollen sie doch.

Einmischungen

Bei noch lebenden, problematischen Verfassenden kommt ein weiterer Aspekt vor allem dann hinzu, wenn es sich dabei um recht einflussreiche und bekannte Schreibpersonen handelt – so wie die Person, durch welche diese Diskussion überhaupt geführt wird.

Durch Social Media ist es in der Theorie (praktisch ist es komplizierter, weil beispielsweise manche Bot-Accounts um zu funktionieren einfach überall zurückfolgen) quantifizierbar, wie viele Fans eine Person ungefähr hat. Selbst wenn ein Anteil rausgerechnet wird, der plattformübergreifend an mehreren oder allen Stellen folgt und ein weiterer Anteil an inaktiven Nutzenden rausgerechnet wird, lässt sich aus der Zahl der Followis eine Anzahl an „Fans“ herleiten. (Wie gesagt – es ist komplizierter. Bots, inaktive Accounts, Leute hinter Account haben Stress und lesen die Timeline nicht oder nur selektiv und verpassen Dinge, Leute folgen „aus beruflichen Gründen um alles mitzubekommen“ oder „um den Feind zu beobachten“, etc., etc.)

Aber einer bloßen Zahl kann nicht angesehen werden, warum gefolgt wird. Und gerade wenn die Zahl in die Millionen geht, bleibt auch beispielsweise keine Zeit, um Bios auf Dinge wie „Follow ungleich Endorsement“ zu schauen (ganz abgesehen davon, dass das aus genau diesen Gründen Unsinn ist – ein Follow treibt die Zahl hoch und generiert Reichweite, ist also Endorsement, ob die Person das nun will oder nicht).

Und das führt zu sehr realen Aussagen der Personen – sie wähnen sich im Recht, schließlich stehen Millionen hinter ihnen und sagen nichts gegen die Ismen. Zumindest scheint es so. Daraus leiten die Personen dann ab, im Recht zu sein und kommunizieren dies auch offen.

Das sieht dann so aus:

CN für -phobia statt Misia und J. K. Rowling.

Im Tweet befindet sich eine Grafik mit folgendem Text:

„J. K. Rowling says 90% of her fans agree with her transphobia but they’re afraid to say so publicly

She claims that people who oppose trans rights live in a ‚climate of fear‘ in a clumsy attempt to paint them as victims.

By Alex Bollinger Thursday, December 10, 2020″

Übersetzung:

„J. K. Rowling sagt, dass 90% ihrer Fans mit ihrer Transphobie einverstanden sind, aber sie haben Angst, das öffentlich zu sagen

Sie behauptet, dass Menschen, die gegen Trans-Rechte sind, in einem ‚Klima der Angst‘ leben, in einem plumpen Versuch, sich als Opfer darzustellen.

Von Alex Bollinger Donnerstag, 10. Dezember 2020″

Das heißt?

Das heißt im Prinzip, dass das Entziehen von Reichweite durch das Entfolgen, Blockieren und nach Möglichkeit auch kein Geld mehr für die Produkte der Person das wirksamste Mittel ist, um der Person zu zeigen, dass sie problematisch ist und Unrecht hat.

Dies nennt sich auch „Deplatforming“ – der Person die Möglichkeit und die Bühne entziehen, um ihren Hass zu verbreiten.

Denn andernfalls kann wesen einfach als „Fan“ und „schweigend Zustimmung erteilend“ instrumentalisiert werden. Solange die Schreibenden leben, ergibt es keinen Sinn, Werk von Schreibenden zu trennen – die Schreibenden formen aktiv die Rezeption des Werkes mit. Und wenn sie das Gefühl haben, dass viele hinter ihnen stehen, dann haben sie keine Skrupel, die Rezipierenden für ihre Zwecke einzuspannen.

Whataboutism und andere Ausreden

Zunächst einmal: Was ist überhaupt Whataboutism?

Ich zitiere hierzu Wikipedia, weil es das Ganze recht gut und prägnant zusammenfasst.

Whataboutism (Kompositum aus dem englischen What about …? ‚Was ist mit …?‘ und dem Suffix -ism ‚-ismus‘) bezeichnet ein rhetorisches Ablenkungsmanöver. Um von einem unliebsamen Gesprächs- bzw. Diskursgegenstand (Thema) abzulenken, wird eine kritische Frage oder ein kritisches Argument mit einer kritischen Gegenfrage gekontert […]. Gleichzeitig wird die Kritik an eigenen Standpunkten oder Verhaltensweisen ignoriert und relativiert […].

https://de.wikipedia.org/wiki/Whataboutism (aufgerufen am 30.09.2021)

So werden beispielsweise in Fragen von Moral bei der Lektürewahl komplett andere Fachgebiete ins Feld geführt, beispielsweise „Würde ich eine erfolgversprechende Heilungsmethode verweigern, nur weil eine der an der Entwicklung beteiligten medizinischen Fachpersonen queermisisch ist?“

Nun.

Zum einen ist es meine persönliche Entscheidung, ob ich einer als problematisch bekannten Person direkt Geld gebe, um anschließend zum Vergnügen ein Medium zu konsumieren, nicht jedoch meine persönliche Entscheidung, an irgendetwas zu erkranken11.

Zum anderen gibt es diese Diskussion innerhalb der Medizinethik durchaus und sie wird dort geführt, beispielsweise in einer Dissertation über die Medizingeschichte, innerhalb derer auch die Rolle moralischer Fragen aufgeworfen wird. Interessanterweise findet sich hier die gleiche Debatte gespiegelt, wie im literarischen Diskurs: Dass der Versuch, sowohl Medizin als auch Literaturrezeption als neutrale, rein auf Erkenntnisse fußende und von den Menschen losgelöste Disziplin nicht möglich ist.

Nur weil ich als Person ohne Bezug zur Medizin über eigene Betroffenheiten von Krankheiten hinaus die Diskurse extra googeln musste, um die medizinethischen Diskussionen mitzubekommen, heißt es nicht, dass sie nicht geführt werden. Es gibt eine Menge Diskussionen und Material dazu, was mit Erkenntnissen und Methoden passieren soll, die von höchst fragwürdigen Leuten entwickelt wurden. Teilweise unter dem Einsatz von Methoden, die zurecht als Gräueltaten benannt werden.

Unter nicht-cis-Personen kursieren außerdem privat sehr wohl Listen mit Personen, von denen wesen sich nicht behandeln lassen möchte, da diese medizinischen Fachpersonen ihre queermisische Haltung meist offen ausleben und dadurch den Behandelten direkt schaden.

Ein Beispiel dafür findet sich beispielsweise im unten verlinkten Twitter-Thread.

CN für den Twitterthread: Misgendering, Nonbinary-Erasure, Gewalt im medizinischen Kontext, daraus resultierende Mangelversorgung, Ohnmacht, Kollaps, Zwangsouting, Fremdouting, übergriffige Fragen

Was hier also als ein billiges „Aber was ist mit xy, da würde wesen das doch auch nicht machen“-Argument herhalten muss, ist etwas, das in dieser Form tatsächlich passiert und weitreichende, schmerzhafte Folgen für Betroffene hat. Was die Personen, die diese Argumente vorbringen, in Erfahrung bringen könnten. Nur müssten sie sich dazu mit Lebensrealitäten marginalisierter Menschen tatsächlich beschäftigen. (Das ist Zynismus.)

„Aber wir sind doch alle nicht perfekt, wer also ohne Schuld ist …“

Leute, die das sagen, haben an dieser Stelle oft aus Versehen Recht. Denn aufgrund dessen, dass die meisten, die diesen Blogpost hier lesen, vermutlich in einer in höchstem Maße -istischen Gesellschaft aufwuchsen, wurden ziemlich viele dieser Ismen internalisiert und es gilt, an sich selbst zu arbeiten und diese stetig zu dekonstruieren. Das ist anstrengend und ja, natürlich würde ich Leute, die da noch relativ am Anfang stehen und sich ernsthaft bemühen, an sich zu arbeiten und Ismen im eigenen Gedankengut zu dekonstruieren, nicht verurteilen.

Aber das ist in der Regel nicht das, was mit dem Argument gemeint ist. Damit ist gemeint „Ach, wir alle machen Fehler, Schwamm drüber“ und ist eine Taktik, um marginalisierte und generell kritische Stimmen zu gängeln. Oft werden diese Stimmen dabei zusätzlich diskreditiert und wahlweise als „Shitstormtrooper“, „Twitterhyänen“, „woker12 Mob“ oder anderweitig schmeichelhaft betitelt.

Natürlich ist es nicht in Ordnung, Leute zu bedrohen und zu beleidigen, weil sie es nicht übers Herz bringen, ein vor zwanzig Jahren gekauftes Buch zu entsorgen. Einfach weil das generell nicht in Ordnung ist. Aber es ist durchaus in Ordnung, Leute dafür zu kritisieren, heute in den Laden zu spazieren und dieses Buch zu kaufen.

Das Problem liegt hier oftmals eher darin, dass jede Aussage, die nicht in fünfzig Schichten an Zucker eingebaut ist, sofort als Beleidigung und Drohung wahrgenommen wird. Beispielsweise, wenn fiktive Person A twittert, dass sie in den Laden geht, um dem jüngeren Geschwisterkind [Buch von problematischer Person] zu kaufen und daraufhin Person B twittert „Kannst du zwar machen, aber ist dann halt scheiße. Unfollowgeräusch“, wird das oftmals bereits als Beleidigung und Drohung geframet.

Marginalisierte, die ständig auf das Übelste mit Slurs beleidigt werden und auf Twitter Todesdrohungen erhalten, können darüber nur müde lächeln. Das Problem ist aber auch, dass durch dieses Framing reale Bedrohungsszenarien heruntergespielt werden, reale Gefahren als „Ach, da hat wohl nur wer im Internet was Unfreundliches gesagt“ dargestellt werden.

Mit anderen Worten: „Niewesen ist unfehlbar, seid bisschen nachsichtiger“ verharmlost und macht das Internet für Marginalisierte tendenziell unsicherer.

„Wir haben hier doch keine Sippenhaft, was kann ein Buch für die Person, die es geschrieben hat?“

Wo fange ich da überhaupt erst an.

Zuerst beim Banalen – Bücher sind keine Menschen. Bücher sind entweder physische Gegenstände aus Papier und Pappe oder Dateien auf irgendeinem Datenträger (oder befinden sich auf sonst irgendeinem Medium) und sind definitiv und eindeutig keine Lebewesen.

„Ein Buch aufgrund problematischer Ansichten der verfassenden Person nicht kaufen wollen“ ist wirklich nicht das Gleiche wie „Dein Kind dafür ins Gefängnis werfen, dass du selbst irgendeinen Mist gebaut hast“. Im ersten Fall wird der problematischen Person kein Geld gegeben – im zweiten Fall kommt eine unbeteiligte Person zu schaden.

Ich wiederhole mich, aber ein solches Mindset verharmlost das Leid realer Opfer von Sippenhaft und anderen Repressalien aufgrund des Verhaltens anderer Menschen, wie sie in diversen Diktaturen üblich waren und sind.

Und auch wenn gerade das selbstgeschriebene Buch emotional den meisten Schreibenden sehr nahe steht und einige Formulierungen wie „Buchbaby“ verwenden (was ich nicht werte, ich mache das manchmal auch) – Bücher sind keine Menschen.

Das wäre Teil eins des Arguments.

Teil 2 wäre die Frage, was ein Buch denn bitte für die verfassende Person könnte.

Alles. Absolut alles. Wäre ich nicht auf dieser Welt, würde es „Gefangen zwischen Eis und Feuer“ nicht geben, weil das Buch in genau der Form, in der ich es geschrieben habe, nur von mir geschrieben werden konnte. Von mir, nachdem ich von der Summe meiner Erfahrungen, Erlebnisse und Weltanschauungen geformt wurde und dann dieses Buch so geschrieben und veröffentlicht habe, wie ich es tat.

Und das gilt für jedes Buch. Egal ob die Geschichte originell oder generisch zu sein scheint, genretypisch oder Nische.

Jedes Buch kann so, wie es geschrieben ist, nur von genau der Person kommen, die es verfasst hat. Bei Büchern mit mehr als einer verfassenden Person ergibt sich das Buch aus dem, was beide Personen jeweils aus ihren persönlichen Lebenswelten einfließen lassen.

Bei Kurzgeschichtensammlungen ist es die Somme der Lebenswelten der Verfassenden jeder einzelnen Kurzgeschichte, die einfließt und Geschichten entstehen lässt, die haargenau so nur diese Personen geschrieben haben könnten.

Die Buchfigur ist also in jedem Fall das Produkt der Person, die sie geschaffen hat, ob bewusst oder unbewusst, und kann nicht losgelöst von der erschaffenden Person existieren. Oder nur sehr bedingt (beispielsweise in Form von Fanfiction oder in Serials, wo andere Schreibende die Figur weiterentwickeln – aber der Ursprung bleibt.)

„Wollen wir lieber schlechte Bücher von guten Menschen als gute Bücher von schlechten Menschen lesen?“

Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: Ich finde es furchtbar, dass das überhaupt als Gegensatz aufgemacht wird, denn der Satz suggeriert, dass Bücher von moralisch integren Menschen automatisch schlechter sind. Es suggeriert im Subtext, dass erfolgreiche Schreibende guter Bücher hier mit der Moralkeule weggeboxt werden sollen, damit sich die qualitativ schlechteren Bücher von moralisch integren Menschen besser verkaufen mögen.

Und daran ist so ziemlich alles falsch, was nur falsch sein kann.

Der Punkt ist, dass aus irgendeinem Grund die Mehrheitsgesellschaft sich über nichts so gerne auslässt wie das Kauf- und Leseverhalten von Individuen, die aus welchen Grund auch immer für sich entscheiden „Ich möchte bestimmte Bücher von bestimmten Leuten nicht mehr lesen“.

Leute twittern beispielsweise ihre individuelle Entscheidung, dass sie keine Bücher mehr kaufen wollen, die nicht irgendeine Form von Minimalkonsens erfüllen (beispielsweise „Im Hauptcast kommt mindestens eine in irgendeiner Form marginalisierte Person vor“) und schon hagelt es Vorwürfe und gerne auch Beispiele, welche Lieblingsbücher der vorwerfenden Personen wesen dann alle nieeemals lesen würden und wie schade das doch wäre.

Es ist aber nun mal so: Niewesen ist physisch in der Lage, sämtliche Bücher dieser Welt zu lesen. Und Lesezeit ist oft spätestens wenn die Teenie-Zeit vorbei ist, stark eingeschränkt. Ich twittere regelmäßig darüber, dass für mich „Lesen zu Erholungszwecken“ oft nur an wenigen Tagen und dann nur für kurze Zeit funktioniert, obwohl Geschichten mein Lebenselixier sind.

Aufgrund dieses Limits muss schon zwangsläufig eine Vorauswahl getroffen werden, die sicherstellt: Wenn mal wieder kostbare Lese-Energie da ist, dann soll sie bitte für ein Buch verwendet werden, das mit möglichst großer Wahrscheinlichkeit auch wirklich so richtig gut gefällt. Sonst wäre es doch schade darum.

/Sarkasmus: Seltsam, dass ich dabei bevorzugt keine Bücher lesen möchte, die mir die bloße Existenz absprechen oder von Leuten stammen, die mich verspotten und sich über meine Lebensrealität lustig machen. Oder in denen ich gar nicht erst vorkommen darf. Ganz, ganz merkwürdig, das Ganze. /SarkasmusEnde

Dass solche und ähnliche Aussagen wie in der Überschrift außerdem dem Schreiben von Marginalisierten und von gut informierten und zugewandten Allies einfach die Qualität absprechen, ist eine bodenlose Frechheit.

Aber im Zweifelsfall lese ich tatsächlich lieber ein nicht ganz so perfektes Buch einer Person, die mich als Mensch nicht verachtet, als das perfekt polierte und mit viel Budget beworbene Buch einer Person, die mich und meinesgleichen hasst.

„Was, wenn die Person gar nicht wirklich diesen Ismus in sich trägt, sondern nur zu Marketing-Zwecken möglichst böse und edgy tut, während sie privat ganz lieb ist?“

Zumindest toleriert die Person es, dass ihr Name mit dem Ismus in Verbindung gebracht wird und trägt in irgendeiner Form dieses edgy und böse Marketing mit.

Ganz davon abgesehen, dass „Aber die Person ist privat ganz anders und total lieb“ auch wieder an Strukturen erinnert, in denen Opfern von Gewalt ihre Erfahrungen mit diesem Argument abgesprochen werden.

Lasst das.

„Muss ich nun vor jedem Buchkauf ausführlich die Hintergründe und das Leben der Person recherchieren? Das wäre doch mühsam!“

Manches muss nicht recherchiert werden. Zumindest innerhalb bestimmter Gruppen von Lesenden gehen die Informationen ganz von selbst regelmäßig durch die Timeline.

Manche Dinge bekomme ich sogar mit, obwohl ich aktiv versuche, mich aus Selbstschutzgründen vor den Neuigkeiten zu schützen:

Niewesen erwartet, dass alle ständig alles mitverfolgen. Aber zumindest sehr prominente Beispiele können irgendwann kaum ignoriert werden, weil sie für viel Furore sorgen.

Und auch hier stellt sich mir die Frage: Kaufen und lesen die Personen, die dieses Argument vorbringen, so häufig Bücher von Unbekannt?

Ich kaufe und lese fast nur noch auf persönliche Empfehlungen hin Bücher von Leuten, mit denen ich zumindest ein paar Worte gewechselt habe oder die mir von anderen als explizit inklusiv und safe empfohlen wurden. Aus dem bereits oben genannten Grund – ich habe gar nicht so viel Energie übrig und wenn ich etwas lese, dann bevorzugt von Leuten, deren Lebenslauf und Ansichten ich ungefähr kenne und/oder die mit mir einige Marginalisierungsachsen teilen.

Aber im Endeffekt: Wer tatsächlich viel von Unbekannt kauft und liest, dabei aber keine Nazis, TERFs und anderweitig Hass versprühende Menschen unterstützen will, kommt zumindest um eine flüchtige Recherche nicht herum. Aber warum ist das was Schlimmes?

Mir wäre es die Recherche wert.

„Was, wenn mehrere Leute hinter einem Buch stehen und nur eine davon Hass verbreitet?“

Siehe Marketing. Die andere Person hat zumindest genug Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten mit der „schlimmeren“ Person, um mit dieser gemeinsam ein Buch zu verfassen.

Je nachdem, wie lange diese Zusammenarbeit zurückliegt und ob sich vielleicht die schlimmere Person erst danach radikalisiert hat:

  • Das Duo-Werk gebraucht kaufen.
  • Die nettere Person gezielt und aktiv unterstützen.
  • Recherchieren, ob die nettere Person wirklich so nett ist.

Im Grunde bedeuten all diese Argumente und Fragen, dass Personen sich aktiv dagegen sperren, bei der Auswahl ihres Lesestoffs bzw. bei ihrem Konsumverhalten moralische Aspekte einzubeziehen. Das kann wesen machen, aber dann darf ich das auch kritisieren.

„Und was ist mit Pseudonymen?“

Nicht alle Pseudonyme sind geschlossen, oft steht sogar dabei, unter welchem Namen die Person(en) auch bekannt sind.

Manche Leute äußern sich auch unter (geschlossenen) Pseudonym sehr aktiv, sodass ihre politischen Ansichten eindeutig einzuordnen sind (Hi! Hier! Dieser Blogpost beispielsweise!).

Und ja, natürlich. Wesen kann nicht alles wissen und hier versehentlich mal ein problematisches Buch von problematischen Verfassenden erwischen. Niewesen erwartet Perfektion und hundertprozentige Treffsicherheit. Shit happens.

Aber das ist doch kein Grund, es gar nicht erst zu probieren.

„Fragen wir vorher auf Twitter, ob wesen das noch lesen darf oder lesen es im Zweifelsfall dann heimlich? Wo bleibt dann die sachliche, unaufgeregte Kommunikation?“

Ich paraphrasiere: „Wir könnten natürlich, statt selbst zu recherchieren, die Arbeit auch auf andere abwälzen und wenn uns das Ergebnis nicht gefällt, ja, dann machen wir es trotzdem, in dem Wissen, was Problematisches zu rezipieren, aber wir machen das heimlich und fühlen uns dabei total subversiv und edgy“.

Bu. Hu.

Dieser ganze Unsinn riecht für mich stark nach „Wesen darf ja heutzutage nichts mehr sagen“ und aus welcher Ecke das meist kommt, ist inzwischen den meisten bekannt.

Niewesen verbietet irgendwem, irgendwelche Bücher zu kaufen, zu lesen und zu hypen. Aber niewesen verbietet Marginalisierten, dann zu sagen „Okay, das finde ich ziemlich uncool von euch und wenn euch ein Buch wichtiger ist als meine Rechte, dann will ich mit euch nichts mehr am Hut haben“.

You can’t have the cake and eat it.

Hinter der Forderung nach Unaufgeregtheit steht hier mal wieder eine sehr privilegierte Sichtweise, die voraussetzt, dass

  • Objektivität existiert.
  • Objektivität sich in ruhiger Ausdrucksweise äußert.
  • Wer betroffen ist, sei unsachlich / zu befangen.
  • Und wer wütend ist, hat verloren.

Nichts davon ist der Fall, führt aber zu vielen Problemen. Manche Intersektionalitäten sind besonders verwundbar – gilt für eine Person „Besitzt sowohl das Merkmal ‚weiblich'“ als auch „Besitzt das Merkmal ‚Schwarz'“, ist das Stereotyp der „Angry Black Woman“ nicht weit.

Gleichzeitig führt es in einen geschlossenen Kreislauf: Sind Marginalisierte zu laut und zu wütend, so wird ihnen das Recht abgesprochen, überhaupt mitzureden. Sind sie jedoch nicht wütend genug oder performen ihre Wut nicht ausreichend (nach nicht ersichtlichen Kriterien), dann kann es ja „nicht so schlimm“ gewesen sein, sonst wäre wesen doch viel mehr aus der Haut gefahren.

Es ist hier unmöglich, als marginalisierte Person zu gewinnen.

Eine Art Fazit

Ich hoffe, es ist verständlich, warum die Trennung zwischen (problematischen) Verfassenden und dem von ihnen geschaffenen Werk nicht möglich ist – spätestens dann nicht, wenn wesen von den Aussagen und problematischen Inhalten direkt betroffen ist.

Im besten Teil ist es eine privilegierte Haltung, weil wesen nicht betroffen ist – aber wie wirkt eine solche Haltung auf all jene, die es sind? Wie reagieren eure jüdischen Freund*innen, wenn sie hören, dass ihr mit Personen, die ihre Diskriminierung fördern, solidarisch bleibt? Wie eure trans- und nichtbinären Freund*innen? Wie die aus all den anderen Gruppen, die von Schreibenden in ihren Werken oder in ihrem Social-Media-Auftritt verunglimpft werden?

Ich verstehe absolut, wenn Leute sagen, dass sie das Werk nicht verbannen können und dass sie mit sich selbst im Diskurs stehen, weil sie für sich noch keinen Abschluss gefunden haben. Mir geht es bei Schreibenden, die starken Einfluss auf mein Leben hatten, auch so.

Was ich nicht verstehe, sind Leute, die mir ins Gesicht sehen und dabei sagen, dass es ihnen egal ist, was die Person getan hat, sie wollen unreflektiert und unpolitisch weiter Fan sein. Denn das sind Leute, die auf „Du tust mir damit weh“ mit „Ist mir egal, ich lass mir das nicht verderben von deiner Political Correctness“ antworten – und wer braucht solche bewusst oder unbewusst verletzenden Menschen eigentlich im eigenen Leben?

Was diesen Menschen nicht bewusst ist: Auch wenn sie ihre Handlung für unpolitisch halten, ist sie es nicht. Sie haben sich in diesem Moment bewusst für eine Politik des Hasses und Ausschlusses entschieden. Es gibt keine unpolitischen Entscheidungen, wenn es um Deplatforming geht.

Gedanken anderer zu disem Thema:

Amalia Zeichnerin über Kunst vs. Künstler*in: http://amalia-zeichnerin.net/muss-man-die-kunstschaffenden-von-ihrer-kunst-trennen/

Elea Brandt greift die Diskussion auf und nähert sich dem Ganzen von einer anderen Richtung – sehr lesenswert: https://eleabrandt.de/2021/09/30/trennung-werk-autor/

Fußnoten:

1 Poststrukturalismus: Stark vereinfacht ausgedrückt, verschiedene Denkströmungen, die davon ausgehen, dass Sprache Realität nicht nur abbildet, sondern auch schafft. Quasi die Philosophie hinter „Sprache schafft Sein“, einige Strömungen davon betrachten durchaus auch den Einfluss von Privileg und Marginalisierung auf Sprache. Vergleichsweise verständlicher Einführungsartikel mit weiterführenden Links: https://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus

2 Semiotik: Die Wissenschaft von den „Zeichen“ – stark vereinfacht ausgedrückt nach Saussure, bedeutet das Zeichenmodell, dass ein Wort für etwas gleichzeitig etwas Konkretes ausdrückt und auf das grundlegende Konzept hinter dem allgemeinen Ding verweist. Beispielsweise „Da ist eine Katze“ verweist sowohl auf die konkrete Katze (die durch das Wort gekennzeichnet ist), als auch auf das Konzept „Katze“ an sich, wodurch sich im Kopf eine Schublade öffnet. Vorstufen davon finden sich in Platons Ideenlehre und wer diese Konzepte untersucht, untersucht beispielsweise grundlegende Denk-, Sprach- und Verständnismechanismen.

3 Geniegedanke: Die Vorstellung von Künstler*innen als selbstständige, über ihr Werk herrschende Wesen, die unabhängig von kulturellen Traditionen ausschließlich aus der Natur und aus der eigenen Welt heraus Werke erschufen. Ein Gedanke, der nicht haltbar ist und dem poststrukturalistischen Ansatz entgegensteht, dass absolut jedes Kunstwerk in einen Kontext mit anderen Kunstwerken eingewoben zu betrachten ist, die bewusst oder unbewusst einen Einfluss darauf haben.

4 Weimarer Klassik: Wirkungszeit von Wieland, Goethe, Herder und Schiller in Weimar, je nach Zuordnung mit Beginn 1772 (Berufung Wielands nach Weimar durch Anna Amalie von Sachsen-Weimar -Eisenach), oder 1786 (Goethes erste Italienreise) und 1832 (Goethes Tod) oder 1794 bis 1805, während der gemeinsamen Schaffensperiode von Goethe und Schiller. Eine Literaturepoche im deutschsprachigen Raum, bei der Literatur vor allem dazu diente, die Menschen zu schönen Seelen zu erziehen (dabei sollte der Mensch ruhig, abgeklärt, in sich ruhend sein) und das Stremen nach Harmonie im Vordergrund stand.

5 biologistischer Essentialismus: Die Ideologie sogenannter TERFs (trans excluding radical feminists), aber auch einiger trans Menschen. Stark verkürzt dargestellt, der Fokus darauf, dass stark vereinfachte und außerdem veraltete Vorstellungen von Körpern die Identität einer Person festlegen. Dabei erfolgen beispielsweise gewaltvolle Fremdzuschreibungen aller Menschen mit Uterus als „Frau“ – als radikale und grausame Konsequenz dieses Denkens wird dann auch cis Menschen, die ihre Reproduktionsorgane durch Krankheit oder Unfall verlieren, ihr Geschlecht abgesprochen. (Und nein, Biologistischer Essentialismus ist nicht erst dann scheiße, wenn er auch cis Menschen trifft. Das ist er, egal wen es erwischt. Aber an diesem Beispiel sieht man mal wieder, wie absurd und gewaltvoll diese Fremdzuschreibngen sind.)

6 neurotypisch: Das Gegenteil von „neurodivers“. Der so geschaffener Begriff soll Pathologisierung und Othering abbauen, das sonst Menschen entgegenschlägt, die neuroatypisch/neurodivers sind. Mit neurotypischen Menschen sind beispielsweise Menschen gemeint, die keine Autist*innen sind.

7 abled: Das Gegenteil von disabled – also bedeutet der Begriff „nicht behindert“. Auch hier dient die Begriffsbildung dazu, Pathologisierung und Othering abzubauen, indem zwei Gegensatzpaare geschaffen werden. Zumindest im Mainstreamkino ist die Darstellung von Behinderung oft stark einseitig und wenn die behinderten Wesen Hauptfiguren sind, dann handelt es sich oft um rührselige Geschichten, die in den Vordergrund stellen, wie aufopferungsvoll sich andere ihnen gegenüber verhalten oder um Komödien mit Fokus auf die „lustigen“ Seiten einer Behinderung.

8 weiß: Der Begriff des Weiß-Seins ist weniger einfach als man meinen würde. Es handelt sich um eine politische Kategorie für Menschen, die von Konzepten wie „White Privilege“ und „White Supremacy“ profitieren in Abgrenzung zu Menschen, die unter diesen Konzepten leiden (das mündet dann in Rassismus, Antisemitismus, Antislawismus und vergleichbaren Diskriminierungsmechanismen). Das Schaffen eines Begriffs dient hier nicht nur zum Abbauen von Othering, sondern auch dazu, sich der Normen der Mehrheitsgesellschaft bewusst zu werden und somit die damit verbundenen rassistischen Denkmuster zu finden und zu hinterfragen. Wie wenig Weiß mit der realen Farbe von Haut zu tun hat, wird deutlich, wenn man beispielsweise den anti-irischen Rassismus recherchiert. Besonders komplex wird es da, wo sich Kategorien überschneiden – jüdische Menschen verlieren ihr White Privilege, sobald sie sich als jüdisch „outen“, aber gleichzeitig werden jüdische Menschen, die gleichzeitig BPoC sind, zusätzlich diskriminiert … Es ist komplizert.

9 allo: Kurz für „allosexuell“ und das Gegenteil von „asexuell“. Im Grunde genommen bedeutet das Wort nur „nicht auf dem asexuellen Spektrum“. Die Diskrimierung dahinter ist, dass die Eigenschaft „spürt grundsätzlich sexuelle Anziehung gegenüber anderen“ pauschal bei allen wichtigen Charakteren als gegeben vorausgesetzt wird.

10 monoamor: Gegenteil von „polyamor“ – die Norm, dass in den meisten Mainstreamwerken die Anzahl an Partnerpersonen, die zum größten Glück führt, mit exakt 1 angegeben ist. Weder die Option „glücklich single sein“ (also 0 Partnerpersonen) noch die Option „mit mehreren Personen gleichzeitig liebevolle Beziehungen zu führen“ (also 1+ Partnerpersonen) ist valide. Darauf basieren die vielen Plots, bei denen sich eine Person zwischen zwei Rival*innen entscheiden soll.

11 Ja, es gibt Möglichkeiten, die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung zu senken und manchmal die freie Entscheidung, diese wahrzunehmen oder nicht. Siehe Corona-Impfung. Aber grundsätzlich wirkt keine Prävention immer und garantiert zu 100%, sodass letzten Endes fast immer gilt: Krankheiten hat wesen sich nicht ausgesucht, die eigene Freizeitlektüre hingegen schon.

12. Das ist besonders perfide, da „Woke“ ursprünglich ein Begriff war, der von Schwarzen Menschen geprägt wurde, um über das erwachte Verständnis für die eigene Ungleichbehandlung zu sprechen. Siehe hierzu beispielsweise diese Quelle. Das Wort wurde jedoch insbesondere von Rechten und nach rechts lehnenden Personen verwendet, um abfällig über aktivistische Menschen zu sprechen und hat in dieser Funktion teils Eingang in die Umgangssprache gefunden, was von Betroffenen zurecht kritisiert wird.

Nazis kritisieren und beleidigen – ohne anderen Menschen zu schaden

Begonnen hat alles mit einem Twitterthread und gehört eigentlich zu einer ganz konkreten Unterhaltung, aber … wenn ich mir schon die Finger wundtippe und Dinge erkläre, dann … nun ja, so viel wie ich da getippt habe, kann ich daraus auch gleich einen Blogpost machen und das Ganze noch erweitern und mit Quellen aufhübschen.

Wichtiger Disclaimer: Die Erklärungstweets habe ich ursprünglich an einen ganz konkreten User geschrieben. Teile unserer Interaktion auf Twitter entstanden durch Missverständnisse, die darauf beruhen, dass man auch in 280 Zeichen nicht erschöpfend diskutieren kann. Diese Missverständnisse haben wir im Privaten inzwischen geklärt. Dieser Blogpost dient also NICHT dazu, einen konkreten User auf Twitter zu diffamieren, zu „dissen“ oder was auch immer. Aber ich habe nun einmal mein Wissen zum Thema „Marginalisierung“ und „Diskriminierungsmechaniken“ in diese Tweets gelegt und vermutlich ist es einer der Ausdrücke meiner Neurodiversität, dass ich gerne Dinge sammle. Darum will ich meine Erklärungen, möglichst losgelöst vom konkreten Gespräch, sammeln und anderen zeitlos zur Verfügung stellen.

Außerdem bin ich faul. Ich möchte die Möglichkeit haben, bei Diskussionen, die irgendwann in Zukunft stattfinden, einfach auf diesen Post verweisen zu können. So nach dem Motto „Da. Da habe ich es ganz lang, ausführlich und belegt erklärt. Lies das.“

Der Ausgangstweet

Angefangen hat alles damit – CN für reproduzierte homofeindliche und slutshamende Slurs:

Daraufhin war ein User verwundert, was denn an dem Wort „Schlampe“ das Problem sei und was folgt, ist jetzt zum Teil ein Copy-Paste meiner Erklärungen aus dem Twitterthread, zum Teil aber zusätzliche Erklärungen und Anmerkungen.

Bitte beachtet den Disclaimer oben. Teile der Unterhaltung beruhen auf einem Missverständnis und ich möchte ausdrücklich nicht, dass ihr dem User in die Mentions oder DMs slidet und ihn beleidigt. Es ist geklärt. Im Guten.

Außerdem poste ich hier Quellenbelege zum weiteren Nachlesen und überhaupt und sowieso. Wie gesagt, das dient jetzt nicht dazu, jemanden vorzuführen, ich will lediglich meine Ausführungen, die mir wichtig sind, nicht im unendlichen Twitterversum verlieren und außerdem um Aspekte erweitern, die im Twitterformat aufgrund der Zeichengrenze untergehen.

Was ist nun das Problem mit dem Wort?

Stark verkürzt: Es ist sexworker*innen-feindlich – und schadet somit Sexarbeiter*innen, während es Alice Weidel vermutlich sehr egal ist. Falls sie es denn überhaupt mitbekommt. (Falls sie es mitbekommt, ist es ihr vermutlich immer noch sehr egal, aber sie könnte euch verklagen. Ob damit jemandem geholfen ist? Weiß ich nicht.)

Das Wort, wenn es nicht auf Sexarbeiter*innen bezogen ist, hat außerdem eine zutiefst patriarchale Wurzel: Frauen, die (ob real oder angeblich) häufig wechselnde Sexualpartner*innen haben, werden stigmatisiert. Abgewertet. Bei Männern wird ein solches Verhalten dagegen gesellschaftlich gesehen entweder belohnt oder zumindest wesentlich weniger hart abgestraft. (Einen Barney Stinson finden viele Menschen lustig. Aber stellt euch vor, es gäbe eine ähnliche Figur – aber in weiblich. Was wäre das für ein Aufschrei in den Medien?)

Das Verhalten von Männern und Frauen wird nach wie vor unterschiedlich bewertet. Von nichtbinären Personen ganz zu schweigen, die im Mainstream derzeit nach wie vor nur unzureichend wahrgenommen werden.

(Ergänzung: Slutshaming ist darüber hinaus ein noch weitaus größeres und komplexeres Feld. Auch wenn dies bei heterosexuellen cis Männern nach wie vor seltener verurteilt wird, sind davon nach wie vor zahlreiche Menschen aller Geschlechter betroffen. Das fängt oft vor allem bei weiblich gelesenen Menschen an, die sich anhören dürfen, ihre zu knappe Kleidung würde andere, männlich gelesene Jugendliche ablenken und geht bei Menschen, die nicht dya cis hetero männlich sind, nicht selten nahtlos in Victimblaming über. Ist dir schon aufgefallen, dass bei Kleiderordnungen an Schulen es überproportional mehr Vorschriften für weiblich Gelesene gibt?
Auch Menschen, die Beziehungen eingehen, die nicht zwingend ins Klischeebild von „Mann+Frau daten, um zu schauen, ob dabei eine Ehe und Kinder rauskommen“, werden tendenziell öfter Opfer davon. Sei es, weil sie genderqueer sind, sei es, weil sie mehrere Partner*innen haben oder sich gar keine romantische Beziehung wünschen, sondern Freundschaft+ oder Sexdates vorziehen. Menschen, die nicht ins binäre, christlich geprägte Bild passen, bekommen überproportional viel Feindlichkeit ab. Und unter anderem auch Slutshaming.)

Darum ist es beispielsweise auch ein Problem, Witze über Trumps Gewicht zu machen. Trump tut ein solcher Witz nicht weh – falls er ihn überhaupt mitbekommen sollte. Aber Menschen, die ohnehin aufgrund ihres Gewichts strukturell diskriminiert werden, leiden darunter (eine gute Erklärung zu Fatmisia findet sich in diesem Blogpost , auf Englisch)– ich weiß leider nicht, ob die eingebetteten Bilder Alt-Text für Screenreader haben, aber wenn nicht, sagt mir bitte bescheid und ich füge welche am Ende des Blogposts ein, ein Post zum Thema „fett und trans“ findet sich hier, ebenfalls auf Englisch).

Das fällt in die gleiche Kategorie, wäre hier aber Fallbeispiel B. (Fallbeispiel A ist immer noch Alice Weidel).

Aber ich habe doch gar nichts gegen …

Stopp! Das können wildfremde Leute, die über deinen Tweet (oder deinen Post in sonsteinem sozialen Netzwerk, deiner Kolumne in einer Zeitung, deinem Leserbrief … was auch immer) stolpern, nicht wissen.

Deine Persönlichkeit, deine Haltung gegenüber Marginalisierten, dein Verhalten im Alltag ist ihnen unbekannt. (Und je nach Medium gibt es keine Möglichkeit, dass sich das ändert). Die Menschen sehen nur: Du hast den Slur verwendet.

Deine eigene Einstellung gegenüber Sexworker*innen und Menschen, die häufig wechselnde Partner*innen haben, bleibt unsichtbar. Was sichtbar wird, ist: Du reproduzierst den Slur und damit schadest du den Menschen, die du doch eigentlich gar nicht mitmeinen wolltest.

Denn das haben Slurs so an sich – auch wenn sie für eine konkrete Person verwendet werden, haben sie eine Signalwirkung über diese Person hinaus. Diese funktioniert auf zwei Wegen:

Weg 1: Gegenüber den Betroffenen. Ihnen wird signalisiert:

„Ich bin hier nicht erwünscht. Diese Person beschimpft zwar einen gemeinsamen Feind, aber sie signalisiert mir damit trotzdem, dass auch ich nicht willkommen bin, obwohl ich ebenfalls ein potentielles Opfer von Faschismus bin.“

Weg 2: Gegenüber der Gesellschaft. Ihr wird signalisiert:

„Das Stigma, das auf der marginalisierten Gruppe liegt, hat seine Berechtigung und wenn unangenehme Naziperson ebenfalls dieses Stigma teilt, dann ist das ein weiterer Grund, diese Gruppe zu hassen und zu verachten.“

Beides hat langfristige Wirkung – der Ton in der Gesellschaft wird rauer, die Grenzen dessen, was gesagt werden darf, verschieben sich. Zu dem Thema empfehle ich einen Artikel, der sich zwar konkret auf Antirassismus spezialisiert, aber dessen Botschaften man auf jede Form von Diskriminierung und Marginalisierung anwenden kann: „Der Antirassismus-Knigge“.

Ich zitiere Lann Hornscheidt:

Die Gewöhnung an Gewalt ist subtil, findet in langsamen Steigerungen statt, auch durch eine Gewöhnung an bestimmte Argumentationen und Begriffe. Viele Äußerungen waren vor zehn Jahren in Bezug auf muslimische Menschen und Menschen, die nach Deutschland flüchten mussten, in der deutschsprachigen Öffentlichkeit undenkbar. Heute werden sie von MinisterInnen und Parteien ausgesprochen, ohne dass dies allgemeines Entsetzen auslösen würde.

Mit diesem Wissen im Hintergrund: Nazis mit Slurs zu beleidigen, schadet Nazis nicht. Aber es hilft ihnen, denn indem du dich ihrer Rhetorik bedienst (selbst wenn es dazu dient, sie zu kritisieren), verschiebst auch du die Grenzen des Sagbaren un eine gefährliche Richtung.

Wichtig ist, wenn Menschen zurecht kritisiert werden, dabei keine absolut unbeteiligten Marginalisierten mit unter den Bus zu werfen. Auch Sprache ist Handlung (und kann somit Gewalt sein).
Dazu gehört für mich beispielsweise auch: Wenn aus irgendeinem Grunde eine trans Person faschistisch sein sollte, habe ich gefälligst trotzdem nicht deren Deadname zu verwenden, denn damit zeige ich auch trans Personen, die absolut in Ordnung sind, dass ich nur auf ihrer Seite bin, solange sie „brav“ sind. Das ist das falsche Signal. (Siehe dazu z.B. diesen Artikel).

Mit anderen Worten: Wenn ich eine marginalisierte Person kritisiere (in unserem konkreten Fall eine Frau), dann habe ich dabei keine Ismen zu verwenden. Denn damit reproduziere ich genau die Rhetorik, gegen die ich kämpfen will.

In Kurzform: Kritisiert Nazis dafür, dass sie Nazis sind. Unterlasst dabei jedoch Kommentare zu ihrem Gewicht, ihrem geistigen Zustand, ihrer Sexualität, ihrem Geschlecht … etc. etc. etc. Unterlasst Dinge, die Marginalisierten schaden können.

Margie… was? Kann man das essen?

Viele Menschen, die mit dem Begriff „Marginalisierung“ nichts anfangen können, sind nicht davon betroffen. Denn wer von Marginalisierung betroffen ist, kommt gar nicht darum herum, sich damit zu beschäftigen. Warum? Weil Microagressionen alltäglich sind. Benachteiligungen sind alltäglich.

Wenn ich zu einem Bewerbungsgespräch gehe dann weiß ich schon im Voraus, dass ich aufgrund meines ausländischen Klarnamens trotz meiner Studienabschlüsse und meiner Biografie mit der unsäglichen Phrase „Sie sprechen aber gut Deutsch“ arrangieren muss, beispielsweise. Stur lächeln und winken – denn die andere Person sitzt am längeren Hebel und hat hier mehr Macht über mich als ich über sie. Also habe ich, wenn ich einen Job möchte, in dieser Situation keine andere Wahl, als die Diskriminierung aufgrund meiner Herkunft auszuhalten und freundlich zu sein. Professionell.

Mich aufregen, heulen oder schimpfen kann ich dann auf Twitter und daheim. Andere Beispiele für Menschen, denen es ähnlich wie mir geht, gibt es in diesem Artikel.

Und aufgrund meiner Behinderungen komme ich nicht drum herum, meine Tage/Wochen teilweise akribisch um meine Kraftreserven herumzuplanen (und auch einzuplanen, dass durch einen plötzlichen Schmerzschub o.ä. sich alles verschieben könnte). Ein Faktor, der mir Teilhabe erschwert.

Nehmen wir als Beispiel konkret die letzte Woche: Meine Partnerperson hatte eine Woche frei, wir wollten Dinge unternehmen – die meisten beinhalteten, an Orten mit (vielen) anderen Menschen zu sein, eine der Unternehmungen bedeutete, dass ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren musste. Also habe ich sehr konkret Dinge geplant: Wie beispielsweise, an welchen Tagen wir zusammen welches Essen kochen, damit hinterher noch genug Löffel für Unternehmungen da sind.

An einem Tag, an dem ich weiß, dass ich zu einem Bewerbungsgespräch fahren muss, passiert in der Regel nicht mehr viel, wenn ich wieder daheim bin. Also: Habe ich noch Resteessen vom Vortag, das ich mir aufwärmen kann? Oder genug Zeug vorrätig, um mir

  • eine Pizza
  • eine Tütensuppe
  • ein beliebiges anderes Schnellgericht zuzubereiten?

Habe ich für den Fall eines akuten Tremorschubs, der bei mir oft mit Übelkeit verbunden ist, genug Lebensmittel, die ich zubereiten kann, ohne dabei etwas schneiden oder die Treppen in den Keller steigen zu müssen? Ich muss bei jedem einzelnen Wocheneinkauf meine Behinderungen und die Pläne für die Woche mit-denken. Sonst habe ich ein Problem.

Das zieht Kraft.

Wer sagt: „Ich kann mit dem Konzept nichts anfangen, weil ich selbst nicht diskriminiere“, übersieht  einen sehr großen Teil des Problems. Die, die von Marginalisierung betroffen sind, können die Dinge nämlich nicht beiseiteschieben. Sie leben damit. Tagtäglich. Es beeinflusst Entscheidungen und das tägliche Leben, weil ich nun einmal nicht einfach ignorieren kann, dass ich manchmal ohne Grund so stark bebe, dass mir davon schlecht wird. Oder dass Leute meinen Namen sehen und mich sofort in eine Schublade stecken.

Es ist ähnlich wie „Ich sehe keine Farben, das sind alles Menschen“ die Probleme von BI_PoCs unsichtbar macht.

(Es sei denn natürlich, die Formulierung ist unglücklich gewählt und ihr meint damit das aktive und bewusste Vorleben einer antirassistischen Haltung im Alltag. Das halte ich für lobenswert und wertvoll. Aber ohne Kontext suggeriert die Formulierung einen sehr unglücklichen Take und ich habe die Formuliering in der von mir oben erklärten Bedeutung schon so oft gesehen, dass ich es gar nicht zählen kann.)

Ich zitiere dazu eine WoC:

Gute Gedanken finden sich auch in diesem Artikel von 2015, in dem unter anderem Beispiele dafür gesammelt werden, die längst in Deutschland lebende PoC für Geflüchtete gehalten wurden – ein Zeichen von „Othering„. Ein langer, aber wichtiger und interessanter Artikel über die Geschichte von BI_PoC in Deutschland findet sich hier.

Aber ich bin doch nett …

Dass du persönlich allen Menschen mit Respekt begegnest, sollte dich niemals blind dafür machen, dass strukturelle Diskriminierung existiert. Du bist ein wunderbarer Mensch, weil du so handelst. Aber es ist wichtig, dass die Probleme, Sorgen und Nöte trotzdem gesehen werden. Und es ist wichtig, diese zwei Dinge zu unterscheiden.

Nur weil du freundlich bist, ist die Welt es noch lange nicht. Die Strukturen der deutschen und österreichischen Gesellschaft sind in ihrem Kern voller Probleme. Voller Ismen. Persönliches Verhalten trägt zweifelsohne dazu bei, den Druck auf Betroffene zu lindern. Es ist ein wichtiger Schritt, Mikroaktivismus gegen Einzelne. Es ist auch okay, wenn dir die Zeit, die Löffel oder die Ressourcen dafür fehlen, mehr zu tun.

Aber es ist wichtig, nicht aus den Augen zu lassen, dass die Gesellschaft als solche ungerecht ist, selbst wenn du dich bemühst, es nicht zu sein.

Außerdem: „Ich bin nett“ ist eine Aussage, die du über dich selbst triffst. Eine Behauptung. Du sprichst damit allerdings denen, die dich kritisieren, damit ihre eigene Urteilskraft ab. Erstens liegt darin eine unterschwellige Aufforderung, die anderen Gesprächsteilnehmer*innen sollen dich ebenfalls gefälligst nett finden (das ist vermessen). Zweitens unterstellst du ihnen damit mangelndes Urteilsvermögen. (Siehst du denn nicht von selbst, dass ich nett bin? Warum muss ich das extra sagen?)

Und vor allem: Nur weil du der Meinung bist, nett zu sein, müssen andere diese Meinung nicht teilen. Auch Menschen, die sich selbst als nett, als „die Guten“ definieren, machen Fehler und können in konkreten Situationen Aggressor*innen sein.

Im Prinzip ist dieser Satz eine Art Totschlagargument – mit der Betonung der eigenen moralischen Überlegenheit / Freundlichkeit soll den Kritiker*innen (bewusst oder unbewusst) der Boden unter den Füßen weggerissen werden. Denn kann man wirklich das Verhalten eines Menschen kritisieren, der gerade so lieb ist, ohne sich selbst furchtbar zu fühlen, weil die andere Person doch so nett ist?

Die Grenze zu Gaslighting ist … subtil.

Was hat das mit Slurs zu tun?

Eine ganze Menge. Im Prinzip geht es ja um die Frage, was „gutes Verhalten“ ist, was gute Unterstützung für marginalisierte Gruppen.

Und ein für alle, die in den sozialen Netzwerken unterwegs sind, vergleichsweise niedrigschwelliges Tool hierfür ist die achtsame Sprache, die ja, das haben wir weiter oben gelernt, bereits in sich ein Widerstandsinstrument ist.

Nur weil du einen Slur nicht als solchen siehst (was dir, wenn du nicht davon betroffen bist, ohnehin nicht zusteht), wird das Wort nicht automatisch gut und okay.

Ich habe im Netz sehr oft diesen Satz gelesen: „Aber ich bin mit Person C aus Personengruppe XY befreundet und wenn ich Person C [slur] nenne, sagt sie nichts und lacht.“

Vielleicht hat die Person Angst. Angst vor Othering. Angst vor körperlicher Gewalt, vor Ausgrenzung. Vor was auch immer. Ich lächle ja auch, wenn man mich für mein Deutsch lobt oder mir sagt, ich müsse als „Russin“ aufpassen, nicht so resolut zu sein, das würde sensible Kinder verängstigen, weil … man hätte mal vor zehn Jahren oder so zwei Russinnen beschäftigt, die sind seitdem in Rente, die waren immer so barsch, ne? Auch wenn ich innerlich schreie.

Es ist Angst. Ausgeliefertsein, weil in manchen Fällen von Gewalt das Opfer aufgrund der Zugehörigkeitsgruppe mit geringerer Wahrscheinlichkeit Hilfe bekommt, beispielsweise.

Es ist was anderes, wenn die Leute sich selbst so bezeichnen. „Ich bin eine geile Schlampe und stolz darauf“? Kein Problem. Aber nur weil eine Person ein Wort reclaimt und es für sich verwendet, heißt das nie, niemals, wirklich nie, dass ihr das auch dürft. Zumindest solltet ihr vorher fragen.

Ich bezeichne mich beispielsweise selbst oft als queer. Dieses Wort wurde jedoch früher als Beschimpfung verwendet. Einige Leute sagen explizit, dass sie nicht von anderen so genannt werden wollen – auch wenn sie den Begriff ab und zu für sich selbst nutzen. Kompliziert wird es dadurch, dass das Wort im deutschsprachigen Raum erst viel später ankam und die Verwendung als Slur nie stattgefunden hat – trotzdem ist das Wort historisch vorbelastet.

tl;dr: Wenn Marginalisierte für sich ein Wort zurückerobern und positiv neu besetzen, ist das kein Freifahrtschein für alle, es einfach wieder zu verwenden.

Aber ich bin doch selbst marginalisiert, ich kann gar nicht diskriminieren

Nope. Nopey. Nopedynopenope.

Ich war mir als Jugendliche sicher, ich könnte als Ausländerin niemals rassistisch sein. Oder als Frau niemals sexistisch – ich habe mich zu Beginn meiner Studienzeit geweigert, zu gendern. „Ich bin eine Frau, ich kann mich nicht selbst ausschließen, das geht ja gar nicht!“ Das stimmt aber schlicht und ergreifend nicht.

Überraschung.

Wir leben in einer so sehr von Ismen durchwachsenen Gesellschaft, dass es schlicht nicht möglich ist, nichts davon unbewusst doch irgendwie mit aufzusaugen. Dazu kommen noch die ganzen internalisierten Geschichten. Hier beispielsweise ein Artikel zum Thema „internalized misogyny„, der außerdem das Thema Slut-Shaming aufgreift, womit hier alles angefangen hat. (Der Artikel ist nicht perfekt, aber liefert eine Erklärung und eine Diskussionsgrundlage. Ich selbst sehe vor allem das „Nicht wie andere Frauen“ deutlich differenzierter, aber das verdient irgendwann einen eigenen Blogpost.)

Wichtig ist: Die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen und aufzubrechen ist harte Arbeit und tut gerade dann weh, wenn man sich selbst als „eine*n von den Guten“ sieht. Aber es lohnt sich. Immer. Für sich. Für die Mitmenschen.

Sollten wir nicht lieber den Faschismus bekämpfen, statt uns über sowas zu streiten?

Jein.

Wie ich oben bereits dargelegt habe, stärkt faschistisches Verhalten (wozu auch das Reproduzieren von Slurs gehört) den Faschismus. Wenn also eine linke Person eine andere linke Person darauf aufmerksam macht, dass ein Wort ein Slur ist und bitte nicht verwendet werden soll, um über Nazis zu sprechen, ist das das genaue Gegenteil davon.

Mit anderen Worten: Wenn eine linke Person eine andere darum bittet, keine Slurs zu verwenden, ist das eine antifaschistische Handlung. Es dient dazu, zu verhindern, dass linke Personen faschistische Rhetorik verwenden und damit die eigenen Ziele aushöhlen.

Und weil ich vermutlich immer noch unnötig kompliziert formuliere, noch mal so, dass ich auch in zwei Wochen noch verstehe, was ich gemeint habe:

Linke Person 1: Nutzt Slur.
Linke Person 2: Tu das nicht, das ist ein faschistisches Wort, du tust damit Gruppe x weh.
Linke Person 1, im Idealfall: Oh, tut mir leid, kommt nicht wieder vor!
Linke Person 1 hat gelernt, dass das Nutzen des Slurs die eigenen Ziele zunichte macht und Unbeteiligte verletzt.

Stattdessen passiert oft das:
Linke Person 1: Nutzt Slur.
Linke Person 2: Tu das nicht, das ist ein faschistisches Wort, du tust damit Gruppe x weh.
Linke Person 1: Du spaltest die Linke, du Widerling! Lass mich in Ruhe! *Blockgeräusch*

Und das ist viel problematischer.

tl;dr: Das Aufzeigen problematischer Verhaltensweisen auch innerhalb von Menschen, die gegen Faschismus sind, ist keine Spaltung, sondern bewirkt auf lange Sicht eine Verbesserung. Antifaschistische Positionen werden gestärkt und es wird aktiv gezeigt, dass alle Gruppen, die unter Faschismus leiden würden, mit-gedacht werden.

Wie du ganz persönlich zu Personengruppe y stehst, macht die strukturelle Diskriminierung, der diese Gruppe ausgesetzt ist, nicht ungeschehen. Als Unterstützer dieser Gruppe wäre es daher wünschenswert, wenn auch du den Slur nicht reproduzierst.

Gerade weil wir im selben Boot sitzen, ist es wichtig, diese Dinge zu verstehen und das strukturelle Problem dahinter nicht zu ignorieren. Darum geht es hier die ganze Zeit. Dass Unschuldige, die genauso gegen Faschismus sind, die genauso darunter leiden, nicht unter den Bus geworfen werden, wenn Faschist*innen beleidigt werden.

Dass Stigmata nicht verschärft werden (siehe oben die „Auswirkungen auf die Gesellschaft“).

Wo wir gerade beim Thema sind, ist es im Übrigen auch problematisch, Faschist*innen als „d*mm“ zu bezeichnen. Siehe hierzu dieser Artikel, der sich ebenfalls mit achtsamer Sprache beschäftigt und die Probleme gut aufzeigt. Ebenfalls mit vielen Erklärungen, Quellen, Belegen und Ressourcen zum weiterlesen.

Vom konkreten Fall losgelöst und in einer Formel dargestellt …

… weil mir solche Scripts helfen und unter denen, die das hier lesen, vielleicht auch andere Menschen sind, denen Scripts in solchen Situationen gut weiterhelfen:

Wie du ganz persönlich zu Personengruppe y stehst, macht die strukturelle Diskriminierung, der diese Gruppe ausgesetzt ist, nicht ungeschehen. Als Unterstützer dieser Gruppe wäre es daher wünschenswert, wenn auch du den Slur z nicht reproduzierst.

Äh, du bist Autorin pornografischer Literatur, warum dieser Blogpost?

Hey, hast du da gerade das Vorurteil reproduziert, dass ich als Autorin von Erotik keine tiefgreifenden Gedanken zu ernsten Themen haben kann? 😉

Ups.

Jetzt hätte ich aber beinahe das Wichtigste vergessen: Wie mache ich es richtig?

Zwei Varianten:

Variante eins: Nicht beleidigen, sondern konkret benennen. „Diese Person ist ein*e Nazi-Person und handelt faschistisch. Und zwar in Instanz a, b, c und d. Außerdem tätigt diese Person Äußerungen, aus denen e und f gefolgert werden können, was ebenfalls faschistischer Ideologie entspricht. Darüber hinaus hat die Person mit Verhalten g bewiesen, dass […]“

Variante zwei: Wenn ihr nun unbedingt beleidigen müsst – und manchmal ist da einfach Zorn, der raus muss und wo es nicht anders geht – nutzt keine Slurs. Verwendet beispielsweise Pilznamen: „Person ist eine erbärmliche Binsenkeule und eine furchtbare Braunkappe!“ Oder erfindet gleich eigene. „Nazis sind Tümpeltröten und müssen bekämpft werden!“

Achte darauf, keine ableistischen, saneistischen oder anderweitig problematischen Begriffe zu verwenden – damit wirfst du die Betroffenen mit unter den Bus und das willst du dezidiert nicht tun.

Noch einmal alle Quellen übersichtlich sortiert:

Fatmisia:

Basiserklärung: https://crankyautistic.wordpress.com/2017/06/28/what-is-fatphobiafatmisia/
Intersektionalität (Fett und trans): https://medium.com/@kivabay/the-intersection-of-fatmisia-and-transmisia-78fb10f90551 

Rassismus:

„Der Antirassisumus-Knigge“ – ein hervorragender Artikel dazu, warum achtsame Sprache ein Element des antifaschistischen Widerstands ist: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2020/01/diskriminierung-antirassismus-adolph-freiherr-knigge-update/komplettansicht
MeTwo – Menschen sprechen über Rassismus: https://www.sueddeutsche.de/medien/metwo-sie-sprechen-aber-gut-deutsch-1.4072671
Integration – Rassismus – Flüchtlingshilfe: https://www.zeit.de/kultur/2015-10/integration-rassismus-fluechtlingshilfe-10nach8/komplettansicht
Identitäten – Farbe bekennen: https://www.deutschlandfunk.de/identitaeten-6-7-farbe-bekennen.1184.de.html?dram:article_id=467255

Transfeindlichkeit:

Ein Artikel darüber, dass Deadnaming Gewalt ist: https://www.huffpost.com/entry/deadnaming-a-trans-person-is-violenceso-why-does_b_58cc58cce4b0e0d348b3434b

Queermisia allgemein:

Queer als slur: http://queergrace.com/queer/

Sexismus

Internalized Misogyny: https://innenansicht-magazin.de/2017/11/18/internalized-misogyny/
Victim Blaming: https://www.monda-magazin.de/leben/was-ist-victim-blaming

Ableismus

Warum Nazis nicht dumm sind: https://hirngefickt.wordpress.com/2016/01/24/warum-nazis-nicht-dumm-sind/

Allgemein / Sonstiges:

Was ist Othering? https://www.diversity-arts-culture.berlin/woerterbuch/othering
Pilznamen für kreative Beleidigungen: https://www.pilzfinder.de/pilze.html

Erweiterte Lektüre, die nicht im Blogpost vorkam, die aber einfach gut ist und die Themen aufgreift:

Hängt mit internalisierter Misogynie zusammen: Abwertung der Romantik als „Frauengenre“ (das ist der beste Blogpost, den ich je zu diesem Thema gelesen habe).

Gastbeitrag von Ellie auf dem Blog von Persephone: Über öffentliche trans Stimmen.

Persephone selbst schreibt hier über Schönheitsideale und Kolonialismus.

Update in der Sache „PAN und die #Moralapostel_in (nen)“

Eigentlich wollte ich gar keinen neuen Blogpost dazu schreiben. Ich dachte, ich aktualisiere Blogpost eins und gasut ist. Zumindest war das mein Gedanke, als ich das Statement des Vereins auf Twitter gesehen und mir selbst per Mail zugeschickt habe, um es heute auch ja nicht zu vergessen.

Dann habe ich es noch mal gelesen und festgestellt, dass die Textmenge, die ich da zu verlieren habe, allein aufgrund der Übersichtlichkeit doch in einen eigenen Blogpost gehört. Aber seht selbst:

Ein Schritt vor – zwei zurück: Tone Policing

Zunächst einmal: Ja, es ist wirklich gut, dass der Redner wieder ausgeladen wurde. Kees ist kein Phantast, weiß nichts von den Diskussionen, Besonderheiten, Kämpfen im Genre und bekommt so keine Gelegenheit, 45 Minuten lang das eigene Publikum (sofern jemand hingegangen wäre) zu beschimpfen.

Auch dass offen zugegeben wurde, dass man vielleicht nicht alle Seiten der Diskussion mitbekommen hat und vielleicht das eine oder andere überlesen hat, ist okay. Und absolut verständlich. Ich bin nur auf Twitter unterwegs, aber meine Bubble ist vergleichsweise klein (und besteht nicht nur aus Fantastik / Büchermenschen, sondern auch z.B. teilweise aus Leuten der BDSM-Bubble, die mit der ganzen Geschichte nur dann was am Hut haben, wenn sie zufällig ebenfalls in irgendeiner Weise Fantastik rezipieren oder selbst verfassen.) Was auf Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken gesagt wurde (und wie), weiß ich nicht.

„Bei einigen der Posts hat uns der herrschende Tonfall unangenehm überrascht, den wir als aggressiv und unangebracht empfanden“

Dieser Satz ist problematisch. In höchstem Maße problematisch. Im Grunde genommen sagt er aus: Wir lassen uns gerne von euch kritisieren und hören uns eure Kritik auch an – aber seid dabei gefälligst freundlich und höflich!

Im Blogpost vom 06.02. schrieb ich bereits, dass der Take, vor allem marginalisierten Personen nur dann eine Meinung zuzugestehen, wenn sie die in einem bestimmten Ton vortragen, sehr problematisch ist. Marginalisierte haben ein Recht auf ihre Wut. Und sie haben auch ein Recht darauf, ihre Wut zu zeigen und in ihrer Wut gehört zu werden.

Punkt.

Da gibt es keine Diskussion.

Mit anderen Worten: Statt einer Entschuldigung gibt es einen klassischen Fall von „Ja, schon gut, wir laden ihn ja schon aus, aber bisserl freundlicher hättet ihr das schon sagen können, gell?“

Auf Twitter hat jemand dazu diesen Artikel mit Comic (bitte ein Stück zum Comicteil scrollen, der kommt nach dem Textteil) verlinkt, der das Problem aufzeigt. Kritik wird nicht weniger valide, wenn sie wütend und emotional vorgetragen wird. Statt sich mit dem Inhalt der Kritik auseinanderzusetzen („Ihr habt einen Redner eingeladen, der nicht nur branchenfremd ist, sondern auch die Bemühungen vieler Kunstschaffenden um Diversität mit Füßen tritt und den Marginalisierten unter den Mitgliedern und interessierten das Gefühl gebt, nicht willkommen zu sein“), wird sich am Tonfall abgearbeitet.

Emotionen sind jedoch ein Kernbestandteil des Problems und untrennbar damit verbunden. Ich war enttäuscht (weil ich den Verband vor allem durch das Ausrichten von Aktionen wie „Think/Dream Ursula“ anders eingeschätzt habe und durch das Einladen von Herrn Kees eine sehr andere Positionierung vorgenommen wurde). Andere fühlten sich verraten, verletzt, übersehen, ins Gesicht geschlagen ... Und das darf dann auch gesagt werden. Durchaus auch mal schärfer.

(Nein, ich meine damit keine Beleidigungen ad hominem etc. – aber mir ist aufgefallen, dass Reaktionen, die bei privilegierten Menschen als „durchsetzungsstark“, „mutig“ etc. eingestuft werden, bei Marginalisierten als „übertrieben“, „zickig“ etc. gelesen werden. Und auf das will ich hinaus.)

Ich nehme an, dass allen bewusst ist, dass der Vorstand nicht sofort antworten kann. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die sogenannten „Pistole auf der Brust“-Tweets zum größten Teil gar keine Aufforderungen an den Vorstand enthielten, sondern Ich-Botschaften sendeten. „Weil x passiert ist, überlege ich, auszutreten“ und „Weil x passiert ist, hat der Verein für mich an Glaubwürdigkeit eingebüßt“. In meinem Fall: Aufgrund dieses Ereignisses sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemals beitreten werde.
Hier wird also nicht einmal zwingend (oder zumindest nicht unbedingt intendiert) der Verein in irgendeine Pflicht genommen.

Innerhalb der Fantastik-Szene hat der Verein inzwischen nun einmal eine Reichweitenverantwortung und auch wenn sehr viele Fantastik-Autor*innen keine Mitglieder sind, will der Verein auf lange Sicht auch sie vertreten, will der Verein auf lange Sicht die gesamte Szene verändern.

Dazu ist es jedoch auch notwendig, dass sich alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Hintergründen, Interessen und auch etwaigen Privilegien und Marginalisierungen (weder das eine noch das andere sind Einbahnstraßen) vertreten fühlen können. Und wenn ein Fehler gemacht wird, der einen Teil der Fantastik-Szene komplett vom Verein entfremdet, hat man sich dafür zu entschuldigen. Aufrichtig zu entschuldigen. Und nicht … was auch immer das Statement sein soll.

Wer neutral sein will, stellt sich immer auf die Seite der Unterdrücker*innen

Oder, um Elie Wiesel zu zitieren:

„Man muss immer Partei ergreifen.
Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer.
Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten.“ (Quelle)

Das ist etwas, das die Mitglieder des Vorstandes noch verinnerlichen müssen. Man kann nicht neutral sein, wenn etwas gewaltig schief läuft. Man kann nicht sagen „Aber man muss beide Seiten sehen“, wenn eine der Seiten fordert, alle Stimmen, die ihr nicht passen, wieder zum Verstummen zu bringen.

Wer sich weigert, sich zwischen Richtig und Falsch zu entscheiden, wählt automatisch das Falsche, das Unterdrückende. Wird Mitläufer*in. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Politik. Im Leben. Überall.

Wer nicht explizit sagt, dass marginalisierte Stimmen willkommen sind und „dass man auch die kritischen Stimmen hören müsse“, schließt marginalisierte Stimmen bereits aus.

Ein kleines Schlusswort

Ich wünsche dem Verein alles Gute und hoffe, dass die verbliebenen progressiven Kräfte daran arbeiten, ihn wieder in eine Richtung zu rücken, die ihn auch wirklich dazu befähigt, für einen großen Teil der Szene zu sprechen.

Und ich wünsche vom Herzen, dass Lehren aus dieser Situation gezogen werden, die über ein „Die Marginalisierten waren böse zu uns und wollen nicht mehr mit uns spielen“ hinausgehen.

Eigentlich geht es mich nichts an, aber uneigentlich dann doch – oder: PAN e.V. vs die #Moralapostel_in (en)

Ich bin ein recht kleines und recht neues Licht und ich habe, wie schon bei meinem ersten Meinungsposting, das Gefühl, ins Leere zu schreiben. Trotzdem kann ich nicht anders, weil die Dinge nun auch einmal gesagt werden müssen, die mir durch den Kopf gehen. Nicht nur im flüchtigen Format eines Twitterthreads, den ich hinterher nie mehr wiederfinden werde, um mich daran zu erinnern, was da los war, sondern hier. Stets leicht durch die Stichwörter herauszusuchen und so. Zumindest für mich. Vielleicht auch für andere, die bei der ganzen Diskussion ein diffuses Unbehagen spüren, aber nicht in Worte fassen können. (So wie es mir früher oft ging, ehe ich mich mit Problematiken beschäftigt habe und anfing, Worte für meine Fragen zu finden. Leider hat das selten Antworten gebracht.)

Was genau ist eigentlich passiert?

Der Verein „Phantastik-Autoren-Netzwerk E.V.“, kurz „PAN“, veranstaltet dieses Jahr zum fünften Mal ein Branchentreffen. So weit, so normal. Wie jedes Jahr kommen dabei unterschiedliche Menschen bei Vorträgen, Interviews und Panels zu Wort. Auch da ist noch nichts verwerflich. Allerdings hat der Verein dieses Jahr einen Gast geladen, dessen Vortrag dem widerspricht, was der Verein in den letzten Jahren aufgebaut hat:

Screenshot:

13.45
Rettet die Kunst vor den Moralaposteln!
* Peter Kees, Konzeptkünstler
Screenshot: Programm des 5. Brachentreffens

Dieser Autor ist allerdings kein Unbekannter in der Literaturszene. In einem gleichnamigen Artikel / Podcast bei „Deutschlandfunk Kultur“ macht er einen Rundumschlag à la „alter weißer dya cis Mann“: Achtsamkeit in der Literatur und das Übernehmen von Verantwortung gegenüber den Leser*innen in Form beispielsweise von Sensitivity Reading und Triggerwarnungen ist in seinen Augen das Ergebnis der Taten einer „Kulturpolizei“ und die einfache Aufforderung, auch in der Kunst einfach mal kein Arschloch zu sein, wird von ihm mit dem Begriff der „politischen Korrektheit“ umschrieben. Nur um sich anschließend in der Opferrolle zu suhlen.
Leser*innen wollen Bücher von Menschen nicht mehr lesen, die ihnen ihre Existenz absprechen und sagen, dass sie auf ihre Bedürfnisse pfeifen? Oh, wie können die Leser*innen nur, da muss man sofort das Nazi-Label auspacken und sich selbst auf die Stirn kleben.

Uff.

Der Artikel liest sich wie ein Bullshitbingo voller rechter Kampfbegriffe (siehe der ganz oben verlinkte Blogpost, da erläutere ich das ein wenig näher). Und nun bekommt dieser Mensch 45 Minuten, um unwidersprochen sein Gedankengift auf die Anwesenden zu träufeln.

Andere Autor*innen sind berechtigt empört, darunter auch etliche Mitglieder des Vereins und mindestens eine der Vortragenden (die ich sehr schätze).

Problematische Reaktion des Vereins

Mehrere Tweets, darunter einer von Susanne Kasper, kritisierten den Programmpunkt berechtigt. Die Antwort darauf fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrupe:

Screenshots zweier unsignierter Tweets von PAN e.V.:

Gerade kontroverse Themen, die zur Diskussion und zum Meinungsaustausch führen, sollten dieser Tage eine Plattform bekommen. Es kann nicht im Sinne der Kunstschaffenden sein, sich innerhalb ihrer Filterblasen gegenseitig die Schultern zu klopfen und sich zu vergewissern, dass schon alles schön ist, wenn man nur unter sich bleibt. Unterschiedliche Standpunkte führen zu Reibung und gerade die macht Diskussionen interessant.
Ein Screenshot der Tweets von PAN e.V. – unsigniert. (Quelle)

Und? Müsst ihr schon „Bingo!!!“ schreien?

Das Problem ist: Das Ganze wirkt sehr fadenscheinig.

Die Form des Programmpunktes – ein Vortrag, bei dem der Vortragende ungestört und unwidersprochen seine reaktionären Ideen eines Diskurses vortragen darf – ist für eine Diskussion ungeeignet (wie auch schon auf Twitter kommuniziert wurde), wodurch sich der Verein wiederum reaktionär und diversitätsfeindlich positioniert.
Selbst wenn man anschließend eine Diskussion laufen lässt: Zunächst einmal haben diese reaktionären Ansichten freie Bühne. Menschen, die sich für die Repräsentation marginalisierter Gruppe in der Literatur stark machen, für Achtsamkeit und Sensitivity Reading, für einen Fortschritt in der Fantastik, werden 45 Minuten lang beschimpft – und sollen danach höflich und freundlich mit dem Beschimpfenden über ihr Recht auf die eigene Kunst und über ihre eigene Daseinsberechtigung diskutieren? Dabei beide Seiten sehen?

Ich verlinke Judiths Tweet, unter dem ich mich geäußert habe:

Ich will es eigentlich diplomatischer formulieren, aber: WTF?!

So oder so – die Marginalisierten haben verloren. Es gibt keinen Weg für uns, einen so gestalteten Diskurs zu gewinnen. Das tut weh. (Im Übrigen auch eine Form, wie sich Marginalisierung äußert – dadurch, dass die privilegierte Seite den Diskurs so formt, dass marginalisierte Stimmen gar keine Möglichkeit haben, für sich einzustehen. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Wut u. a. bei Frauen und insbesondere bei WoC nach wie vor oft mit dem Entzug der Glaubwürdigkeit bestraft wird. Siehe dazu dieser Artikel imSZ-Magazin (CN: Cis-Sexismus) und dieser englischsprachige Wikipedia-Artikel. Ich bin mir sicher, dass es entsprechende Artikel auch im Bereich Ableismus und über queere Menschen gibt, zumindest im Bereich Ableismus erinnere ich mich an entsprechende Tweets vom Rollifräulein und Anastasia Umrik. Die ideale „Non abled“-Person hat gefälligst dankbar und demütig zu sein, sonst leidet die Glaubwürdigkeit und es wird keine Hilfe erteilt, so die Erfahrung von ihnen und zahlreichen weiteren Aktivist*innen und Betroffenen.)

Der Schaden ist bereits angerichtet, auch wenn der Verein nun zurückrudern möchte und versucht, eine Podiumsdiskussion in Anschluss an den Vortrag zu organisieren (Quelle).

Mit der Argumentation, man solle doch „beide Seiten“ hören und „auch die andere Seite hat ihre guten Punkte“ wird die Hufeisentheorie, die schon in der Politik zu einem Rechtsruck geführt hat und erwiesenermaßen mistig ist (eine Erklärung des Konzeptes gibt es hier, auch wenn meiner Meinung nach die Kritik in diesem Artikel zu kurz kommt) in die Welt der Literatur eingeführt. Das ist problematisch, ich schreibe weiter unten, warum.

Die Glaubwürdigkeit eigener Aktionen leidet darunter

Der gleiche Verein, der unter anderem daran beteiligt war, das Projekt „Think Ursula“ und das Nachfolgeprojekt „Dream Ursula“ zu initiieren oder mit der Phantastik-Bestenliste eine Genre-Instanz geschaffen hat*, die dazu dienen soll, die Vielfalt qualitativ hochwertiger Publikationen aus dem Genre aufzuzeigen, lädt nun einen Redner ein, der gegen all das ist, was der Verein geschaffen hat. Zumindest sieht es so für mich von außen aus. Und auch wenn ich viele Mitglieder persönlich sehr gerne mag und als Autor*innen und Expert*innen schätze, leidet für mich damit der Ruf des Vereins an sich.

Whataboutism, Augenhöhe und andere Probleme

Wie weiter oben bereits erwähnt, findet hier keine Diskussion auf Augenhöhe statt. Eine privilegierte Person (und als weißer dya cis Mann hat der Redner nun einmal Privilegien) redet darüber, dass die eigene Kunstfreiheit eingeschränkt ist, wenn man

  1. Marginalisierte nicht mehr einfach aus der Kunst raushalten darf
  2. nicht in der eigenen Kunst unreflektiert scheiße gegenüber Marginalisierten sein darf

Das ist eins zu eins wieder die „Schreiben mit Kondom„-Geschichte, nur halt mit Gemecker von einem anderen Privilegierten, der sich darüber echauffiert, dass er heutzutage nicht mehr von seinem hohen Ross herab Leute beleidigen darf, ohne dass die Beleidigten darüber schimpfen und sich wehren.

Susanne Pavlovic bringt es auf den Punkt:

Es sollte schlicht und ergreifend nicht zur Diskussion stehen. Es sollte im Jahr 2020 Konsens sein, dass es nicht normal ist, wenn Menschen (in diesem Fall: ich) vor Freude und Rührung wie ein Schlosshund losheulen, weil sie erfahren, dass in EINEM Buch mal eine Figur vorkommt, die die gleiche sexuelle Orientierung hat.

Jede*r verdient es, sich selbst in mehr als einem Buch wiederzufinden und nach diesen Büchern nicht unbedingt in der Nische suchen zu müssen, sondern überall fündig werden zu können.

Wenn alte, weiße dya cis Männer nur noch Literatur für andere weiße dya cis Männer schreiben und an alle anderen kein müdes Heftchen mehr verkaufen, weil es endlich mehr und Besseres gibt, sollten sie sich an die eigene Nase fassen müssen, statt noch ein Podium für ihr „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ und ihr „Ja früher, da durften wir beleidigende Dinge über [hier marginalisierte Gruppe einfügen] schreiben und die Leute haben uns zugejubelt und uns mit Geldscheinen beworfen. Das haben die pööösen Social-Justice-Warriors und Moralapostel_innen nun alles zerstört!“ zu bieten.

Das will doch niemand mehr hören oder lesen. Wir haben es satt. So satt.

Oder, um es kurz zu sagen:

Das ist eine Ecke, in die ihr nicht gestellt werden wollt. In die niemand unfreiwillig gestellt werden will.

Und ehe ich das Ganze noch mehr ausufern lasse, poste ich diesen Beitrag jetzt endlich.

* Korrektur: Die Idee zur Phantastik-Bestenliste kam zwar ursprünglich vom Verein, dieser hat die Idee jedoch nicht selbst umgesetzt und seit ihrem Bestehen ist die Liste in den Händen von „Literaturschock“ / Susanne Kasper (Quelle)


Äußerungen auf anderen Blogs:

„Alles ist politisch“ von Amalia Zeichnerin

Willkommen auf … Patreon!

Ich bekam ganz viele Nachrichten von sehr lieben Menschen, dass sie schlechtes Gewissen haben, meine kostenlosen Sachen auf dem Blog einfach zu lesen, ohne mir etwas dafür geben zu können.

Erst einmal: Wie süß seid ihr bitte? ❤

Ich habe mich nach Diensten umgeschaut, denn ganz ehrlich? Ich kann Geld gebrauchen (einige auf Twitter haben mitbekommen, dass ich gerade nach einer Halbzeitstelle suche) und auch wenn ich viel selbst machen möchte: Alles kann ich leider nicht alleine stemmen und das eine oder andere im Autor*innenleben kostet.

Nun, hier ist die Seite – nach anfänglichen Schwierigkeiten auch mit einem merkbaren Handle. Es gibt genau ein Tier (5$, vielleicht ändere ich das noch) und ihr bekommt ein paar Bonusinhalte. Außerdem schreibe ich allen, die neu auf der Seite sind, ein exklusives Drabble zu einem frei gewählten Prompt.

Beizeiten gibt es noch einen Link im Menü, damit es nicht zu übersehen ist. Ich danke allen, die an mich herangetreten sind ❤